Weihnachtsmann Roberto Resende (75) mit echtem Bart im improvisierten Studio in Rio

© Tobias Käufer

Chronik Welt
12/22/2020

Heuer nur online: Wie der Weihnachtsmann zu Brasiliens Kindern kommt

In der brasilianischen Schule für Weihnachtsmänner bereitet man sich auf ein ungewöhnliches Fest vor. Drei Absolventen sind an Covid-19 gestorben.

von Tobias Käufer

Wer als echtes Exemplar in Brasiliens Schule für Weihnachtsmänner aufgenommen werden will, muss einige unverhandelbare Voraussetzungen erfüllen: „Es müssen Männer über 50 Jahre sein, sie müssen einen grauen oder weißen Bart haben, Kinder mögen und mit ihnen zusammenleben“, sagt Mitgründer Limachem Cherem (64).

Dank dieser strengen Auswahlkriterien sind die Weihnachtsmänner dieser offiziellen Schule besonders authentisch und damit auch besonders beliebt. Außerdem sollen sie vor dem Auftritt weder rauchen noch trinken, weil die Kinder das riechen.

Zumindest das ist während der Corona-Pandemie kein Thema mehr, denn in Brasilien fallen wie in vielen anderen Ländern auch die beliebten Treffen der Kinder mit dem Weihnachtsmann in diesem Jahr aus.

„Wir haben bislang drei unserer Mitglieder verloren, die mit einer Covid-Infektion gestorben sind“, sagt Cherem, der einst wegen familiärer Probleme auf der Straße lebte und heute im wahren Leben als Schauspieler und Kulturproduzent tätig ist. Brasiliens offizielle Weihnachtsmänner gehören aufgrund ihres Alters zur gefährdeten Risikogruppe.

Kinder sorgen sich

Natürlich spielt Corona auch bei den Kindern eine große Rolle: „Die Kinder fragen mich immer danach, und ich sage ihnen, sie sollen sich keine Sorgen machen, denn ich bringe die Geschenke ja nachts, wenn alle schlafen. So begegne ich keinen Menschen und kann mich oder die anderen nicht anstecken“, sagt Weihnachtsmann Roberto Resende (75) im Gespräch mit dem KURIER. Die meisten Kids seien dann beruhigt.

An diesem Sonntag sitzen Limachem und Roberto in einem improvisierten Studio in einer kleinen Wohnung im Norden von Rio de Janeiro. Sie sprechen heuer fast ausschließlich virtuell mit den Kindern. Diesmal mit jenen im Einkaufszentrum Ponte Negra in der Amazonas-Metropole Manaus. Normalerweise wäre er dort hingeflogen und hätte sich persönlich mit den Kindern unterhalten. Aber das geht eben nicht.

Auf der einen Seite erhöht das den mystischen Effekt, weil der Weihnachtsmann nicht greifbar ist. Auf der anderen Seite sei es ein Verlust, sagt Roberto: „Der persönliche Kontakt ist durch nichts zu ersetzen. Es gibt eigentlich kein kleines Kind, das von der Figur des Weihnachtsmanns nicht fasziniert ist.“ Nun liegen mitunter gleich 4.000 Kilometer zwischen Weihnachtsmann und Kind im Amazonas.

Die Schule für Weihnachtsmänner hat auch Afrobrasilianer in ihren Reihen. Ihnen macht nicht nur die Pandemie, sondern auch Diskriminierung zu schaffen. Einige weiße Mütter, so berichtet Cherem, hätten es ihren Kindern nicht erlaubt, sich einem schwarzen Weihnachtsmann zu nähern. Sie wollten, dass ihre Kinder nur mit einem „traditionellen“ Weihnachtsmann sprechen. Das sei eine traurige Erfahrung, die mit Weihnachten gar nicht vereinbar sei.

„So wie früher“

Heuer sei ohnehin alles anders. „Dieses Weihnachtsfest wird so oder so in die Geschichte eingehen. Und wir alle hoffen, dass es im nächsten Jahr wieder so sein wird wie früher. Denn nicht nur für die Kinder ist es natürlich etwas anderes. Auch für uns Weihnachtsmänner. Wie für die Kinder ist das auch für uns ein tolles Erlebnis, und wir freuen uns jedes Jahr darauf.“

Und was macht ein Weihnachtsmann nach Weihnachten? „Glauben Sie mir, dass Erste, was wir machen, ist, diesen langen Bart abzurasieren. In der Hitze ist der nämlich alles andere als angenehm. Also gehen wir ins Badezimmer, holen den Rasierer raus und weg damit.“ Das nackte Kinn bleibt allerdings nur ein paar Wochen so. Damit der Rauschebart im Advent wieder in voller Pracht existiert, beginnt die „Wachstumsphase“ schon früh im neuen Jahr.

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