Chronik | Welt
03/10/2019

737-MAX8-Absturzserie setzt Boeing unter Druck

Zwei ähnliche Unfälle mit der 737-MAX8, die heuer in Europa eingeführt werden soll, lässt Ruf nach Konsequenzen laut werden.

Die deutsche TUI-Fly oder Turkish Airlines haben bereits die ersten Maschinen im Einsatz, Ryanair soll ab heuer über 100 Stück bekommen. Doch bevor die Boeing 737-MAX8 in Europa groß ausgeliefert wird, setzen zwei Abstürze mit insgesamt 346 Toten den US-Hersteller unter Druck. Laut KURIER-Informationen aus Luftfahrtkreisen wurden am Sonntag bereits erste Gespräche zwischen europäischen und US-Luftfahrtbehörden über ein mögliches Grounding der kompletten MAX8-Flotte geführt. In sozialen Medien wird bereits heftig eingefordert, dass Boeing diesen Schritt von sich aus freiwillig machen soll.

Erstflug 2016

Sonntagfrüh gab es jedenfalls bereits den zweiten Absturz mit diesem erst sehr jungen Flugzeugtyp, der 2016 seinen Erstflug hatte. Ein rund vier Monate alter Jet der Ethopian Airlines (mit 157 Insassen, darunter drei junge Ärzte aus Ober- und Niederösterreich) stürzte nur rund sechs Minuten nach dem Start ab. Beim letzten bekannten Punkt war der Jet mit rund 700 statt der normalen 400 km/h unterwegs. Auch die angezeigte Steigrate von rund 800 Meter pro Minute war zu hoch. Zuvor gab es bereits mehr als ungewöhnliche Schwankungen, viermal wurde die Nase nach dem Start nach oben und zwei Mal nach unten gezogen.

Fest steht, dass der Pilot einen Luftnotfall erklärte, den Flug nach Nairobi abbrach, in rund 450 Metern Höhe über Grund eine Rechtskurve zog und dann vermutlich mit sehr hoher Geschwindigkeit am Boden zerschellte. Der Krater ist ungewöhnlich tief, größere Stücke des Flugzeuges waren kaum mehr zu sehen.

Die Parallelen

Über die Ursache kann nur spekuliert werden, allerdings weisen Luftfahrtexperten auf offensichtliche Zusammenhänge mit dem Absturz einer Lion-Air-Maschine im Oktober in Indonesien hin. Auch diese MAX8 war erst wenige Monate alt als es ebenfalls beim Start zu einer schweren Luftnotlage kam. Der Pilot drehte um und der Jet zerschellte mit sehr hoher Geschwindigkeit auf dem Meer. Der Zwischenbericht (ein Abschlussbericht liegt noch nicht vor) legt einen fast elfminütigen Kampf des Piloten offen. Möglicherweise war das so genannte MCAS-System außer Kontrolle. 35-mal versuchte der Computer die Nase des Flugzeuges nach oben zu ziehen. Mehrere vom KURIER befragte Experten sehen Parallelen, da Boeing aber ein großer Player im Luftverkehr ist, will das niemand öffentlich tun.

Bereits nach dem Crash der Lion-Air waren Forderungen nach einem Grounding der kompletten MAX8-Flotte laut geworden. Boeing wurde vorgeworfen, den Piloten nicht ausreichend mitgeteilt zu haben, wie das MCAS-System funktioniere und vor allem wie es wieder zu deaktivieren ist. Boeing bestritt vehement Vorwürfe, wonach dies geschehen ist, um eine leichtere und billigere Umschulung der Piloten auf diesen Flugzeugtypen zu ermöglichen.

Offiziell gab sich Boeing am Sonntag jedenfalls eher wortkarg. Den Opfern wurde kondoliert und es wurde angekündigt, dass die Entwicklungen beobachtet werden würden. Auch ein Technikerteam wurde entsandt.

33 Länder betroffen

Die Untersuchung des Absturzes in Addis Abeba wird jedenfalls auch aus Europa sehr genau verfolgt werden. Da die äthiopische Hauptstadt das Drehkreuz von Europa nach Afrika ist, waren Personen aus 33 Ländern an Bord der Maschine – darunter Deutsche, Briten und Franzosen. Alle diese Botschaften, wie auch die österreichische, werden für die Aufklärung Druck machen.

Während man Lion-Air noch heftige Vorwürfe machen konnte, eine Maschine starten haben zu lassen, die bereits am Flug zuvor schwere Probleme gehabt hat, dürfte dies bei Ethopian Airlines nicht der Fall sein. Die Fluglinie gilt als die sicherste Afrikas und ist mit Austrian und Lufthansa im Star-Alliance-Verband. Das Durchschnittsalter der eingesetzten Maschinen ist unter sechs Jahren und damit jünger als das vieler bekannter Airlines.