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Deutschland
10/21/2019

Am Checkpoint Charlie blüht das Geschäft mit der Nostalgie

An geschichtsträchtigen Orten in Berlin wird die DDR-Zeit offensiv vermarktet. Nicht zur Freude aller.

von Sandra Lumetsberger

Die Kontrolle ist geschafft. Nachdem der Busfahrer dem Grenzbeamten ein paar Scheine zugesteckt hat, geht es schnell voran. Das klappt nicht immer so einfach, erklärt Michael. Er ist aus dem Westen und hier, um seine Freundin im Osten zu besuchen. Gemeinsam organisieren sie illegale Punkkonzerte. Michael ist nicht echt; genauso wenig wie der Grenzübergang. Eine Virtual-Reality-Brille macht ihn sichtbar – die Zeitreise ins geteilte Berlin ist eine der neuesten Attraktionen.

Ein paar Meter weiter, an der Ecke Zimmerstraße/Friedrichstraße, erinnert ohne VR-Brille wenig an den bekanntesten Grenzübergang – den Checkpoint Charlie. Dort, wo sich während des Kalten Krieges zwei verfeindete Blöcke gegenüberstanden, steht eine nachgebaute Kontrollbaracke; falsche Soldaten lassen sich für ein paar Euro fotografieren.

Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin, hält „solche Maskerade“ für geschmacklos. „Sie bagatellisieren die Berliner Mauer, die so viel Leid über die Stadt und ihre Menschen gebracht hat. Es fehlt leider immer noch an Respekt und Anteilnahme für die Opfer der SED-Diktatur.“

Eine Art Disneyland

Dass einer der geschichtsträchtigsten Orte zu eine Art Disneyland mutierte, liegt auch an der Privatisierungspolitik des Berliner Senats in den 1990er-Jahren. Die brachliegenden Stadtteile zogen Investoren an; Eigentümer wechselten, Private bauten Museen – Themen: Mauer, Trabis und Currywurst; dazu mischten sich Souvenirläden, Fastfoodketten, was Debatten über den Wildwuchs auslöste. Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall wird diskutiert – über die Neugestaltung des Areals, ein Museum (Schwerpunkt Kalter Krieg) ist im Gespräch.

So lange es kein Konzept gibt, wird der Checkpoint weiter ein Ort sein, wo Hütchenspieler Touristen abzocken und Händler DDR-Devotionalien verkaufen. Zwischen Orden, Fahnen und falschen Pelzmützen baumeln Gasmasken – 25 Euro verlangt der Mann hinter dem Holztisch. Sein Verkaufsschlager sind aber die Anstecker mit Hammer und Sichel. Wirklich verkaufen wird er an diesem Tag aber nichts. Ein paar Jugendliche begrapschen unentschlossen die Münzen, bis er sie ermahnt ("Nicht anfassen!").

Wie man jüngeren Menschhen die Geschichte vermittelt, die sie wenn überhaupt nur noch aus Erzählungen kennen, beschäftigt auch die Bundesstiftung für Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sie müssten zuerst erfahren, dass das Land und der gesamte Kontinent im Kalten Krieg geteilt waren – „und dass diese Grenze auch eine Grenze zwischen Demokratie und Diktatur war“, sagt Anna Kaminsky. Zudem müsse man vermitteln, „was es für die Menschen bedeutet hat, ihr Leben unter den Bedingungen der Diktatur zu verbringen“. Ohne dieses Wissen könne kein Verständnis für die Unterschiede von Diktatur und Demokratie entstehen – eine Voraussetzung dafür, „demokratische Werte und Freiheiten zu schätzen und gegebenenfalls zu verteidigen“.

Dass Menschen für die Freiheit ihr Leben ließen, erfährt man auf Schautafeln nahe des Checkpoints. Der 18-jährige Peter Fechter wurde am 17. August 1962 beim Versuch die Mauer zu überwinden von den Gewehrsalven der Grenzposten getroffen; und soll schreiend liegen geblieben sein. Doch weder von Ost- noch West-Seite kam Hilfe. Erst nach einer Stunde wurde er tot geborgen.

So tragisch diese Geschichen sind, im Trubel zwischen den vor dem Checkpoint posierenden Menschen wird die Ambivalenz dieser Orte sichtbar: Der Grenzübergang und die Reste der Mauer stehen auch für das Einstürzen des SED-Regimes. Und so lachen ein paar Menschen hinter den Sandsäcken des Kontrollhäuschens hervor. „Say cheese“, ruft einer.

Ein noch beliebteres Fotomotiv ist die East-Side-Gallery im Stadtteil Friedrichshain, das längste noch sichtbare und von Künstlern bemalte Mauerstück, das für die Freude der Überwindung der Mauer steht. Erinnert wird in ihrer Nähe auch an die DDR, wie sie einmal war – mit Softeis und einem „Ostel“. Dort schläft man im Plattenbauzimmer mit geblümter Tapete und mit Erich Honecker an der Wand.

Ostalgie-Debatte

Bei offiziellen Stellen kommt das weniger gut an, als bei Ostalgie-Fans. Oder jenen, die in der DDR mehr sehen, als eine Diktatur – eine umstrittene Debatte. Die Erinnerungskultur, die heute gepflegt wird, gehe an vielen Otto-Normal-Ostdeutschen vorbei, sagte etwa Soziologe Steffen Mau kürzlich im Tagesspiegel.

Anna Kaminsky wiederum hält das für eine Scheindebatte. „Niemand stellt infrage, dass man auch in einer Diktatur für sich selbst ein glückliches und erfülltes Leben führen konnte. Aber das ändert doch nichts daran, dass die DDR eine Diktatur war, ein Unrechtsstaat.“ In Gesprächen löse sich das meist auf: „Denn bei aller Nostalgie haben die wenigsten Ostdeutschen wirklich vergessen, mit welchen Schikanen, Zumutungen und Mängeln das Honecker-Regime verbunden war.“

Auch für den virtuellen Zeitzeugen Michael, der am Anfang von abenteuerlichen Grenzübergängen berichtet, wird es am Ende sehr ungemütlich.