Tigermücken-Plage: Graz lässt 2 Millionen sterile Männchen fliegen
In Graz werden wieder sterile Tigermückenmännchen ausgesetzt
Zusammenfassung
- Graz setzt in den kommenden zehn Wochen bis zu zwei Millionen sterile Tigermücken-Männchen aus, nachdem ein Pilotprojekt die Schlupfrate um rund 70 Prozent senken konnte.
- Die Stadt betont neben der Freisetzung steriler Mücken weiterhin die Mithilfe der Bevölkerung, weil Brutstätten oft in kleinen Wasseransammlungen liegen und die Bekämpfung ohne Aufklärung und Zugang zu Gärten kaum möglich ist.
- Ergänzend kommen Informationsmaßnahmen und technische Lösungen wie die „ZikaSeals“ zum Einsatz, deren breitere Ausweitung jedoch an Ressourcen und Finanzierung gebunden ist.
Die Sommersaison steht in den Startlöchern und auch die lästigen asiatischen Tigermücken schwirren bereits wieder in Grazer Gärten auf der Suche nach Futter - also Menschenblut - herum. Die eingeschleppten Plagegeister werden seit Jahren von der Stadt Graz mit diversen Maßnahmen bekämpft.
Nach einem erfolgreichen Pilotprojekt mit sterilen Männchen, die freigelassen werden, will das Gesundheitsamt heuer bis zu zwei Millionen der unfruchtbaren Mücken freisetzen.
Auftakt war am Mittwoch, denn da wurden bereits etwa 74.000 mit Röntgenstrahlen sterilisierte Tigermückenmännchen nahe Graz-Webling freigelassen.
Schlupfrate sinkt
6.000 der Mücken ließen Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer (KPÖ) sowie Gesundheitsamtsleiterin Eva Winter mit dem städtischen Mückenexperten Erwin Wieser am Donnerstag im Heimgarten "Am Dietscholdgrund" in die Natur. Das Pilotprojekt aus dem Vorjahr hatte gezeigt, dass die sterilen Männchen, die übrigens nicht stechen, die blutsaugenden Weibchen begatten. Dadurch konnte eine Reduktion der Schlupfrate von rund 70 Prozent erzielt werden.
Für viele Heimgartenbesitzer, aber auch generell für Bewohnerinnen und Bewohner, ist das eine enorme Erleichterung. Melanie Polz vom Heimgartenverein "Am Dietscholdgrund" sagte am Donnerstag, dass es ohne Maßnahmen "massiv" sei: "Man geht hinaus und schon wird man gestochen - durch die Kleidung hindurch."
Lautlos und auch am Tag aktiv
Die Tigermücken sind im Gegensatz zu gewöhnlichen Gelsen tagaktiv und lautlos. Oft merkt man die auf der Suche nach Nahrung aufsitzenden Weibchen erst, wenn sie zustechen.
Brutstätten sind oftmals kleine unscheinbare Wasserpfützen, Blumenuntersetzer und Regentonnen. Wieser ist seit Jahren in den Grazer Heimgärten und bei anderen Gartenbesitzern unterwegs, um aufzuklären, denn ohne die Mithilfe der Bevölkerung ist eine Bekämpfung praktisch unmöglich. Die freigelassenen sterilen Mücken sind nur ein Stück eines "Mosaiks an Maßnahmen", so die Experten.
Insgesamt sollen 2026 bis zu zwei Millionen sterile Männchen in Graz freigelassen werden. Es hänge aber davon ab, wie viel der Lieferant, eine Firma in Bologna, zur Verfügung stellen kann. Die Tiere sind nach der Behandlung mit den Röntgenstrahlen nur wenige Tage ohne Futter überlebensfähig.
Weibchen paaren sich nur einmal
Der Transport per Flug nach Leipzig und von dort per Zug nach Graz ist lang. Damit die Männchen vor der Freilassung noch einmal Kraft für den Wettbewerb am "Heiratsmarkt" tanken können, können sie sich an Wattepads, die mit Zuckerlösung getränkt sind, stärken. Weibchen paaren sich nur einmal in ihrem Leben. Wenn also ein steriles Männchen zum Zug kommt, kann es keine Nachkommen bilden.
Die Kosten für eine Million steriler Tigermücken belaufen sich auf etwa 18.000 Euro. In den kommenden zehn Wochen sollen zwei Mal wöchentlich je rund 90.000 ausgesetzt werden - so der Plan. "Wir haben alles gekauft, was uns die Firma in Bologna bieten konnte", sagte Winter. Sie plädierte dafür, dass auch in Österreich sterile Tigermücken im großen Stil "produziert" werden.
Die AGES, die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, hätte laut Winter prinzipiell die Möglichkeit dazu. Es sei aber eine Frage der Ressourcen und letztlich auch des Geldes.
Mücken fliegen im Umkreis von 200 Metern
Wieser, der übrigens in ganz Österreich wegen seines Know-hows gefragt ist, hat allein 2026 schon 20 Vorträge in Heimgärten abgehalten, um zu informieren. Viel wichtiger sei aber eine "offene Gartentür", denn viele würden die Brutstätten gar nicht erkennen. Das geschulte Auge des Experten aber schon. Er ist froh, wenn er in Gärten informieren kann und Einlass erhält. Da die Mücken nur etwa im Umkreis von 200 Metern fliegen, ist jede selbst gesetzte Maßnahme auch mit direkter Auswirkung auf den eigenen Garten verbunden, betonten Wieser und Winter.
Bei den Maßnahmen wird wie schon in den vergangenen Jahren auf Aufklärung gesetzt. Neu sind dabei nun auch Türhänger, sprich Informationsflyer, die an Türen gehängt werden. Als wichtiger Multiplikator gelten weiterhin auch Schulkinder, die "Tigermückendetektive", die in den Schulen aufgeklärt werden und dann im Umfeld zu Hause ihr Wissen weitergeben.
Was gegen die Mücken hilft
Bewährt habe sich das Pilotprojekt mit den "ZikaSeals". Es handelt sich um einsetzbare Kanal- und Regeneinlaufverschlüsse, die mit Magneten funktionieren. Sie lassen Wasser auf Druck ab, verhindern ansonsten aber den Zugang der Mücken zum Wasser und damit zu den Brutstätten.
Rund 50 der von manchen auch als "Herzklappen" bezeichneten Verschlusssysteme wurden bisher in Graz zusammen mit den Entwicklern der Universität Kopenhagen eingesetzt. Sie funktionieren, so Winter, und ganz nebenbei dämmen sie auch Geruchsbelästigung aus dem Kanal vor.
Eine Frage des Geldes
Für einen flächendeckenden Einsatz in Graz fehlen aber die finanziellen Mittel. Die Holding Graz sei dennoch am Einsatz an weiteren, stark belasteten Straßenzügen interessiert - auch hier sei es aber eine Frage des Geldes.
Die ursprünglich aus den Tropen stammende Asiatische Tigermücke gilt als mögliche Überträgerin von über 20 verschiedenen Krankheitserregern - darunter Dengue-, Zika- oder Chikungunya-Viren. Die Ausbreitung der Insekten wird vor allem durch die Temperaturen im Winter bestimmt. Die Klimaerwärmung hat in Europa die Etablierung von Populationen in immer nördlicheren Gebieten ermöglicht - vor allem in Städten, wo es meist deutlich wärmer als im Umland ist. In anderen Städten wie etwa Triest wurde nach Fällen von Dengue-Fieber auch schon großflächig Gift gegen Stechmücken ausgebracht.
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