Deutschland nach dem Anschlag: Trauer, Schock und viele offene Fragen
Erst am späten Sonntagnachmittag, 20 Stunden nach der Wahnsinnstat, konnten die Berliner, konnte Deutschland, aufatmen.
Der mutmaßliche Attentäter war nach langer Fahndung in einer Kleingartensiedlung im Berliner Spandau ausfindig gemacht worden. Gegen 18.00 Uhr erfolgte der Zugriff.
Der 21-jährige Abdul D. soll dabei mit einer Machete, mit der er am Vorabend auch Teilnehmer der Christopher-Street-Day-Parade attackierte, auf die Beamten losgegangen sein, woraufhin er von den Beamten vom SEK Berlin erschossen wurde. Anwohner erzählten von bis zu neun Schüssen.
In einer Kleingartensiedlung in Spandau wurde der mutmaßliche Attentäter gegen 18.00 Uhr gestellt.
Damit ist einer der folgenschwersten mutmaßlich islamistischen Anschläge der jüngeren Geschichte vorerst beendet. Eine Frau kam bei dem Attentat ums Leben, 29 weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.
Aufgearbeitet ist die Wahnsinnstat damit freilich noch lange nicht. Auf viele Fragen konnten die Behörden bislang noch keine Antwort geben. Etwa, weshalb der Abdul D. überhaupt auf freiem Fuß war.
Was wir über den Attentäter wissen
Der mutmaßliche Attentäter und mittlerweile getötete 21-jährige Abdul D. war deutscher Staatsbürger mit libanesischem Hintergrund und wurde 2005 in Deutschland geboren. Er wurde als „Gefährder“ geführt, war wegen Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat inhaftiert. Er soll Kontakt zur Extremisten-Miliz „Islamischer Staat“ gesucht haben, war den Verfassungsschutzbehörden bekannt.
Im vergangenen Jahr versuchte er mehrmals, sich im Ausland dem bewaffneten Kampf der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen. Am 24. Juli 2025 wurde er im Libanon festgenommen und von einem Militärgericht „unter anderem wegen Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten“ zu drei Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Haftentlassung kam Abdul B. am 17. November 2025 nach Deutschland zurück und wurde noch am Flughafen BER erneut festgenommen.
Der mutmaßliche Attentäter von Berlin war dann monatelang in Untersuchungshaft in Deutschland, ehe er am 12. Mai von einem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Tiergarten „wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat in einem Fall sowie der Zuwiderhandlung gegen ein vollziehbares Verbot nach dem Vereinsgesetz in zwei Fällen zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten“ verurteilt wurde.
Das Gericht hob aber einen bestehenden Haftbefehl auf, „da die Untersuchungshaft vorrangig der Sicherung des Strafverfahrens dient und keine vorweggenommene Strafe darstellt“. Die Verurteilung war nicht rechtskräftig, da die Generalstaatsanwaltschaft Berufung eingelegt hatte.
Die Frage, wie man künftig mit Gefährdern wie Abdul B. umgehen soll, beschäftigte demnach schon am Wochenende die deutsche Politik. Der Vorsitzende der Jungen Union (JU), Johannes Winkel, forderte etwa, dass das Erwachsenenstrafrecht künftig für alle Gefährder gelten solle.
Gefährder dürften künftig nicht mehr nach Jugendstrafrecht verurteilt werden können, forderte Winkel. „Die dafür notwendige ›Reifeverzögerung‹ darf künftig nicht mehr angenommen werden, wenn Täter sich radikalisiert haben.“
Auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte in der ARD: „Und in der Tat wird zurzeit sehr die Frage danach gestellt, wie kann eigentlich bei jemandem, den man als Gefährder identifiziert, eine Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden.“
„Haben wir den Islamismus als Bedrohung zuletzt unterschätzt? Braucht es eine strengere Überwachung von Gefährdern? Ein härteres Vorgehen auch gegen jugendliche Islamisten?“, fragte denn auch der deutsche Spiegel, um sich gleich selbst die Antwort zu geben: Ja, die Regierung muss Lehren aus dem Attentat in Berlin ziehen.
Offen ist letztlich auch noch die Frage nach dem genauen Motiv des Attentäters. Ein Bekennerschreiben, einen Abschiedsbrief gibt es nicht. Spiegel.de hat noch am Sonntag mit dem Vater des mutmaßlichen Attentäters gesprochen. Er habe seinen Sohn vor einiger Zeit gefragt, was er über den IS denke, schilderte dieser im Telefonat.
Den IS habe er für „schlecht“ gehalten, meinte sein Vater. Zuletzt gesprochen habe er am Samstagnachmittag mit seinem Sohn. „Er hat mich angerufen und wir haben ganz normal gesprochen, wie jeden Tag. Er sagte, dass er mich vermisst und er sich wünschte, jetzt mit uns im Libanon zu sein.“
„Sie wollen unsere Gesellschaft spalten“
„Diese Taten haben nur einen Zweck: Sie wollen unsere Gesellschaft spalten, sie wollen uns das Wichtigste nehmen, was wir haben, nämlich unsere Offenheit und unsere Freiheit“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am Sonntagabend kurz vor dem Gedenkgottesdienst in Berlin. „Ich möchte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des CSD hier in Berlin und in ganz Deutschland zurufen: Lassen Sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern.“
Merz besuchte nach der Andacht den Tatort und legte dort mit weiteren Spitzenpolitikern weiße Blumen nieder.
Wie der deutsche Spiegel berichtet, standen am Sonntag auch am Tatort immer wieder Menschen aufgewühlt an den rot-weißen Flatterbändern der Absperrung. Vielen kamen die Tränen, während sie sprachen. Auf einem großen Plakat auf dem Boden schrieben Menschen mit Stiften ihre Gefühle auf.
Aus der österreichischen Politik sind am Sonntag entsetzte Reaktionen auf den Angriff gekommen.
„Was gestern in Berlin geschehen ist, war ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft“, schrieb Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) auf X. „Eine junge Frau wurde durch eine von Hass getriebene Tat aus dem Leben gerissen, viele Menschen wurden verletzt. Meine Gedanken sind bei den Angehörigen und bei allen, die diese Tat miterleben mussten“, schrieb Stocker weiter.
Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) und SPÖ-LGBTIQ+ Sprecher Mario Lindner reagierten ähnlich.
Meinl-Reisinger drückte auf X ihre Erschütterung aus und meinte: „Der CSD steht für Liebe, Freiheit und Zusammenhalt. Diese Werte lassen wir uns nicht nehmen. Liebe ist stärker als Hass.“
Lindner, der auch Vorsitzender der sozialdemokratischen LGBTIQ+ Organisation SoHo ist, erklärte in einer Aussendung: „Wenn die Feinde unserer offenen Gesellschaft unsere Vielfalt angreifen, dann werden wir immer mit mehr Zusammenhalt, mehr Sichtbarkeit und mehr Solidarität antworten.“
Gewessler: Gegen Hass und menschenfeindliche Ideologien
Die Grüne Bundessprecherin Leonore Gewessler ließ mittels Aussendung mitteilen: „Was ein Tag der Sichtbarkeit, des Zusammenhalts und der Solidarität sein sollte, wurde von Gewalt überschattet.“ Hass und menschenfeindliche Ideologien hätten in unserer Gesellschaft keinen Platz, so Gewessler.
FP-Darmann: Europa „in Geiselhaft des islamistischen Terrors“
Die FPÖ nimmt in ihrer ersten Reaktion auf den tödlichen Angriff Bezug auf den mutmaßlich islamistischen Hintergrund des Tatverdächtigen. FPÖ-Sicherheitssprecher Gernot Darmann kritisierte in einer Aussendung die europäische und österreichische Asyl- und Migrationspolitik.
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