Chronik | Welt
28.10.2018

Attentat auf Synagoge: Ein Querulant als Massenmörder

Das Psychogramm des Synagogen-Attentäters: Der 46-jährige suhlte sich im Internet in antisemitischen Wahnideen.

Eine Verkehrsstrafe aus dem Jahr 2015, mehr war über Robert Bowers nicht aktenkundig – bis Samstag morgen. Da stürmte der 46-Jährige die „tree of life“ – Synagoge im Pittsburgher Vorort Squirrel Hill und schoß aus mehreren Waffen wahllos in die dort bei einem Gottesdienst versammelte Menge. Mindestens elf Menschen starben, Dutzende weitere wurden verletzt. Die weiträumige Synagoge, die eine Thora eines Holocaust -Überlebenden zu ihren wichtigsten Besitztümern zählt, erlebte eines der schrecklichsten gegen Juden gerichteten Massaker in der Geschichte der USA.

Doch auch wenn der mittel- und meist beschäftigungslose Bowers zuvor nicht gemordet hatte, in den Sozialen Medien hatte er sich schon längst in Hasstiraden und Massenmordphantasien gegen Juden verloren. Der Mann, der in einer ärmlichen Wohnung am Stadtrand von Pittsburgh hauste, und im realen Leben fast sämtliche sozialen Kontakte mied, war Stammgast in einschlägigen Internet-Foren.

Sein bevorzugter Aufenthaltsort im Internet war das Forum Gab, das übrigens unmittelbar nach dem Anschlag vom Netz ging. Sowohl der Internet-Provider als auch ein Online-Bezahldienst hatten ihre Dienstleistungen für das Forum eingestellt. Man werde wahrscheinlich über Wochen nicht erreichbar sein, schrieben die Gab-Betreiber auf Twitter, um daran gleich die für diese Art von Seiten übliche Selbstdarstellung zu knüpfen: „Wir werden auch weiter für freie Meinungsäußerung und individuelle Freiheit im Internet für alle kämpfen.“

Treffpunkt für Rechte

Tatsächlich hat sich die Seite in den letzten Jahren zum bevorzugten Tummelplatz von Amerikas extremer Rechter entwickelt: Weiße Rassisten, die Gruppen wie dem Ku-Klux-Clan nahe stehen, Islamhasser, Ausländerfeinde, Verschwörungstheoretiker. All jene, die durch verschärfte Regeln aus anderen Foren verbannt worden waren , versammelten sich jetzt auf Gab. Bowers bewegte sich dort vor allem in antisemitischen Zirkeln , in den dortigen Diskussionen konnte er sich in antisemitische Wahnideen hineinsteigern. Die Juden seien „Kinder des Satans“ geiferte er, die die Welt und vor allem die USA beherrschen würden. Sie würden hinter der Zuwanderung von Muslimen in die USA stecken. Dazu postete er Bilder von NS-Konzentrationslagern wie Auschwitz.

Klar angekündigt

Anders als der Briefbomben-Attentäter Cesar Sayoc, der Donald Trump zu seinem politischen Idol stilisiert hatte, war der US-Präsident für Bowers zu gemäßigt. Dieser, so schrieb er, sei in Wahrheit gar kein Nationalist, sondern ein Globalisierer und daher mit der jüdischen Weltverschwörung im Bunde.

Während sich Bowers im Internet unbehelligt radikalisierte, rüstete er auch tatsächlich auf. 21 Feuerwaffen waren zuletzt auf ihn registriert, darunter auch mehrere Glock-Pistolen. Die waren ihm offensichtlich besonders teuer, postete er doch Fotos von Schießübungen mit den Waffen und dem Text: „Meine Glock-Familie“. Einige davon hatte er dabei, als er sich Samstag auf den Weg zur Synagoge machte. Was er dort vorhatte, machte er im Internet ohnehin mehr als deutlich: „I kann nicht mehr zuschauen, wie mein Volk ermordet wird. Sperrt die Augen auf, ich geh jetzt rein.“