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Chronik Welt
08/21/2019

Gretas Segeltörn: Gute Winde, üble Kommentare

Während die 16-Jährige nach New York segelt, muss sie im Netz Kritik aus dem Lager der Klimawandel-Leugner einstecken.

von Elisabeth Hofer, Julia Walzl

Die Sonne im Gesicht, die Nase im Wind – so präsentiert sich die 16-jährige schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg auf den Fotos, mit denen sie ihre Follower an ihrem Segeltörn nach New York teilhaben lässt. 

Knapp eine Woche nach dem Start im englischen Plymouth hat die Segeljacht "Malizia" rund 1.500 Seemeilen zurückgelegt. Damit befindet sie sich gut im Zeitplan, denn am 27. oder 28. August werden Greta und der Rest der Crew in New York erwartet. Dort wird Thunberg im September am UNO-Klimagipfel teilnehmen.

Während die junge Klimaaktivistin auf dem Atlantik mit guten Winden segelt, ist sie in den sozialen Medien aber einmal mehr mit rauen Tönen, ja sogar abstrusen Verschwörungstheorien, aus dem Lager der Klimawandel-Leugner konfrontiert. Neben zahrleichen Beleidigungen, wie etwa der Bezeichnung als "psychisch krankes Kind", gibt es unter den Greta-Gegnern nun einen neuen Aufreger: Die Rückflüge der Crew.

Debatte um Rückkehr

Befördert werden Greta und ihr Vater Svante sowie der Filmemacher Nathan Grossman nämlich vom Hamburger Skipper Boris Herrmann und seinem monegassischen Co-Skipper Pierre Casiraghi. Wie die taz berichtet, werde der Segeltörn mittelbar doch mehrere Transatlantik-Flüge nach sich ziehen, da Herrmann und Casiragh die Rückreise per Flugzeug antreten. Außerdem sollen weitere Teammitglieder das Boot von New York nach Europa zurückbringen, zuvor müssen sie allerdings in die USA fliegen. "Es bleibt unfassbar spannend wie dieses kleine Mädchen riesige Mengen an CO2 mit ihrem Tross verursacht" kommtentiert dazu etwa ein Twitter-User.

Diese Vorwürfe bekommt auch die Besatzung an Bord der „Malizia“ mit. "Unsere Flüge ändern nichts daran, dass Greta emissionsfrei nach New York kommt. Wir selbst sind ohnehin ein Rennteam und würden sonst in dieser Zeit trainieren und auch fliegen", konterte Hermann die Kritiker. "Man kann nicht alle Verantwortung auf individueller Ebene lösen. Die Diskussion um unsere Reise ist sehr kurzfristig, wenn man darüber nachdenkt, was die Intention ist: Es muss sich politisch was verändern." Allerdings: "Grundsätzlich finden wir es positiv, dass man sich mit dem Fliegen auseinandersetzt und Flüge als Problem erkennt. Das ist es ja, was wir wollen."

Verschwörungstheorie

Doch rund um den Segeltörn kursieren auch wieder einmal abstruse Verschwörungstheorien. Social-Media-Nutzer spekulieren munter, Greta segle mit einem "Rothschild Boot", was wiederum ein Beleg für eine "Pariser Klimabanker Agenda" sei. Kurz: Hinter der ganzen Aktion stehe eine jüdische Verschwörung. Tatsächlich soll das Boot zwar früher den Namen "Edmond Rothschild" getragen haben und den Rennseglern vom Team Gitana gehört haben. Nach dem Verkauf wurde es aber umlackiert und umbenannt.

Anti-Greta-Lobbyisten

Woher kommt der große Groll, der Greta entgegenschlägt? "Greta hinterfragt mit ihrem Aktivismus die Grundlagen unserer heutigen fossilen Konsumgesellschaft. Sie spricht von radikalem Wandel, der notwendig ist, um unsere Zukunft zu retten und bezieht sich hier auf die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse", erklärt Florian Boschek von Fridays for Future Wien. "Der große Hass der Greta entgegenschlägt, ist wohl in der Bequemlichkeit der Leute gelegen, die ihr Leben nicht ändern wollen und deswegen lieber die Überbringerin der Botschaft herabwürdigen, als sich konstruktiv mit ihrer Botschaft auseinanderzusetzen."

Abzuwarten bleibt letztlich auch, wie der Empfang der jungen Schwedin in den USA aussehen wird. Wie die Welt berichtet, fürchtet Richard Black, Direktor der Organisation Energy and Climate Intelligence Unit amerikanische "Anti-Greta-Lobbyaktivitäten". Mit den Organisationen der Klimawandel-Leugner in Washington steht ihr ein großes Lager negativ gegenüber.

Greta und die Fridays-For-Future-Bewegung

Aller Anfang ist schwer

Am Montag, den 20. August 2018, beginnt die damals 15-jährige Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament für den Klimaschutz zu demonstrieren. Die Sommerferien in Schweden sind zu Ende und Greta erscheint nicht zur Schule. Auf ihrem Schild steht "Skolstrejk för klimatet", "Schulstreik fürs Klima". Am 9. September 2018 finden die Parlamentswahlen in Schweden satt. Bis dahin möchte Greta nicht in die Schule gehen, sondern für das Klima streiken. Bereits am zweiten Tag setzt sich eine Schülerin zu Greta und unterstützt sie. 

Beginn von "Fridays for Future"

Bis Greta mediale Präsenz erreicht, dauert es nur eine Woche. Am 27. August 2018 veröffentlicht die deutsche taz einen Artikel über ihren Protest. Einen Tag bevor die Parlamentswahlen in Schweden stattfinden, kündigt Greta an, dass sie ihren Streik nach den Wahlen nicht beenden werde. Sie geht solange weiterhin jeden Freitag auf die Straße, bis Schweden sich an das Pariser Klimaabkommen hält. Auf Instagram ruft sie auch andere unter dem Hashtag #fridaysforfuture dazu auf, mit ihr gemeinsam zu protestieren.

Greta Thunberg am Klimagipfel in Katowice

Vom 3. bis zum 14. Dezember 2018 findet die UN-Klimakonferenz in Katowice, Polen statt. Greta fährt in Begleitung ihres Vater Svante Thunberg mit einem Elektroauto hin. Dort hält sie zwei Reden. Eine davon richtet sie speziell an UN-Generalsektretär Antonio Guterres, die andere an das gesamte Plenum. "Warum sollte ich für eine Zukunft lernen, die es bald nicht mehr geben wird?", sagt Greta. Die Videos von ihren Reden werden in den sozialen Netzwerken tausendfach geteil, wodurch Greta medial immer präsenter wird.  Luisa Neubauer aus Deutschland ist ebenfalls in Katowice. Die 22-jährige Studentin nimmt als Jugenddelegierte der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen am Klimagipfel teil. Dort lernt sie Greta Thunberg persönlich kennen und vertritt anschließend die "Fridays for Future" Bewegung in Deutschland. 

"Fridays for Future" in Berlin

Während sich in Katowice die UN-Klimakonferenz zu Ende neigt, finden in Deutschland ab dem 14. Dezember 2018 die ersten koordinierten Streiks unter dem Namen "Fridays for Future" statt. Der Kieler Schüler Jakob Blasel mobilisiert via WhatsApp für den Streik. Bis heute prägt er die Organisationsstruktur von Fridays for Future in Deutschland. Am 25. Jänner 2019 findet der erste zentrale Klimastreik in Berlin statt. Laut Angaben der Bewegung versammeln sich mehr als 10.000 Menschen vor dem Bundeswirtschaftsministerium während darin die Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung über den ausstieg der Kohleenergie berät. 

Klimademonstration "Fridays for Future"

Die Grundsätze von Fridays for Future lassen sich auf ihrer offiziellen Seite nachlesen. Sie fordern unter anderem die Einhaltung des 1,5°C - Ziels des Pariser Klimaabkommens und globale Klimagerechtigkeit. Außerdem möchte die Bewegung sich nicht von anderen Parteien vereinnahmen lassen, sondern parteiunabhängig bleiben. Sie weist in ihren Grundsätzen auch ausdrücklich darauf hin, dass sie eine gewaltlos ist.

Schulstreik in Wien

In Wien starten am 15. März um 11.00 Uhr die Demozüge von Fridays for Future ausgehend von fünf Treffpunkten. Die Routen sind so gewählt, dass sie unter dem Motto "Die Zukunft in die Hand nehmen" eine symbolische Hand formen und schließlich in deren Mitte, am Heldenplatz, zusammentreffen. Die Teilnehmer rufen dabei "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", oder "Climate Change Now!" und "Alle meine Freunde streiken heut mit mir".  Am Heldenplatz zählt die Polizei rund 10.500 Teilnehmer, die Veranstalter sprechen von 25.000. 

Treffen mit wichtigen Politikern

Welche Reichweite und Bedeutung die Bewegung bereits erreicht hat, zeigt sich anhand der vielen Einladungen, die Greta Thunberg bekommt: Sie trifft Persönlichkeiten wie den französischen Präsidenten Emanuel Macron, Barack Obama, Arnold Schwarzenegger und den Papst. Außerdem spricht sie vor EU- Vertretern in Brüssel und trifft Emanuel Macron am EU-Gipfel im rumänischen Sibiu wieder, wo sie ihm und weiteren Staats- und Regierungschefs einen offenen Brief von Fridays for Future überreicht. 

Greta Thunberg auf dem Cover der "Times"

Das Time-Magazin zeigt Greta auf seinem Cover der Ausgabe vom 27. Mai 2019. Das Magazin listet sie als eine der 100 einflussreichsten Personen des Jahres 2019. Im August ernennt das Männermagazin GQ Greta außerdem zum "Game Changer Of The Year".

Greta in Lausanne

Greta ist im Sommer 2019 viel unterwegs. Zunächst reiste sie nach Lausanne in der Schweiz und nahm dort an einer internationalen Konferenz der Klimaschutzbewegung Fridays for Future teil.  

Greta auf dem Weg nach Amerika

Greta Thunberg fährt mit einer Segelyacht Richtung Amerika. Zwei Wochen soll die Überfahrt dauern. Gestartet ist mit ihrer Crew am 14. August 2019 gestartet. Auf das Flugzeug möchte sie verzichten. Sie will zum UN-Klimagipfel nach New York und dann weiter zur UN-Klimakonferenz nach Santiago de Chile – und das möglichst klimaneutral. Auch auf ein Treffen mit Trump hat die 16-Jährige verzichtet. Sie meint, seine Meinung gegenüber der Klimakrise nicht verändern zu können, sondern setze lieber beim Volk und den Leuten an.  Während Greta Thunberg in Amerika ist, plant Fridays for Future den nächsten großen Streik: Am 20. September, kurz vor Beginn des Klimagipfels in New York, soll es wieder einen internationalen Protesttag geben. Am 10. Dezember 2019, noch während der Klimakonferenz in Chile, könnte Greta die nächste Auszeichnung bekommen: Dann wird in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen. Greta soll auf der Nominiertenliste stehen.