Im Bombentrichter wurden menschliche Überreste entdeckt

© Stadt Graz

Chronik Österreich
01/19/2021

Brisanter Fund: Menschliche Überreste in Bombentrichter

Auf einer Baustelle in Graz wurden Skelettteile entdeckt: Die Nazis hatten in dem Bereich ab 1940 ein Lager.

von Elisabeth Holzer

Am Grünanger in Graz, einem Stück des Bezirks Liebenau, sollen Sozialwohnungen entstehen. Am Montag wurden die Bauarbeiten aber kurzzeitig gestoppt: Auf der Baustelle wurden menschliche Überreste gefunden, und zwar in einem freigelegten Bombentrichter, der aus dem Zweiten Weltkrieg stammt. Das wurde bei archäologischen Sondierungsgrabungen festgestellt.

Grabungen eingestellt

"Die Fundstücke wurden sofort gesichert und die Grabungen eingestellt", teilte Vizebürgermeister Mario Eustacchio (FPÖ) am Dienstag mit. Auch das Bundesdenkmalamt wurde alarmiert: Die Stelle ist eine brisante - ab 1940 hatte das NS-Regime auf dem Grundstück ein Zwangsarbeiterlager. Auch ungarische Juden wurden auf dem Todesmarsch ins Konzentrationslager am Ende des Krieges dort durchgetrieben.

34 Exekutionen nachgewiesen

Noch laufen die Untersuchungen der Skelettteile, deshalb "ist es für eine weiterführende Interpretation über die Herkunft dieser Überreste zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch zu früh", betonte Eustacchio. Brisant ist sie jedoch alle mal, denn bekannt ist zweierlei aus der Grazer Geschichte: Die Nazis haben nachweislich in dem, damals als "Lager V" bezeichneten, Barackenlager 34 Menschen exekutiert. Die Überreste dieser Opfer wurden gefunden, es gab 1947 auch Prozesse der britischen Militärgerichtsbarkeit Ob es weitere  Verbrechen dieser Art gab, ist unbekannt.

Dazu kommt: Aus ähnlichen Morden in der damaligen SS-Kaserne Wetzelsdorf und auf dem Schießplatz Feliferhof weiß man - die Leichen wurden oftmals in Kratern verscharrt, die Bomben geschlagen haben.

"Holocaust vor der Haustür"

Nun wurden auch bei den Bauarbeiten zum neuen Murkraftwerk im Bereich des Grünanger überhaupt erst Spuren des heute "Lager Liebenau" bezeichneten Komplexes gefunden. Mindestens 6.000 Zwangsarbeiter sollen dort bis 1945 untergebracht gewesen sein.

Das bis dahin vergessene NS-Lager, der "Holocaust vor der Haustür", wie es Historikerin Barbara Stelzl-Marx einmal beschrieb, rückte zurück ins Licht.  Die Stadt Graz stellte Erinnerungstafeln auf, es gab Ausstellungen.

Archäologen prüfen

Das Bundesdenkmalamt hat die Grabungsstelle wieder freigegeben, jetzt läuft die Untersuchung an: Neben tierischen Schlachtabfällen wurden laut Vizebürgermeister Eustacchio eben auch menschliche Knochen gefunden, die nun von einer Anthropologin geprüft werden. "Wir werden jetzt alle Erkenntnisse der Archäologen abwarten und gemeinsam mit dem Bundesdenkmal unser Projekt fortsetzen", kündigte Eustacchio an.

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