Proteste im Iran eskalieren: Welche Rolle spielt der Sohn des letzten Schahs?

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Die Proteste gegen das Regime in Teheran haben sich massiv ausgeweitet. Der frühere Kronprinz Reza Pahlavi ruft die Iraner zum Aufstand auf und beansprucht die Führung der revolutionären Bewegung für sich.

Alles begann damit, dass Ladenbesitzer im Großen Basar von Teheran ihre Rollläden herunterließen. Die Händler in der iranischen Hauptstadt protestierten gegen die desaströse Wirtschaftslage in ihrem Land, die hohen Lebenshaltungskosten und den drastischen Währungsverfall – und schlossen ihre Geschäfte.

Seitdem sind knapp zwei Wochen vergangen, und die Lage im Iran spitzt sich immer weiter zu. Die über Jahre gewachsene Wut auf das Mullah-Regime hat inzwischen Menschen in allen 31 Provinzen des Landes auf die Straße getrieben. Ihren bisherigen Höhepunkt erreichte die Protestwelle Donnerstagnacht: Bilder aus mehreren iranischen Städten zeigten Flammen, Chaos und Menschenmassen, wie man sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Zum Protest aufgerufen hatte auch der frühere Kronprinz Reza Pahlavi. Er ist der Sohn des letzten Schahs, der im Zuge der Islamischen Revolution von 1979 gestürzt wurde. „Ich bin stolz auf jeden einzelnen von euch, der am Donnerstagabend auf den Straßen protestiert hat“, sagte er in einer Videobotschaft. „Diejenigen unter euch, die Zweifel hatten, schließt euch am Freitagabend euren Mitbürgern an.“ Wie viele Menschen seinem erneuten Aufruf folgen, war bis zuletzt unklar. 

Iran's rulers face legitimacy crisis amid spreading unrest

Donnerstagnacht eskalierten die Proteste im Iran.

Prominente Figur

Pahlavi, der im Exil in den USA lebt, positioniert sich seit Jahren als möglicher Wegbereiter eines demokratischen Iran. Zwar ist es ihm bei früheren Protesten nicht gelungen, die zersplitterte Opposition hinter sich zu einen. Diesmal könnte die Situation jedoch anders sein. So erhält er nicht nur viel Rückendeckung von der iranischen Diaspora. Auch im Land selbst wurden vermehrt Rufe nach ihm laut. „Lang lebe der Schah“, ist in Videos der Proteste auf Social Media etwa zu hören.

„Die Bewegung, die Pahlavi unterstützt, ist momentan größer als je zuvor“, sagt Robert Steele von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zum KURIER. Dafür gebe es mehrere Gründe: „Pahlavi steht für die Zeit vor der Revolution von 1979. Trotz aller Fehler war der Iran damals ein wichtiger Akteur auf der internationalen Bühne. Iraner konnten etwa visafrei in viele Länder reisen. Heute können sie kaum das Land verlassen. Auch der Wirtschaft ging es besser.“

Obwohl der Iranist nicht glaubt, dass derzeit die Mehrheit der Demonstranten hinter Pahlavi steht, werde der Schah-Sohn jedenfalls immer beliebter, vor allem bei jungen Iranerinnen und Iranern. Eine zentrale Rolle hätten dabei einflussreiche Exilmedien, die ein romantisches Bild der Monarchie zeichnen, die auch für autoritäre Herrschaft und massive Repressionen stand. „Einiges davon ist real, anderes verklärt. Doch die Menschen sehen die Bilder von damals und vergleichen sie mit der aktuellen Situation, die noch um ein Vielfaches schlimmer ist.“

In den vergangenen Jahren habe sich der Schah-Sohn zudem eine starke Präsenz im Westen aufgebaut. „Wann immer etwas im Iran passiert, ist er derjenige, der in den internationalen Medien spricht.“ Gerade deswegen würden dem 65-Jährigen aber auch viele mit Misstrauen begegnen: Kritiker werfen ihm (ebenso wie seinem Vater damals) vor, eine Marionette der USA und Israels zu sein oder gar mit den Mullahs zu kooperieren. „Pahlavi ist eine polarisierende Persönlichkeit. Aber er ist die einzige, die sie haben. Jeder andere, der sich als Führer einer Opposition erhebt, wird entweder ins Gefängnis gesteckt, muss das Land verlassen oder wird hingerichtet.“

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Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, will die Demokratiebewegung im Iran anführen.

Repressalien

Auch gegen die aktuelle Protestwelle greifen die Mullahs brutal durch. Dutzende Demonstranten wurden bis Donnerstag getötet, Hunderte weitere verletzt, Tausende eingesperrt. Eine Internetsperre schnitt den Iran am Freitag von der Außenwelt ab.

Auch deswegen lasse sich derzeit kaum einschätzen, ob die aktuellen Ereignisse tatsächlich eine Zeitenwende für das Land markieren, so Cornelius Adebahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Jedoch gebe es Faktoren, die die Proteste als gefährlich für das Regime erscheinen lassen: „Der Ausgang der Proteste von den Bazaaris, dem wirtschaftlichen Rückgrat und einer konservativen Klasse, auf die die Führung lange zählen konnte.“ Dazu die dramatische sozioökonomische Lage vieler Menschen und die außenpolitische Schwächung der Islamischen Republik dem Krieg mit Israel und den USA sowie der Wegfall regionaler Verbündeter, etwa dem syrischen Machthaber Assad.

Was nach einem möglichen Sturz des Regimes folgen würde, ist ebenso völlig unklar. Pahlavi hat wiederholt betont, keine Rückkehr zur Monarchie anzustreben, sondern einen demokratischen Übergang begleiten zu wollen. Große Hoffnungen setzen er und viele Iraner auf US-Präsident Donald Trump, der der Führung in Teheran wiederholt Drohungen ausgerichtet hat. Ein Treffen mit dem Ex-Kronprinz hat Trump am Freitag jedoch vorerst abgelehnt.

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