Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Der "stille Machtkampf" im Haus des reichsten Franzosen

Wer tritt die Nachfolge von Bernard Arnault, Chef des Luxuskonzerns LVMH, an? Während nach außen der schöne Schein gewahrt wird, rivalisieren seine fünf Kinder aus zwei Ehen um die Gunst des Patriarchen.
Bernard Arnault spricht vor einem LVMH-Logo, im Hintergrund eine Handtasche.

77 Jahre, das könnte ein Alter sein, um allmählich an die Rente zu denken. Nicht so im Fall von Bernard Arnault, dem reichsten Mann Frankreichs. Auf 126 Milliarden Euro schätzt das Magazin „Forbes“ das aktuelle Vermögen des Chefs des Luxuskonzerns LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy), zu dem Marken wie Louis Vuitton, Dior und Guerlain gehören. 

Als ein Aktionär bei der diesjährigen Generalversammlung die Frage nach Arnaults Nachfolge aufwarf, wiegelte er sofort ab. 2025 sei er mit 99 Prozent der Stimmen für die nächsten zehn Jahre an der Spitze des Unternehmens bestätigt worden, sagte er spitz. „Wenn es Ihnen also recht ist, reden wir in sieben, acht Jahren nochmals darüber.“

Zumindest erlaubte er zum ersten Mal jedem seiner fünf Kinder, während der Versammlung das Wort zu ergreifen – um dies anschließend ironisch zu kommentieren. „Nun haben Sie die Kinder ja gesehen, wirken sie besonders ehrgeizig? Ich weiß es nicht.“ Zugleich betonte er, sie seien „alle sehr brillant in ihrem Bereich“.

LVMH chief visits South Korea

Bernard Arnault und Tochter Delphine

Delphine, Antoine, Alexandre, Frédéric und Jean Arnault haben jeweils Führungspositionen innerhalb des Konzerns inne, die vier ältesten sitzen im Verwaltungsrat. Die beiden Kinder aus seiner ersten Ehe, Delphine und Antoine, sind inzwischen auch im Exekutivausschuss. Französische Medien sprechen von einem „stillen Wettkampf“ zwischen den Geschwistern, solange ungeklärt bleibt, wer später die Zügel übernimmt. 

Der größte Appetit

Während den beiden mittleren Söhnen Alexandre und Frédéric der größte „Appetit“ nachgesagt wird, achten Antoine und Delphine darauf, dass sie sich nicht zu sehr nach vorne drängen. Den Gerüchten eines Machtgerangels widersprach Arnaults zweite Frau, die kanadische Pianistin Hélène Mercier, allerdings:

Es gebe keinerlei Spannungen, versicherte sie. Zugleich sagte sie, „das viele Geld“ mache die Kinder „schläfrig“, sie seien „beinahe gehirngewaschene Gefangene im System ihres Vaters“. Mercier ist die einzige in der Familie mit einer lockeren Zunge. Für den Geschmack mancher zu sehr: So plauderte sie aus, dass ihr Mann im Slip schlafe.

Die diskrete Familie

In einem Artikel namens „Der Clan Arnault oder die Fabrik der Erben“ widmete sich die Zeitung „Le Monde“ bereits vor vier Jahren dieser meist diskret auftretenden Familie. Die Geschwister ähneln einander: Sie alle sind schlank und hoch gewachsen, haben perfekte Manieren und tragen elegante Designerkleidung.

FRANCE-LUXURY-GENERAL-MEETING

Arnault mit Sohn Alexandre

Jedes der Arnault-Kinder begleitet den Vater regelmäßig bei seiner wöchentlichen Tour durch die hauseigenen Pariser Luxus-Boutiquen und -Kaufhäuser. Einmal im Monat kommen sie zu sechst zu einem familiär-geschäftlichen Mittagessen im Hauptsitz des Unternehmens in der schicken Avenue Montaigne zusammen. Die Versammlung sprengt nie den Rahmen von eineinhalb Stunden. 

Der Patriarch setzt dabei mit der ihm eigenen Strenge die Themen und vergibt jeweils das Wort. „Die fünf Erben wetzen sich die Zähne vor ihrem Vater, wie junge Löwen, die vor dem Rudelführer das Jagen lernen, bis dieser eines Tages entscheidet, wer seine Nachfolge antritt“, schrieben die Journalistinnen von „Le Monde“.

Genau in dieser Runde, heißt es, entscheide sich diese wichtige Frage, die viele Aktionäre umtreibt – während Bernard Arnault weiterhin am Ruder bleibt. Aufs Genaueste verfolgt er den Fortgang der Geschäfte, verhandelt persönlich mit Bürgermeistern, Ministern oder auch Präsidenten, ob über den Aufbau einer Fabrik oder neue Steuerpläne der Regierung. Bei der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump im Jänner 2025 war er ebenfalls zugegen – gemeinsam mit Antoine und Delphine Arnault. Auch deren Ehemann, der Milliardär und Telekommunikationsunternehmer Xavier Niel, kam nach Washington.

Beobachtern zufolge überwachte Bernard Arnault auch stets die Ausbildung seines Nachwuchses in den besten, elitärsten Schulen. Faulheit duldete er nicht. Wie groß der Druck von Anfang an war, davon zeugt eine Postkarte, die Antoine Arnault im Alter von 14 Jahren seinem jüngeren Bruder schrieb, der gerade auf die Welt gekommen war: „Lieber Alexandre, ich hoffe deine Geburt ist gut gelaufen und dass es dir gut geht. Ich rate dir, sofort anzufangen zu arbeiten, denn sonst…“

Kommentare