Mordprozess: Lebenslange Haft für Foltertod von Elias
Drei Stunden nach dem Beginn des Mordprozesses am Montag gegen die Eltern von Elias dringen die Schreie des Buben durch den Schwurgerichtssaal am Innsbrucker Landesgericht. Exemplarisch führt der Richter den Geschworenen ein Video vor, das die Qualen des Kleinkindes zeigt - erlitten und aufgezeichnet durch Vater und Mutter.
Beide wurden am Montagnachmittag - nicht rechtskräftig - zu lebenslanger Haft verurteilt, die Mutter wird in ein forensisch-therapeutisches Zentrum eingewiesen.
Unter erhöhtem Sicherheitsaufgebot und in einem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal wurden Nathalie und Kevin M. kurz nach 10 Uhr von Justizwachebeamten vorgeführt. Hinter Papierblättern versuchen die 27-Jährigen, ihre Gesichter vor Fotografen und Kameraleuten zu verbergen.
Quälen, Freiheitsentzug und Mord
Beide korpulent gebaut, stehen sie vor Gericht, weil sie ihren Sohn verhungern und verdursten ließen. Und ihn bis zu seinem Tod im Mai 2023 über fünf Monate hinweg noch unsagbarer weiterer Foltermethoden ausgesetzt haben. Sie sind angeklagt wegen Quälens, Freiheitsentzug und Mord.
Beide bekennen sich vor dem Geschworenengericht vollumfänglich schuldig. Fragen wollen sie keine beantworten. Nur Kevin M. verliest eine knappe Stellungnahme: "Es gibt keine Erklärung für Geschehenes. Es ist unentschuldbar", sagt der Erstangeklagte. Er bereue seine Taten. Und dass seine anderen Kinder diese mitbekommen haben.
Elias ist gerade einmal zwei Jahre alt, als er in der Wohnung der Familie im Tiroler Unterland von seinen Schwestern - ein jüngere, eine ältere und eine Zwillingsschwester - isoliert wird. Dennoch werden sie Zeugen des Grauens, müssen es teilweise mitansehen oder hören, wie ihr Bruder verzweifelt gegen Türen klopft.
"Höllenqualen sind unvergleichlich"
„Die Höllenqualen, die man diesem Kind über Monate zugefügt hat, sind unvergleichlich“, erklärt die Staatsanwältin. Und seine Geschwister würden "mit diesen Folgen ihr ganzes Leben lang bedient sein." Sie sind bei Pflegeeltern untergebracht, leiden unter Traumafolgen- und Entwicklungsstörungen.
Die Vorwürfe: Das Elternpaar soll Elias immer wieder durch Schläge misshandelt, mit Kabelbindern gefesselt, über Stunden bei völliger Dunkelheit eingesperrt, mit eiskaltem oder heißem Wasser geduscht, in einer Kastenschublade bis zu 22 Stunden eingeschlossen und gezielt unterernährt haben.
Die Beweislage: Erdrückend. "Sie haben den körperlichen Verfall von Elias dokumentiert", sagt Anklägerin. In über 125.000 Chatnachrichten haben sich die 27-Jährigen über ihre Handlungen ausgetauscht und sich gegenseitig in ihrem Tun bestärkt. Das Leiden des Buben ist in Fotos und Videos - etwa von einer Webcam - festgehalten.
Nur noch Haut und Knochen
Die Eltern hätte sich "an seinem Leid ergötzt" und "sich unaufhörlich darin bestärkt, dass Elias vernichtet werden muss". Am 19. Mai 2024 verstirbt er letztlich an massiver Unterernährung und Flüssigkeitsmangel. Der Vater selbst alarmiert die Einsatzkräfte, gemeinsam tischt das Paar eine Erklärung auf, dass der Bub nicht mehr essen wollen habe.
Das Kind sei "nur noch Haut und Knochen" gewesen, erklärt Gerichtsmedizinerin Elke Doberentz, die den Leichnam untersucht hat. Am Anfang gehen die Ermittler noch von einem Unterlassungsdelikt aus, die Eltern werden sofort in Untersuchungshaft genommen. Das gesicherte Beweismaterial zeigt ein noch viel schlimmeres Bild.
Sie habe sich natürlich auch gefragt: "Wer tut so was?", sagt die Anklägerin und verweist auf das Gutachten der renommierten Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner. Die stellt klar: Beide waren zurechnungsfähig, hätten aber unter anderem sadistische Persönlichkeitszüge - jedoch keine Wahnerkrankung.
Ein bizarre Phantasiewelt konstruiert
Überfordert mit vier Kindern und in einer finanziell schwierigen Lage habe sich das Paar in ein „bewusst konstruiertes Narrativ“ geflüchtet. Es sei die Mutter gewesen, die "ein böses Märchen" erfunden habe, wonach in Elias ein Zauberin steckt, die für die unvorteilhafte Situation der Familie verantwortlich sei.
"Das hat zur völligen Entmenschlichung des Kindes geführt", erklärt die Expertin. Aus Elias wird "Es", das es zu vernichten gilt. Im Falle der Frau geht Kastner davon aus, dass sie jederzeit wieder zu solchen Taten fähig sein könnte. Darum rät sie die Einweisung in ein forensisch-psychiatrisches Zentrum an.
Die Verteidiger der beiden Angeklagten plädieren an die Geschworenen, auch die mildernden Umstände zu berücksichtigen - etwa die bisherige Unbescholtenheit. Die Staatsanwältin fordert für beide hingegen die Höchststrafe: "Wann, wenn nicht hier eine lebenslange Freiheitsstrafe?" Die Schuld sei "unermesslich".
"So etwa Grausames haben wir in diesem Gerichtssprengel noch nie verhandelt, ich traue mich zu sagen, österreichweit." Ein Urteil wird Montagnachmittag erwartet. Die Geschworenen haben sich um 13 Uhr zu ihren Beratungen zurückgezogen. Nach nicht einmal zwei Stunden folgte der Schuldspruch.