Graz: Fundstücke aus NS-Lager Liebenau ausgestellt
Neue Ausstellung über das "Lager Liebenau"
Zusammenfassung
- Die Ausstellung im Graz Museum zeigt archäologische Fundstücke aus dem ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlager Liebenau und stellt Erinnerungskultur sowie Kulturerbe in den Mittelpunkt.
- Rund 30 Objekte werden analog präsentiert, weitere 350 digital zugänglich gemacht, darunter persönliche Gegenstände von Zwangsarbeiterinnen wie ein Kamm mit eingraviertem Namen.
- Das Lager Liebenau war ein Ort des Schreckens während der NS-Zeit, diente als Station des Todesmarsches ungarischer Juden und ist Thema von Vorträgen und Führungen im Rahmenprogramm.
Ein Kamm, eine Zahnbürste, ein verbeultes Essgeschirr: Archäologische Fundstücke aus dem Areal des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Liebenau stehen im Zentrum der neuen Ausstellung des Graz Museum.
Sie sind Relikte einer bewegten Geschichte der Jahre 1940 bis 1945. Sie werfen Fragen auf und laden ein, sich mit der jüngeren Vergangenheit auseinanderzusetzen. Erinnerungskultur, Bewahrung von Kulturerbe sowie Stadt und Demokratie sind Schwerpunkte im Jahresprogramm des Museums.
Die von Susanne Lamm, der Leiterin der Stadtarchäologie Graz, und Annette Rainer vom Graz Museum kuratierte Ausstellung "Lager Liebenau" im Gotischen Saal des Graz Museum zeigt rund 30 Objekte, die durch die Ausgrabungsarbeiten dem Vergessen entrissen wurden. Weitere rund 350 werden der Öffentlichkeit durch die Online-Sammlung zugänglich gemacht.
Baracke mit fast 200 Menschen
Unter den ausgestellten Objekten findet sich ein fragmentarisch erhaltener Kamm. Er stammt von einer Zwangsarbeiterin. Das kann man sicher sagen, erzählte Kuratorin Lamm am Dienstag im Zuge der Presseführung. Denn im Kamm fand man einen Namen eingeritzt - jenen von Vlasta Siroka. Die Frau aus dem damaligen Protektorat Böhmen und Mähren wurde 1944 zur Arbeit als Hilfsarbeiterin in Graz gezwungen. In welchem Betrieb ist nicht bekannt, aus den Lagerakten gehe aber hervor, dass sie in der Baracke 168 einquartiert war: eine Baracke mit 183 Quadratmetern, darin waren noch 196 andere Menschen untergebracht, wie Lamm schilderte.
Ein anderes Objekt ist ein verbeultes Metallgefäß. Auch dieses wird als Alltagsgegenstand den Zwangsarbeitern in Liebenau zugeordnet. Es trägt deutliche Gebrauchsspuren und ein Monogramm, doch es führt zu keiner konkreten Person.
Ort des Schreckens
Das Lager Liebenau war während der NS-Zeit ein Ort des Schreckens. Umsiedlerinnen und Zwangsarbeiterinnen wurden hier untergebracht, und es war Schauplatz von Verbrechen des Nationalsozialismus. Viele der ausgestellten Fundstücke stammen aus dieser dunklen Epoche, andere aus Zeiten davor oder danach, wie man in der Grazer Ausstellung sehen kann: die Figur eines liegenden Pferdes aus Porzellan aus dem tschechischen Odov, ein Porzellanfragment mit französischer Beschriftung und dem Aufdruck "PH.Suchard neuchatel" aus dem späten 19. Jahrhundert, ein Sparschwein aus Keramik.
Die Ausstellung geht jedoch über das bloße Zeigen von Fundstücken hinaus. Sie lädt die Besucherinnen in Form von Notizzetteln dazu ein, aktiv Teil des Dialogs zu werden, die Fundstücke zu entschlüsseln und auch ihrer Bedeutung für die Gegenwart nachzugehen. Das Rahmenprogramm umfasst Vorträge und auch geführte Touren durch das ehemalige Zwangsarbeiterlager.
Eine Station des Todesmarsches
Während der NS-Zeit wurden im Zwangsarbeiterlager Graz-Liebenau bis zu 5.000 Personen gefangen gehalten. Viele kamen ums Leben. Im April 1945 war es eine Station des Todesmarsches ungarischer Juden vom Südostwallbau in Richtung KZ Mauthausen. Viele überlebten den Aufenthalt nicht. Bei einer Exhumierung 1947 wiesen 34 der 53 gefundenen Leichen tödliche Schusswunden auf. Die genaue Zahl der Opfer bleibt bis heute ein Rätsel. Die Spuren dieser dunklen Vergangenheit sind tief im Boden des Areals verankert. 2022 fanden auf dem Areal gezielte archäologische Grabungen statt.
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