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Chronik Welt
07/11/2019

Geheimgehaltene Krankheiten: Regieren unter Schmerzen

Angela Merkel darf jetzt sitzen, damit sie nicht zittert. Andere große Staatenlenker waren oft wirklich schwer krank.

von Susanne Bobek

Ihr Körper zittert bei Paraden. Deutschland fragt sich seit Wochen, wie regierungsfähig ist Angela Merkel. Nach drei Zitterattacken wollte sie keine vierte öffentliche Debatte. Beim Empfang der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hörte sie die Nationalhymne mit ihrem Gast im Sitzen.   

Warum ist das so? Wiener Neurologen schätzen die Symptome als "orthostatischen Tremor" (mehr dazu hier) ein – eine sehr seltene Form des Zitterns. "Für einen solchen orthostatischen Tremor spricht, dass diese Form nur beim Stehen auftritt, aber eben nicht im Sitzen oder beim Gehen", sagt der Wiener Neurologe Wolfgang Grisold, derzeit Generalsekretär der "World Federation of Neurology". Gefährlich ist das Zittern nicht.

Andere bedeutende Staatsmänner wollten oder mussten ihre schweren Krankheiten vor der Öffentlichkeit verstecken. Die wohl krassesten Fälle waren Leonid Breschnew und Woodrow Wilson. Der amerikanische Präsident von 1913 bis 1921 konnte in den letzten Monaten seiner Amtszeit nach mehreren Schlaganfällen nicht mehr regieren.

Außer seinem Arzt durften ihn nur noch seine Frau und seine Sekretärin sehen. Die amerikanische Bevölkerung hatte keine Ahnung, dass sie in Frau Edith Wilson de facto erstmals eine Präsidentin hatte.

Breschnews Tablettensucht

Leonid Breschnew, der die Sowjetunion 18 Jahre lang von 1964 bis 1982 lenkte war seit der Stalin-Zeit schwer Tabletten-süchtig, er nahm Schlaf- und Beruhigungsmittel und bot 1976 und 1979 deshalb seinen Rücktritt an. Doch die Kommunisten fürchteten Nachfolgekämpfe. Apparatschiks machten für ihn weiter.

Mao Tse-tung litt ab den 1960er-Jahren an Parkinson, 1975 wurde deshalb der Wiener Arzt Walter Birkmayer zur Behandlung Maos nach China gerufen. An Parkinson litten auch Spaniens Diktator Francisco Franko, Jugoslawiens Langzeitpräsident Josip Broz Tito und Österreichs Außenminister Alois Mock. Bei Mock war die gesundheitliche Beeinträchtigung längst erkennbar, als er im März 1994 in Brüssel die EU-Beitrittsverhandlungen abschloss. Sein Büro bezeichnete seine Erkrankung als „Überarbeitung“.

Kein großes Geheimnis aus seiner Behinderung machte Franklin D. Roosevelt, der nach einer Kinderlähmung im Rollstuhl saß. Auf Fotos war er aber meist sitzend abgebildet, bei Auftritten hob sich der Vorhang erst, wenn er auf Beinschienen das Rednerpult erreicht hatte. Von 1933 bis zu seinem Tod, wenige Wochen nach den Verhandlungen in Jalta und der Kapitulation Deutschlands 1945, lenkte er die Geschicke der USA. 1944 ließ er sich, bereits todkrank, zum vierten Mal wiederwählen. Die New York Times schrieb in ihrem Nachruf: „Noch in 100 Jahren werden Menschen Gott auf Knien dafür danken, dass Franklin D. Roosevelt in diesen Jahren im Weißen Haus war.“

Kennedys Morbus Addison

John F. Kennedy litt unter der lebensbedrohenden Stoffwechselstörung Morbus Addison. Die Öffentlichkeit erfuhr davon nichts, auch nichts von seinen Rückenschmerzen. Er trug ein Stützkorsett – und das war der Grund, dass er nach dem ersten Schuss in Dallas 1963 aufrecht im Wagen sitzen blieb.

In Frankreich wurde der Lymphdrüsenkrebs von Präsident George Pompidou als „leichtes, aber schmerzhaftes Gefäßleiden“ abgetan, er musste jede Menge Cortison einnehmen, sein Tod 1974 kam dennoch für viele überraschend.

Der deutsche Kanzler Willi Brandt war oft tagelang nicht ansprechbar, da er unter schweren Depressionen litt. Ein Herzinfarkt 1978 wurde als „fiebrige Erkältung“ verharmlost. Helmut Schmidt bekam schon 1981, als Kanzler, streng geheim einen Herzschrittmacher.

In Österreich litt Bruno Kreisky gegen Ende seiner Amtszeit an einer Schrumpfniere, er war Diabetiker, litt unter Bluthochdruck und musste zur Dialyse. Seine Umgebung hielt die Schwächung geheim, da er sich mit 72 Jahren noch einmal den Nationalratswahlen stellen wollte. Doch die Österreicher versagten ihrem „Sonnenkönig“ 1983 die absolute Mehrheit. Bundespräsident Thomas Klestil erlitt 1996 eine Lungenembolie, später zwei Herzinfarkte und starb zwei Tage vor dem Ende seiner regulären Amtszeit 2004 mit 71 Jahren.

Bundespräsident Thomas Klestil (1992 bis 2004) im Bild mit Putin erlitt in seiner Amtszeit eine Lungenembolie und zwei Herzinfarkte.

In Jalta vertrat er noch die US-Interessen, am 12. April starb Franklin D. Roosevelt (1933 bis 1945) an den Folgen seiner Krankheiten.

Bruno Kreisky (Kanzler von 1970 bis 1983) musste zur Dialyse.

Mao Tse-tung (regierte China von 1949 bis 1976) erkrankte an Parkinson   

Der russische Generalsekretär der KPDSU Leonid Iljitsch Breschnew war tablettensüchtig, der deutsche Kanzler Helmut Schmidt hatte schwere Herzprobleme. 

Frankreichs Präsident Pompidou  (Krebs) mit Willi Brandt, der unter schweren Depressionen litt.

US-Präsident Wilson (li., 1913 bis 1921) war halbseitig gelähmt

Nach außen wirkte John F. Kennedy (1961 bis 1963) robust, doch er litt unter Morbus Addison.