Chronik | Welt
16.08.2018

Zehntausende italienische Brücken sind alt und marode

Die meisten Brücken sind wie die in Genua älter als 50 Jahre und haben ihre Lebensdauer überschritten, warnen Experten

Die ohnehin angeschlagene Wirtschaft in der ligurischen Hafenstadt Genua hat durch den Brücken-Einsturz einen schweren Rückschlag erlitten. Die Börsenkurse der beteiligten Unternehmen sind eingebrochen.

Starke Rückgänge werden auch in der Tourismusbranche befürchtet, da die Hauptverbindungsstrecke an die ligurische Küste ausgerechnet im Hochsommer ausfällt.

Alternative Wege zum Hafen und zum Flughafen stellen Genua und den Durchreiseverkehr auf der zentralen Ost-West-Verbindung vor große logistische Probleme. Mit kilometerlangen Staus ist zu rechnen.

Die Lega und Fünf Sterne-Regierung hat einen zwölfmonatigen Ausnahmezustand in Genua verhängt. In Italien geht auch die Angst um vor weiteren einsturzgefährdeten Brücken, baufälligen Tunneln und maroden Straßen.

„Die Häufigkeit der Einstürze von Straßeninfrastruktur nimmt seit einigen Jahren ein besorgniserregendes Ausmaß an“, warnt das italienische Institut für Bautechnik.

Gesperrte Morandi-Brücken

Denn nicht nur Bauingenieur Morandis Werke sind eine Gefahr – gleich drei seiner Brücken (neben Genua auch in Venezuela und in Südafrika) sind eingestürzt. Brücken von Morandi in Agrigento auf Sizilien und in Libyen wurden aus Sicherheitsgründen gesperrt.

„Die meisten Brücken in Italien sind älter als 50 Jahre, was ungefähr der Nutzungsdauer der nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er und 1960er Jahren realisierten Stahlbetonarbeiten entspricht,“ warnen Experten. Zehntausende Brücken in Italien haben somit ihre Lebensdauer überschritten.

Eine genaue Auflistung der Einsturz gefährdeten Brücken und Viadukte gibt es nicht. Der Grund dafür sei, dass die Infrastruktur von verschiedenen Betreibern – von Privatgesellschaften bis Gemeinden und Regionen – verwaltet wird. Aber die Chronik ist besorgniserregend. Allein in den vergangenen zwei Jahren kam es landesweit zu vier Brücken-Einstürzen.

Mehrere Tote

2017 brach eine Überführung auf der Autobahn A14 bei Ancona ein, dabei starben zwei Menschen.

Weitere zwei Einstürze von Viadukten ereigneten sich in Kalabrien. In der Lombardei kam bei einem Brückeneinsturz nahe Mailand eine Person ums Leben.

Die Turiner Tageszeitung La Stampa listet eine Reihe an stark baufälligen Brücken von Nord- bis Süditalien auf. Auf der Schnellstraße zwischen Mailand und Meda in der Lombardei sind zwei von vier Brücken gefährdet. Im Piemont droht Gefahr bei den Viadukten Stura di Demonte, Ferrania e Chiaggi.

In den Abruzzen bereiten Ingenieuren mehrere Brücken und Überführungen Sorge, die durch Erdbeben beschädigt wurden. In Kampanien gilt es bei dem Viadukt Ariano Irpino Vorsicht walten zu lassen. Besonders desolat ist der Zustand der Infrastruktur auf Sizilien.