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Chronik Welt
07/12/2020

38 Grad in Sibirien: Ist das noch normal?

Hitzewelle: In den arktischen Teilen Sibiriens ist um bis zu zehn Grad zu warm. Dadurch brennt es, der Permafrostboden schmilzt - und das ist irreparabel.

Noch prüfen die Experten der Weltmeteorologiebehörde, ob es wirklich stimmt: Wurden in Werchojansk, dem kältesten bewohnten Ort der Welt, im Juni tatsächlich 38 Grad Celsius gemessen?

Ein Messfehler ist unwahrscheinlich, und selbst wenn es ein bisschen weniger war: Das ist ein Rekordwert, heißer war es nördlich des Polarkreises noch nie. Und der Wert steht nicht für sich allein. Im ganzen Juni lagen die Temperaturen im arktischen Teil Sibiriens um zehn Grad höher als im Schnitt – das ist eine Tendenz, die schon seit Jahren anhält (siehe Grafik rechts).

Ist das nur eine Wetteranomalie – oder der Klimawandel?

Die Antwort ist nicht so einfach. „Der Klimawandel ist nicht die Hauptursache für die Extremsituation dort, aber er trägt dazu bei“, sagt Klaus Haslinger, Klimaforscher bei der ZAMG. Grundsätzlich herrschen in Sibirien ohnehin Extreme, da kann es auch sehr heiß werden.

Arktis erwärmt sich schneller

Allerdings gibt es in der Region schon seit einem Jahr abnormale Temperaturen – und, noch wichtiger: Die Erderwärmung schreitet in arktischen Gebieten doppelt so schnell voran wie im Rest der Welt.

Der Grund dafür: „Durch die milden Winter wird die Schneedecke weniger“, sagt Haslinger – dadurch wird die Sonnenenergie weniger reflektiert, der Schnee schmilzt, und alles wärmt sich schneller auf. Ein Teufelskreis also. Im Juni sei die Situation aus den Fugen geraten, weil zum Sonnenhöchststand – in dieser Region geht die Sonne ja nie unter – auch noch ein Hochdruckgebiet gekommen sei. „Dann schießen die Temperaturen durch die Decke.“

Die Folgen sind für die Bewohner der Region verheerend. Zum einen lodern Waldbrände wegen der Temperaturen und der fehlenden Niederschläge wie selten zuvor. Laut Greenpeace wurden in ganz Russland seit Jahresbeginn mehr als neun Millionen Hektar Land beschädigt; das ist die Fläche Portugals.

Dazu kommt zum anderen ein noch viel weitreichenderer Schaden: die Permafrostböden tauen. „Das Abschmelzen ist irreparabel und ein nachhaltiges Problem“, sagt Haslinger. Mittlerweile schmelzen auch jene Schichten, die bisher wegen der geringeren Temperaturen gefroren geblieben waren. „Bei weiterer Erwärmung lässt sich das nicht mehr rückführen. Gebäude, deren Fundamente auf Permafrost stehen, kippen dadurch einfach weg.“

Ökologische Katastrophen

Die Konsequenz daraus sind nicht nur umstürzende Gebäude, wie man sie etwa in Dörfern wie Russkoje Ustije sieht, einer der ersten russischen Siedlungen in der Arktis. Die historischen Gebäude sind dort allesamt in den Fluss gekippt. Problematischer ist der aufgeweichte Boden für die Industrie, wie an der Ölkatastrophe in Norilsk zu sehen ist: Dort kippte vor einigen Wochen ein Öltank, tausende Liter Diesel ergossen sich in den Fluss. Umweltschützer sprechen vor der größten ökologischen Katastrophe, die sich je in der Arktis ereignet hat.

Schuld daran war auch Missmanagement der Firma, nicht nur der schmelzende Boden. Aber: Derartige Katastrophen werden in Zukunft wohl nicht weniger werden, sondern mehr, sagt Klimaforscher Haslinger: „Mit dem Fortschreiten des Klimawandels werden wir noch massive Änderungen sehen.“

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