Wassermangel: Iran kann Hauptstadt laut Geografen nicht verlegen
Wassermangel, Verkehrschaos, Erdabsenkungen: Seit Jahrzehnten kursiert die Idee, Irans Hauptstadt wegen dieser Probleme zu verlegen. Jetzt soll es wegen extrem langausbleibendem Regen konkret werden. Verschärfe sich die Lage weiter, müsste Teheran als Hauptstadt aufgegeben werden, sagte Präsident Masoud Pezeshkian. Ein österreichischer Geograf erklärt, dass das Mullah-Regime dazu gar nicht in der Lage ist.
Rund 850 Tage ohne nennenswerte Niederschläge sind verstrichen. Die Stauseen, die früher rund 70 Prozent des Wasserbedarfs deckten, sind praktisch leer. Sonstige Reserven kommen aus unterirdischen Gesteinsschichten, die Grundwasser speichern. Doch dieses Reservoir schrumpft dramatisch.
Ankündigungen, Teheran umzusiedeln, bezeichnet der Geograf Martin Seger von der Universität Klagenfurt jedoch als "leeres Geschwätz". Er begründet: "Die Islamische Republik Iran kann sich ein Bau-Großvorhaben nicht leisten. Sie braucht das Geld zur Aufrechterhaltung der inneren und der äußeren Sicherung des Systems, zum Systemerhalt." Seger ist seit 1971 immer wieder in Teheran unterwegs und verfolgt die "Hauptstadtverlagerungsstories" somit schon Jahrzehnte aus der Nähe.
Nichts Konkretes dabei
Bereits Anfang November hatte Pezeshkian gesagt, dass Teheran evakuiert werden müsse, wenn es bis zum Jahresende nicht regnet. Später erklärte die iranische Regierung aber, der Präsident habe mit seinen Äußerungen lediglich die Ernsthaftigkeit der Lage unterstreichen wollen. Laut Seger sei "nicht in Ansätzen etwas Konkretes dabei". Die Islamische Republik sei dazu nicht einmal technologisch in der Lage, sagt der Geograf.
"Das Land verfügt über etliche alte und gut gewachsene Millionenstädte", merkt Seger an. In diese könnte man diverse Sektoren der staatlichen Verwaltung dislozieren. Doch das New Towns-Programm, das auf die Dezentralisierung Teherans abzielte, sei "ein Flop", so der Geograf. Es sollte eine autarke Satellitenstadt mit Arbeitsplätzen, Wohnraum und Dienstleistungen geschaffen und so die Überbevölkerung bekämpft werden. Städte, sagt er, sind allerdings "komplizierte Organisationen, nicht nur Konstrukte". Beton allein führe zu nichts, wie man am Anfang der 2000er Jahre neuerbauten Parand erkennen könne: Die Stadt fungiert aufgrund systemischer Probleme in Planung und Verwaltung hauptsächlich als Wohnort für Pendler - und entwickelte sich nie zu einem begehrenswerten urbanen Zentrum.
"Das letzte Kaff"
Über die Jahre gab es auch eine Reihe andere Vorschläge, zum Beispiel Lorestan. Die Stadt hätte genug Wasser und Fläche, war den Verantwortlichen allerdings zu gefährlich, weil sie zu nah an der irakischen Grenze liegt. "Und dann höre ich, Chahbahar soll groß ausgebaut werden. Ein mickriger Hafen nahe der Grenze zu Pakistan, am Indischen Ozean", sagt Seger. Das sei gut und wichtig für die Intensivierung des Handels in Südostasien. "Aber zentrale Dienststellen? Nein, danke. Der Ort ist das letzte Kaff", führt er aus. "Wüstenhaft, so gut wie kein Niederschlag, kein Süßwasser." Regierungsviertel, Infrastruktur, Wohnraum - diese Dinge müssten alle neu errichtet werden.
Aber wie ist Teheran überhaupt in dieser Situation gelandet? "Die Probleme sind hausgemacht", erklärt Seger. Experten warnen seit Jahren, dass die Landwirtschaft im Iran unter falschen Anreizen leidet: Statt sich an die wasserarmen Gegebenheiten anzupassen, wurden besonders durstige Anbauprodukte subventioniert, als wären die Ressourcen endlos. Dabei zählt die Islamische Republik zu den trockensten Ländern der Welt - und verwertet nur rund 15 Prozent seines Abwassers wieder.
Traditionelle Anbauweisen wurden außerdem verdrängt - mit langfristig fatalen Folgen für Böden und Reserven. Große Teile der Vegetation sind zerstört. Tausende Familien haben die ländlichen Regionen aus diesem Grund verlassen. Viele zogen in die Hauptstadt, wo sie auf ein ohnehin überlastetes System trafen.
Verkehr, Luftverschmutzung und Klimawandel
Der Verkehrsstau ist beispielsweise seit Jahren ein Problem: Um durch die Stadt zu kommen, braucht man Stunden, was wiederum zu massiver Luftverschmutzung führt. Dazu kommt der Klimawandel. Teherans Hausberg, der Damawand, war immer bekannt für seine ewigen Schnee- und Eisfelder. Heute ist davon kaum mehr etwas übrig. In den vergangenen Jahren haben Fachleute einen deutlichen Rückgang der Niederschläge festgestellt, gleichzeitig nehmen Dürreperioden und andere extreme Wetterereignisse zu.
Im Alltag zeigt sich der Wassermangel zunächst schleichend: Wie Energieminister Abbas Aliabadi Ende 2025 mitteilte, wird in mehreren Teilen des Landes abends das Wasser abgestellt und erst am nächsten Morgen wieder aufgedreht. Die Bevölkerung soll Behälter und Pumpen nutzen, um die Versorgungslücken auszugleichen. In größeren Wohnkomplexen haben Behörden sogar aufgefordert, Wasser in Badewannen und Behältern zu speichern. Zudem ist seit einiger Zeit mit einem deutlich gesenkten Wasserdruck zu rechnen. Einschneidender wird es aber, wenn Trinkwasser rationiert wird.
Stadt sinkt jährlich ab
Und dann sinkt die Stadt auch jährlich um bis zu 30 Zentimeter ab, weil man mehr Grundwasser abpumpt, als durch Regen und Schmelzwasser nachfließen kann. Die porösen Schichten verdichten sich, Hohlräume kollabieren, der Boden sackt ab. Dadurch bekommen dann Gebäude Risse, Straßen verformen sich oder werden löchrig. Und ab einem bestimmten Punkt gibt es keinen Raum im Boden mehr, in dem Wasser sich überhaupt einlagern könnte. Stellt sich die Frage: "Intern ansetzen, oder drei-vier Millionen Menschen aussiedeln", sagt Seger. "Letzteres geht nicht."
Wer sollte, wenn, überhaupt verlagert werden? Meist sei von der Staatsverwaltung die Rede, so Seger weiter. Sie betrifft etwa 15 Prozent der zehn Millionen Einwohner. Daraus ergäben sich aber keine Lösungen anstehender Probleme, sagt der Geograf. "Und die persischen Staatsbediensteten würden sich einer Auslagerung mit Erfolg bis zum St. Nimmerleinstag widersetzen." Außerdem würde der Strukturwandel mit der Ausdünnung der agrarischen Selbstversorgung, mit dem Fehlen anderer Arbeitsplätze zu einem steten Zuzug in die städtischen Zentren führen. Seger: "Hier liegen Probleme, die mit dem Wegzug von Verwaltungsdienststellen nicht bereinigt werden können."
Internationale Beispiele von Verlagerungen
2018 hätten iranische Geografen und die Planungsbehörde Kollegen aus Österreich und Deutschland um fachliche Hilfe gebeten, erzählte der Geograf Andreas Dittmann von der Justus-Liebig-Universität Gießen kürzlich der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS). Er habe internationale Beispiele von Hauptstadtverlagerungen vorgestellt - in Brasilien, Nigeria und Tansania - ohne dass daraus Konsequenzen gezogen worden wären.
Er argumentierte, dass ein starker "Pull-Faktor" entstehen könnte, wenn es die Regierung schaffen sollte, zentrale Regierungs- und staatsnahe Funktionen in eine neue Hauptstadt zu verlagern. Dittmann knüpfte damit an eine frühere Idee von seinem Fachkollegen Seger an, ein kompaktes Zentrum zu schaffen, mit Geschäftsbezirk, Basar, Freitagsmoschee, und darum herum Wohnquartieren mit schmalen Straßen, die sich gegenseitig verschatten. Seger selbst traut dem Regime jedoch nicht zu, eine solche Idee umzusetzen.
Kauf von Wasser als Alternative
Als Alternative zur Hauptstadtverlagerung erwägt die Regierung den Kauf von Wasser aus Nachbarländern. Dies kündigte der Energieminister Anfang Dezember an. Daneben steht auch der Import von Produkten auf der Agenda, die viel Wasser verbrauchen, um die eigenen Ressourcen zu sparen. Die meisten Nachbarländer Irans leiden allerdings selbst unter einem Mangel. Dazu zählen der Irak, Afghanistan sowie die pakistanischen Grenzregionen.
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