Chronik
01.08.2017

Der Feind in den eigenen vier Wänden

2016 wurden 899 Vergewaltigungen angezeigt. Die Täter stammen meist aus dem sozialen Umfeld.

Allein auf dem Heimweg in einer dunklen Seitengasse. Nachts unterwegs in der U-Bahn. Oder der Weg durch eine düstere Unterführung. Viele Frauen kennen derlei Situationen, samt der Angst, ein Fremder könnte einem zu nahe kommen – die Angst vor sexueller Belästigung oder einer Vergewaltigung.

Doch wie groß ist die Gefahr? Laut Kriminalstatistik gab es 2016 insgesamt 899 angezeigte Vergewaltigungen in Österreich. 2015 waren es 826. "Jeder einzelne Fall ist einer zu viel", betont Martina Stöffelbauer, stv. Leiterin des Büros für Kriminalprävention und Opferhilfe des Bundeskriminalamts. Wichtig sei aber, zu bedenken: "Nur in der absoluten Minderzahl ist der böse Unbekannte der Täter. Gewalt gegen Frauen passiert meist dort, wo man sich geborgen fühlen sollte – in den eigenen vier Wänden." Häufig handle es sich beim Täter um Partner oder Ex-Partner, oder er stamme aus dem Familien- oder Freundeskreis.

Dies untermauern auch die Daten der Kriminalstatistik. Aufschlussreich ist die Aufschlüsselung, in welcher Beziehung die Opfer zu den Tätern standen: Bei den gewaltsamen Sexualdelikten im Jahr 2016 bestand in rund 48 Prozent der Fälle ein Bekanntschaftsverhältnis zwischen Opfer und Täter. Weitere 25 Prozent der Fälle ereigneten sich innerhalb der Familie. Und in zwölf Prozent der angezeigten Delikte war der Täter eine Zufallsbekanntschaft – zum Beispiel jemand, den das Opfer in einem Lokal oder im Internet kennengelernt hatte.

Dunkelziffer

"Es ist leider davon auszugehen, dass es im Bereich der sexuellen Gewalt zudem eine hohe Dunkelziffer gibt", ergänzt Stöffelbauer. Aber auch bei nicht angezeigten Taten handle es sich wohl zumeist um Fälle im Umfeld. Eine Abhängigkeit vom Täter oder die Angst vor dessen Rache halte viele Frauen davon ab, zur Polizei zu gehen.

Was die Herkunft der Täter betrifft, waren laut Polizei bei den aufgeklärten Vergewaltigungsfällen im Vorjahr 56,6 Prozent der Täter Österreicher und 43,4 Prozent Nichtösterreicher.

Ein Thema, das derzeit vielen Frauen Angst macht, sind Sexualdelikte von Flüchtlingen: Im Jahr 2015 waren laut Kriminalstatistik 22 der angezeigten Vergewaltigungen Delikte von Afghanen, 2016 stieg die Zahl auf 64. Bei den Syrern waren es drei Fälle im Jahr 2015 und 17 im Jahr 2016.

Der Anstieg erklärt sich vor allem dadurch, dass sich 2016 schlicht mehr Afghanen und Syrer in Österreich aufhielten als im Jahr davor. "Man darf nicht vergessen: Auch diese Fälle ereigneten sich großteils im näheren Umfeld. Etwa, wenn ein Afghane die eigene Frau vergewaltigt", erläutert Stöffelbauer. Und sie ergänzt: "Gleichzeitig ist entscheidend, den hier lebenden fremden Personen unser Kulturverständnis näherzubringen: Gewalt darf in keiner Weise toleriert werden – unabhängig von Geschlecht, Kleidung, sexueller, religiöser oder politischer Weltanschauung. Dazu gibt es ein breites Angebot an Kursen, auch von der Polizei."

Einen Anstieg findet man in der Statistik übrigens – im Bereich "Sexuelle Belästigung und öffentliche geschlechtliche Handlungen". Gab es 2015 noch 1228 Anzeigen, waren es im Vorjahr 1918. "Das bedeutet nicht zwingend, dass mehr passiert ist", sagt Stöffelbauer dazu. Der Grund ist die Neuformulierung eines Paragrafen (§ 218 StGB): Seit 1. Jänner 2016 sind weitere körperliche Belästigungen strafbar – Stichwort: "Po-Grapschen".

Aufmerksamkeit
Wer aufmerksam ist und seine Umgebung beobachtet, kann in Gefahrensituationen rasch reagieren. Kopfhörer verringern z. B. die Aufmerksamkeit.

Stärke entwickeln
Mit bestimmtem Schritt, offenem Blick und aufrechter Haltung gehen; selbstbewusst auftreten.

Reaktion
Auf erste Anzeichen von möglichen Gefahren sofort reagieren. Im Notfall mit Lärm auf sich aufmerksam machen oder Personen direkt ansprechen und auch um Hilfe bitten. Es ist von Vorteil, wichtige Telefonnummern wie den Notruf auswendig zu kennen. Wenn möglich, die Polizei rufen.

Gegenwehr
Achtung: Angst fokussiert die Sinne – Panik hingegen blockiert. Wichtig ist ein deutliches "Nein". Selbstverteidigung kann helfen, dem Gegenüber bereits im Vorfeld Grenzen zu setzen. Dennoch gilt Flucht als bestes Mittel. Sollte die Flucht nicht möglich sein, sollte man sich mit allen Mitteln – in aller Heftigkeit, mit aller Kraft und voller Lautstärke – wehren.