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Chronik Welt
09/20/2021

Babyboom in Corona-Zeiten: Die Finnen haben Lust auf mehr

Einst ein warnendes Beispiel für die Überalterung, vermelden Geburtenkliniken in Finnland nun Rekordwerte. Das Land im Norden rätselt, woran das liegt.

von Jens Mattern

In Finnland sind derzeit nicht die Intensivstationen überlastet, sondern die gynäkologischen Abteilungen der Krankenhäuser. „Die Maschine läuft Tag und Nacht“ sagt Katja Koskinen, Oberschwester eines Krankenhauses in Helsinki. Von einem Babyboom wird dort schon seit Anfang des Jahres gesprochen, nun beweist auch eine aktuelle Studie der Universität Wien, dass das nordeuropäische Land im Vergleich mit 30 westlichen Ländern Spitzenreiter in Sachen Geburtenwachstum ist.

In den meisten dieser Staaten hat sich die Pandemie negativ auf die Geburtenrate ausgewirkt, wie der Demograf Tomas Sobotka bei einer Präsentation erklärte. Während in dem gebeutelten Italien die Rate um mehr als 20 Prozent zurückging, kamen in Finnland von Januar bis Mai sechs Prozent  mehr Babys als in der vergleichbaren Zeit  2020 auf die Welt. Auch im Sommer meldeten Krankenhäuser  Rekordwerte.

Wieso die Trendwende? Denn bekannt war Finnland vor allem als eine stark überalterte Gesellschaft und für Geburtenrückgang – noch im Jahr 2010 lag die Geburtenrate statistisch bei 1,87 Kinder pro Frau, im Jahr 2020 waren es nur noch bei 1,37 Kinder. Als Gründe gelten die hohen Immobilienpreise und die hohe Scheidungsrate von rund 50 Prozent. 

Während rund 10 Prozent der Frauen einkommensschwach seien, so wären es unter den Männern bereits 18 Prozent. Viele Finnen würden deshalb in einen „Zeugungsstreik“ treten.  Auch der finnische Männerrechtsverein sieht Buben schon im Schulalter durch das Bildungssystem benachteiligt, was im Berufsleben und in der Familienpolitik fortgesetzt würde.

Folgen der profeministischen Politik?

Dies seien Folgen der profeministischen Politik, die in Finnland umgesetzt und reklamiert würde. Festgestellt werden kann jedenfalls eine offensichtliche Verweigerungshaltung, was das Gründen einer Familie betrifft. Im Familienbarometer 2015 hielten fast 15 Prozent der Finninnen im gebärfähigen Alter die Null für ihre ideale Kinderzahl. Laut Kimmo Jokinen, Professor für Familienforschung, hätten die meisten finnischen Familien die Pandemie bisher gut überstanden und sogar teils positiv erlebt. 

Die Soziologin Anna Rotkirch erkennt in Finnland eine Werteveränderung durch die Pandemie. Es seien Ausreden weggefallen, wie Reisen und Hobbys, um das Zeugen eines Kindes zu verschieben. Dabei ist das Gebären in Pandemie-Zeiten  auch in Finnland nicht ungefährlich. Aufgrund des Geburtenrückgangs wurden kleinere Entbindungsstationen geschlossen, weshalb Hebammen bereits im Frühjahr über Personalmangel und Überlastung klagten.

Das dadurch vernachlässigte Testen führte zu Corona-Clustern in den  gynäkologischen Abteilungen. Im Herbst will die  Regierung dem Rätsel der Geburtsstatistiken auf die Spur kommen und mit einer aufwendigen Erhebung junge Finninnen und  Finnen befragen. Das Problem des – langfristig vorherrschenden – Geburtenrückgangs wird auch von einem seit 2020 agierenden Netzwerks von finnischen Geburten- und Fruchtbarkeitsforschern untersucht. Ob sie auch das Rätsel um den Anstieg des Kinderwunsches in Zeiten von Corona lösen, bleibt offen.

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