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Reportage
02/27/2021

Endstation Bahnhof Zoo: "Es kann jeden treffen"

Die Geschichte von der drogenabhängigen Christiane F. ging um die Welt und prägte ganze Generationen, nun ist sie zurück als Serie – wie hat sich der Bahnhof Zoo und die Szene seither verändert?

von Sandra Lumetsberger

Vor der Bushaltestelle ist ein Zelt aufgebaut, daneben reihen sich Schlafsäcke und Taschen – mit allem, was ein Mensch ohne Obdach noch sein Eigen nennen kann. Die Männer und Frauen leben hier schon lange unter der Brücke am Bahnhof Zoo. Jener Ort, der aufgrund eines Buches und Films weltbekannt wurde. Es erzählt die Geschichte der jungen Christiane F. und ihrer Freunde, die sich hier Drogen beschafften, auf den Strich gingen, versuchten clean zu werden und wieder rückfällig wurden.

Heute erinnert nur ein Plakat in der Bahnhofshalle an sie – der Streamingdienst Amazon Prime hat ihre Geschichte neu verfilmt. Ansonsten hat sich am Zoo viel verändert: Die dunklen Ecken sind weniger geworden, Bäckerei-, und Bücherketten haben drinnen Filialen eröffnet, draußen gibt es Burger und Currywurst. Es ist ruhiger, weiß Detlef Schilde, der seit 1982 bei der Polizei ist. Sein Revier ist einige Meter weiter vom Eingangsbereich entfernt. Während der kräftige Mann in seinem Büro spricht, donnert die Decke über ihm. Ein Zug fährt durch. Er lächelt. Daran gewöhnt man sich, sagt er. Weniger an das, was er in den letzten Jahrzehnten so alles erlebt hat.

Der Zoo war für ihn als Jugendlichen eine "No-Go-Area". Vor der Wende und bis zum Bau des neuen Hauptbahnhofs 1996 war die Station Zoologischer Garten das Verkehrsdrehkreuz der Stadt und Sammelpunkt der Drogenszene. In der Jebenstraße – er deutet Richtung Fenster – "da war der Kinderstrich. Abends wenn es dunkel wurde, sind die Kinder verschwunden, da sind Karossen vorgefahren". Er schüttelt den Kopf. "Dat war übel, weil einem bewusst wurde, wie machtlos man war."

Zwar fuhr die Landespolizei den Autos oft hinterher, aber vor der Haustüre war Schluss. Auf der Straße konnten sie die Minderjährigen erst ab 22 Uhr aufgreifen, brachten sie zum Kinder- oder Jugendnotdienst. Von dort liefen sie aber meist wieder davon. Der Jüngste mit dem er zu tun hatte, war erst zehn Jahre alt. Klar riefen sie zu Hause an, erzählt er, aber da hob ein sturzbetrunkener Vater ab, der von seinem Sohn nichts wissen wollte. Als ihn eines Tages die Mutter vom Revier abholen kam, rannte er bei der ersten Gelegenheit aus der Tür und war weg.

In den Medien schlugen diese Fälle wenig auf, Drogen und Pädophilie waren kein großes Thema. Es war eine andere Zeit, sagt Schilde.

Mit Musik und Heroin gegen das Establishment

Daran erinnert sich auch Juri Schaffranek gut. Der Mann mit dem weißen Haar und schwarzen Shirt, steht an diesem sonnigen Tag im Görlitzer Park in Kreuzberg. Ein Ort, den lokale Zeitungen als Drogenumschlagplatz bezeichnen. Der 61-Jährige arbeitet in der Straßensozialarbeit und experimentierte als Jugendlicher selbst mit Cannabis, LSD und Speed, wurde aber nie süchtig. Er kannte Christiane F.'s Freund Detlef und war Teil der Clique, die mit ihnen ins "Sound" zog – jene Disco, mit der damals besten Musikanlage der Welt, erzählt der Berliner. Dort wurden Bands fern des Mainstreams gespielt, auch Heroin galt als Droge gegen das Establishment. Wobei der der Stoff von der Straße kein reiner war, sondern ein Opiumgemisch, bekannt als "Berliner Tinke". Davon hielt er sich aber fern – "zu sehen, wie schnell man dabei körperlich und psychisch verfällt und verelendet, war abschreckend". Weniger das Buch von Christiane F., das eine Art Manifest gegen Drogenkonsum sein sollte. Als es 1978 mithilfe zweier Stern-Reporter rauskam, erlebte das "Sound" einen Boom, manche hätten gerade deswegen Heroin probiert, weiß er zu berichten - "so viel zur Abschreckungsprävention".

Was ihn letztlich von der Szene wegbrachte? Er muss überlegen. Das Thema Ausbildung war ihm immer sehr wichtig, sagt er. Es war auch eine Form von Rebellion gegen sein Elternhaus: "Ich habe mich gegen den Willen meiner Mutter auf eine höhere Schule angemeldet", erzählt er. Sie hätte es lieber gesehen, wenn ihr Sohn gleich arbeiten geht, seiner Klasse treu bleibt.

Sein erster Fall beschäftigt ihn noch heute

Doch Schaffranek studierte und wurde 1988 Streetworker beim Verein Gangway. Sein erster Fall beschäftigt ihn noch heute und machte ihm klar, "wie knallhart unsere Gesellschaft mit Outsidern umgeht". Eine 15 Jahre alte Frau, gezeichnet von Heroin und HIV, die aus Krankenhäusern geflogen war, weil sie dort die Opiatschränke geplündert hatte. "Es war klar, dass sie sterben wird." Für ihre Eltern war sie schon längst tot. Also kümmerte er sich bis zum Schluss um sie. Da sie nicht mehr gehen konnte und sich in den Keller eines Hauses zurückgezogen hatte, brachte er ihr täglich zu essen und zu trinken – genauso wie ihren Stoff. "Ich finde es zynisch zu verlangen, dass jemand in seiner finalen Phase nüchtern sterben muss."

Das war aber verlangt worden, wenn sie im Spital behandelt werden wollte. Heute ist das anders. Neben einem breiten Hilfsangebot hat sich der akzeptierte Ansatz mit Methadonprogrammen durchgesetzt. Zudem gibt es Drogenkonsumräume, "aber nicht genug", findet Schaffranek. Das wird einem auch bewusst, wenn man durch die Stadt geht oder beim Warten auf die U-Bahn neben jemandem sitzt, der das Besteck rausholt. Oder es im Sandkasten auf Spielplätzen findet.

Heroin ist dennoch nicht die Hauptdroge Nummer eins, weiß man bei der Fachstelle für Suchtprävention. Am häufigsten werden Alkohol und Cannabis konsumiert, sagt Referent Marc Pestotnik. Durchschnittlich sind Jugendliche in der Hauptstadt 14,6 Jahre alt, wenn sie erstmals Cannabis konsumieren und damit 1,8 Jahre jünger als der Bundesdurchschnitt. Das ergab eine anonyme Befragung von 1.725 Jugendlichen zwischen 12- bis 18-Jährigen. Aus Sicht des Experten ist es besonders wichtig, das Einstiegsalter hoch zu halten - "um riskante Verläufe zu minimieren". Dazu gehören Ansprache und Selbstreflexion: "Wir geben Infos an die jungen Menschen, versuchen dabei weder zu dramatisieren noch zu verharmlosen. Damit sie verstehen, was die Risiken sind, wenn sie sich dafür entscheiden."

Grundsätzlich, sagt Pestotnik, erfolgt der Einstieg oft übers Experimentieren. Es ist Teil der Entwicklung von jungen Menschen, dass sie ihre Grenzen austesten und neugierig sind – "aber nicht jeder, der konsumiert, wird auch süchtig". Es komme auf die Persönlichkeit an genauso, wie auf die Beziehung zu den Eltern oder wie jemand in einem sozialen Gefüge integriert ist. "Ältere Jugendliche tendieren dazu, Substanzen gegen Stressbewältigung einzusetzen in der Schule oder Ausbildung. Bei Jüngeren sind es häufiger Konformitätsgründe: Man will dazugehören, sich ausprobieren und wenn es einem gefällt, macht man es häufiger." In der neu eröffneten Berliner Präventionspraxis versuchen sie mit Eltern und Jugendlichen einzuordnen, ob es sich um ein Ausprobieren handelt oder, ob Hilfe bei einer Suchtberatungsstelle nötig ist. "Da geht es auch darum zu schauen, wie eine Familie aufgestellt ist. Gerade in suchtbelasteten Familien ist es schwer, die Kinder zu erreichen."

Mehr Medikamente und mobilere Szene

Konsumiert wird so ziemlich überall, Drogen sind einfacher verfügbar und billiger, weiß Streetworker Juri Schaffranek. Ein Gramm kostete zu seiner Zeit 250 bis 280 D-Mark, das würde heute ungefähr 250 Euro entsprechen. Jetzt gäbe es das Gramm schon für 40 bis 50 Euro. Noch günstiger sind Amphetamine, die man im privaten Bereich für zehn, in den Clubs für 15 bis 20 Euro bekommt. "Das sind Summen, die sind meilenweit von dem entfernt, was wir vor 30 Jahren hatten." Was sich ebenfalls verändert hat: Es werden mehr Medikamente konsumiert. Ein Großteil der Jugendlichen nimmt heute sehr früh Psychopharmaka und hat mit Depressionen zu kämpfen. Er führt dies auf einen gesellschaftlichen Anspruch zurück, wo es gilt, sich anzupassen und Leistung zu bringen.

Warum jemand schließlich abhängig wird, müsse man sich im Einzelfall ansehen. An die Menschen heranzukommen ist heute schwieriger als früher, musste er feststellen. Die Szene ist nicht mehr an einem Ort, sondern mobiler und vor allem in den Linien U6, U7 und U8 unterwegs. Dort findet das Dealen und Connecten statt. Was Juri Schaffranek in all den Jahren für sich gelernt hat: Mit Ohnmacht umzugehen, was in unserem Gesellschaftssystem besonders schwierig ist. "Ich kann die Menschen nicht aus ihrem Leid herausholen, sie gesund oder clean machen. Das müssen sie selber schaffen. Es wird oft vergessen, dass es die Menschen sind, die entscheiden, ob sie eine Therapie machen wollen oder nicht. Ich kann nur versuchen, ihnen Angebote zu machen, sie zu unterstützen in ihrer jeweiligen Situation."

Wem gehört die Stadt?

Neben Wohn- und Obdachlosen, die teils Suchtprobleme haben, arbeitet sein Verein auch mit Jugendgruppen, die in der Stadt keinen Platz mehr finden und dann laut auf sich aufmerksam machen. In Berlin ist das immer öfter der Fall, findet er. Die Stadt gentrifiziert sich weiter – auch um den Görlitzer Park. Ganze Häuser werden aufgekauft, saniert und teuer weiter vermietet. "Wer sich hier eine Wohnung holt, hat oft den Anspruch, dass es so schön sein soll, wie im Schwabenländle. Aber das ist hier nun mal ein urbaner Raum", sagt Schaffranek und schaut auf die Altbauhäuser rundherum. Die Frage, wem gehört die Stadt, berühre ihn in seiner Arbeit sehr. An diesem Tag fährt die Polizei oft durch den Park. Die Bezirksverwaltung will "durchzugreifen". Die Folge: Die Dealer stehen in den Wohn- und Nebenstraßen, was zu Beschwerden führt.

"Wir können das Problem nicht lösen, nur verdrängen", sagt Polizist Detlef Schilde auf der Bahnhofswache. Oft sind es dann Orte, wo das Problem vorher nicht war – "ob das so klug ist?" Die Szene vom Zoo hat sich in den vergangenen Jahren in den Tiergarten verlagert, der Strich findet zunehmend im Netz statt. Was geblieben ist, sind die Obdachlosen. Darunter nicht nur immer mehr Menschen aus Osteuropa, sondern Pensionisten, die zu wenig zum Leben haben. Sie alle stehen an der Bahnhofs-Mission ums Eck für Essen an, beobachtet Schilde. Aber nicht nur das. Er hat oft zugehört und weiß: "Es kann jeden treffen, darüber sind sich viele in der Stadt nicht klar." Am Bahnhof Zoo zeigt sich das wie an keinem anderen Ort.

Hintergrund: Was wurde aus Christiane F.?

Das Schicksal der 13 Jahre alten Berlinerin, die immer tiefer in den Sumpf aus Drogenabhängigkeit, Prostitution und Verzweiflung gezogen wurde, erschütterte 1979 die Bundesrepublik. Das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" dient nach wie vor als Pflichtlektüre in vielen Schulen – und wäre beinahe nicht erschienen: „Die Chefredaktion wollte das gar nicht haben, die fragten, ob wir das Blatt mit diesem Elend ruinieren wollten“, sagte der damalige Stern-Reporter und Co-Autor des Buches, Horst Rieck.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Kai Hermann war er 1978 auf Christiane Felscherinow aufmerksam geworden, als sie bei einem Prozess als Zeugin aussagte. Aus den darauffolgenden Gesprächen wurde ein Bestseller. Nach dem Erfolg des Buches versuchte sich Christiane F. als Sängerin, entkam der Sucht für einige Jahre, geriet aber bald wieder in den zermürbenden Kreislauf von Rückfall und Enttäuschung, neuer Hoffnung und noch schlimmerem Elend.

2013 machte sie noch einmal Schlagzeilen, als sie unter dem Titel "Mein zweites Leben" ihre Autobiografie herausbrachte. Trotz ihrer Leberzirrhose konsumierte sie weiterhin Alkohol und Haschisch. Auch das Methadon macht ihr zu schaffen, das sie seit 20 Jahren in einem Drogenersatzprogramm bekommt. Nach einigen Interviews zur Bewerbung des Buches gab sie 2014 schließlich ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit bekannt: Sie leide an einer Leberzirrhose und habe sich vor einigen Jahren mit Hepatitis C angesteckt. "Ich bin eine kranke Frau Anfang 50", schrieb sie auf ihrer Homepage.

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