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Chronik Welt
10/16/2019

Endzeitsekten: Glauben an den Guru - bis in den Tod

Der aktuelle Fall in den Niederlanden erinnert an Sekten, die sich in Weltuntergangsszenarien verlieren.

von Birgit Seiser

Ob Josef B. im aktuellen Fall im Mittelpunkt der isolierten Familie gestanden ist, müssen die Ermittler klären. Fakt ist aber, dass die Lebensweise der Familie und erste Ermittlungsergebnisse auf eine Art Kult schließen lassen. Die Parallelen zu ähnlichen Sekten sind da. Viele Sektenbegründer lockten ihren Anhänger mit Endzeitszenarien.

Die Manson Family

Das wohl bekannteste Beispiel ist die Manson Familiy. Ende der 60er Jahre gründete Charles Manson eine Kommune in Kalifornien. Der charismatische Guru zog mit einer Gruppe von rund 20 Jüngern auf eine Ranch die zuvor als Filmkulisse gediehnt hatte. Manson überzeugte seine Jünger, dass Rassenunruhen eskalieren würden und nur er seine Anhänger retten könne. Seine okkulten Ansichten reimte er sich aus Songtexten der Beatles und Bibelzitaten zusammen. Er provozierte die Unruhen später selbst, indem er seinen Jüngern befahl Morde in Hollywood zu verüben. Prominentestes Opfer der Manson Family war Sharon Tate. Die aufstrebende Schauspielerin wurde im August 1969 hochschwanger von der Manson Family erstochen. Manson starb 2017 im Gefängnis und hatte zu dem Zeitpunkt immer noch eine große Anhängerschar.

Susan Atkins, Patricia Krenwinkel, Leslie Van Houten waren Mitglieder der Manson Family. Sie wurden wegen Mordes verurteilt.

Susan Atkins, Patricia Krenwinkel, Leslie Van Houten waren Mitglieder der Manson Family. Sie wurden wegen Mordes verurteilt.

Charles Manson hatte die Morde in Auftrag gegeben und wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verureilt.

Eines ihrer Opfer war Sharon Tate, die damalige Verlobte von Regisseur Roman Polanski.

Der Tatort in Hollywood

Luftaufnahme der Villa, in dem die Morde verübt wurden.

Der Fall sorgte damals für enormes Medieninteresse.

Die Angeklagten Manson-Jünger

Charles Manson kurz vor seinem Tod im Jahr 2017

Jim Jones Peoples Temple

Rund ein Jahrzehnt nach den Morden der Manson Family kam es in Chile zu einem der größten Massenselbstmorde der Geschichte. Sektengründer Jim Jones hatte seinen 900 Anhängern befohlen, zu sterben. Zuvor war der „Peoples Temple“ eigentlich als Ort der Gleichheit der Rassen und Geschlechter gewesen. Seine Jünger lebten autark auf einem riesigen Gelände. Mit der Zeit wurde Jones aber immer paranoider. Als Gerüchte über Missbrauch in der Sekte an die Öffentlichkeit drangen, sagte er seinen Jüngern, dass das Ende gekommen sei und befahl ihnen einen Giftcocktail zu trinken. Unter den 900 Toten waren 300 Kinder und Jugendliche.

Am Tag des Massensuizids war ein hochrangiger Politiker zu Besuch. Jones ließ ihn erschießen.

Jim Jones war der Gründer und Anführer des Peoples Temple.

Die Mitglieder des Kults tranken einen Giftcocktail.

Jim Jones

So berichteten die Medien damals über den Massenselbstmord.

Die Faisrachmanisten

Dutzende Kinder warteten in Russland bei einer islamischen Sekte vergeblich auf den Weltuntergang. Ihr Anführer hatte sich mit 70 Personen in einem Bunkersystem verschanzt und so sein eigenes Kalifat errichtet. Zurückgezogen haben dürften sich die Anhänger der Sekte im Jahr 2001. Im Zuge einer Razzia entdeckte die Polizei 2012 das Versteck der Sekte. Als die Menschen befreit wurden, sahen viele der Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben Sonnenlicht.

Sektenexperin: „Endzeitszenarien gibt es in vielen Glaubensrichtungen“

Laut Ulrike Schiesser, Psychologin von der Bundesstelle für Sektenfragen,   offenbaren die aktuellen Erkenntnisse zu  dem Fall, dass es sich um einen Kult handeln könnte.

KURIER: Was könnte  in dem Fall darauf hinweisen, dass es sich um eine Sekte handelt?  

Ulrike SchiesserEs scheint so, als würde es sich um eine sogenannte High-Control-Group handeln. Das bedeutet, dass die Kontrolle des Anführers so groß ist, dass die Familie ihn bisher auch  freiwillig nicht verlassen hat, obwohl er ihnen Freiraum wie zum Beispiel eine Facebook-Seite und Spaziergänge erlaubt hat.

Der 25-Jährige, der sich dem Wirt anvertraut hat, sprach von Endzeitszenarien. Wieso bedienen sich Sektengründer solcher Geschichten?

Endzeitszenarien gibt es in sehr vielen Glaubensrichtungen oder auch Sekten. Die Zeugen Jehovas haben etwa schon mehrmals  das Ende der Welt vorhergesagt – sogar mit Datum. Die Anhänger lassen   aber auch dann nicht von den Gemeinschaften ab, wenn diese Vorhersagen nicht zutreffen. Im Moment gibt es in unserer Welt eine erhöhte Wahrnehmung von Bedrohung, sei es zum Beispiel wegen des Klimawandels oder wegen Kriegen. Viele Menschen wollen sich nicht mehr damit auseinandersetzen und suchen nach Antworten. Sektenführer können sich dann als Erlöser-Figur inszenieren. Die geben einfache Antworten  auf Fragen, die eigentlich sehr komplex sind. Sie sagen ihren Anhängern, was zu tun ist und das hilft den Menschen vermeintlich.

Josef B. soll sich schon in Österreich im Umfeld von Sekten bewegt haben. Passiert es oft, dass Menschen dann ihre eigene Sekte gründen?  

Grundsätzlich steht bei solchen Menschen in den meisten Fällen  eine Ideologie im Vordergrund. Narzisstische Persönlichkeiten wollen aber bald nicht mehr nur Anhänger sein. Sie bilden sich ihre eigenen Theorien und nehmen sich aus Gruppen, bei denen sie vorher waren, einige Vorgehensweisen mit. Oftmals wollen sie nur Gutes für ihre Jünger, aber Macht korrumpiert. Die Regelungen werden dann langsam strikter und man schließt sich mehr und mehr von der Außenwelt ab. Kritiker werden aussortiert und es entsteht eine Gruppendynamik.

Gibt es solche Endzeitsekten auch in Österreich?

Es gibt bestimmt kleinere Gruppierungen, die sich damit beschäftigen. Vor allem vor dem Jahr 2012, als ja laut dem Maya Kalender die Welt angeblich untergehen sollte, haben sich esoterische Bewegungen und auch New Ager mit dem Thema beschäftigt. Solche Ereignisse sorgen für Interesse und machen Endzeitszenarien populär.