Chronik
14.01.2018

Semmering: Glanz und Elend des Zauberbergs der Wiener

Kaiserhaus, Adel, Großbürger und berühmte Künstler suchten hier einst Erholung. Doch der Semmering ist seit Jahrzehnten in der Krise.

Ein Platz, wie er prächtiger nicht sein könnte. Traumhaft schöne Spazierwege und Skipisten, imposante Hotelbauten, ein angenehmes Klima auf tausend Meter Seehöhe und eine Geschichte, die mit den mondänsten Kurorten der Welt mithalten kann. Und das alles nur eine Autostunde von Wien entfernt. Müsste eigentlich eine Tourismusattraktion ersten Ranges sein. Doch der Semmering kränkelt seit Jahrzehnten vor sich hin und scheint keinen Ausweg aus seiner Krise zu finden.

"Endlich keucht die Berglokomotive nach Station Semmering", schrieb Peter Altenberg über seine Ankunft in dem Luftkurort. "Wir steigen aus, atmen Bergluft ein, hinter uns der Dunst der Großstadt." Neben Literaten wie Altenberg, Stefan Zweig und Karl Kraus waren es Erzherzöge und andere aristokratische Gäste, die dem Semmering zur Jahrhundertwende zu seinem Renommee verhalfen.

Der Bau der Südbahn

Ehe die Region zum Urlaubsparadies wurde, gab’s hier nichts als Landschaft und gute Luft. Lange führte nur ein schmaler Schotterpfad als Verkehrs- und Handelsweg über den Pass, in dessen Umfeld ein paar verstreute Bauernhöfe lagen. Kaum ein Fremder verirrte sich je in das unwegsame Gelände. Das änderte sich erst, als der Eisenbahningenieur Karl Ritter von Ghega die Südbahn ausbaute, die nun über Tunnels und Viadukte den Semmering passierte. Nach sechsjähriger Bauzeit war die Strecke 1854 von Wien nach Triest vollendet und die bis dahin verträumte Bergregion von allen Seiten bequem erreichbar.Als die Industrialisierung in den Großstädten einsetzte, sehnten sich die Menschen nach frischer Luft, und die ist nirgendwo besser als am Semmering, der nun zum Zauberberg der Wiener wurde.Adel und Bürgertum bauten Villen, und im Jahr 1882 wurde mit dem Südbahnhotel die erste Luxusherberge eröffnet. Mehrmals ausgebaut und vergrößert, trafen in dem eleganten Bau im Stil des Späthistorismus betuchte Kaufleute, ungarische Magnaten, indische Maharadschas und berühmte Künstler aufeinander. Stammgast Arthur Schnitzler schrieb hier große Teile seines Dramas "Das weite Land", in dem er dem Portier des Hotels, Karl Rosenbaum, ein literarisches Denkmal setzte.

Herr Panhans kochte

Nach ein paar Jahren hatte der Koch Vinzenz Panhans als Pächter des Restaurants im Südbahnhotel so viel verdient, dass er selbst ein Hotel errichten konnte: das Panhans, das ab 1888 zur schärfsten Konkurrenz des Südbahnhotels und nach großzügigen Erweiterungsbauten durch die Architekten Fellner und Helmer im Jahr 1913 mit 400 Zimmern zu einem der größten Hotels Europas wurde.

Weitere Grandhotels, aber auch Pensionen und Privatunterkünfte komplettierten das Angebot. Von der Hauptstadt aus konnte man mit der Bahn täglich zehn Mal ohne umzusteigen auf den Semmering fahren, der sich nun innerhalb weniger Jahre zum Hausberg der Wiener entwickelte. In der Hauptsaison waren traditionell alle Betten vergeben, im Sommer spielte man Golf, Tennis und unternahm Wanderungen, im Winter waren Schach, Bridge und Skifahren angesagt. Sogar Frauen durften – damals eine Besonderheit – über die Schneehänge sausen, allerdings mussten sie Röcke tragen; eine Frau in Hosen war undenkbar.

Reich und schön

Wer reich und schön war, wollte auf der Semmering-Promenade gesehen werden, wodurch auch die vielen Geschäfte an der Hochstraße florierten. Wie international der Semmering war, zeigte die an der örtlichen Apotheke angebrachte Tafel, der zu entnehmen war, dass man hier auf englisch, französisch, italienisch, griechisch, polnisch, tschechisch und russisch sprechendes Personal traf.

Die in diversen Stilrichtungen erbauten Häuser entsprachen nicht jedermanns Geschmack. "Der Semmering gefällt mir nicht", beschrieb Egon Schiele "die vielen kitschigen Almhütten". Und der bekannte Architekt Adolf Loos ärgerte sich über den Versuch, "der Natur mit steilen Dächern, Erkern und anderem rustikalen Gejodel entgegenzukommen". Loos selbst entwarf für den Semmering ein Grandhotel, das nie errichtet wurde – ganz im Gegensatz zu dem von ihm erbauten Looshaus im nahen Payerbach, in dem heute ein renommiertes Hotel-Restaurant untergebracht ist.

Nach dem Untergang der Monarchie blieb der Semmering, anders als andere Fremdenverkehrsgemeinden, eine beliebte Destination, in der etwa Sigmund Freud Erholung suchte. Alma Mahler-Werfel hatte in Breitenstein am Semmering ein Sommerhaus, und 1928 sorgte die weltberühmte Nackttänzerin Josephine Baker für Schlagzeilen, da die Hotelboys nach ihrer Ankunft im Panhans einen halben Tag damit beschäftigt waren, die Koffer der 24-jährigen Schönheit auszupacken. So blieb der Semmering stets im Gespräch.

"Gauhotel" der Nazis

Mit Hitlers Machtergreifung in Österreich schlug auch für den Semmering die dunkelste Stunde, zumal von einem Tag zum anderen das jüdische Bürgertum ausblieb. Das Panhans wurde zum "Gauhotel", in dem sich Nazibonzen wie Feldmarschall Göring einquartierten. Nach dem Krieg brachte man in den einstigen Grandhotels sowjetische Besatzungssoldaten unter.

Die Hotels schließenMit Einsetzen des Wirtschaftswunders hoffte man, das Publikum durch Skirennen und andere Sportveranstaltungen auf den Semmering zu locken, doch was einst der große Vorzug war, erwies nun sich als Hindernis: die Nähe zu Wien! Denn im Zeitalter des Automobils wurden entferntere Urlaubsziele attraktiver als der morbide Zauber verfallender Villen und Hotels. Publikumsliebling Maxi Böhm kaufte die schöne "Parkvilla" und baute sie zur Frühstückspension aus, um bald über den Semmering zu witzeln: "Halb so groß wie der Zentralfriedhof, aber doppelt so tot."So tot jedenfalls, dass im Südbahnhotel der Betrieb eingestellt wurde. Im Panhans fiel man indes Ende der 1960er-Jahre auf einen deutschen Millionenbetrüger herein, der das Haus sanieren wollte, aber die Rechnungen der Handwerker nicht zahlte. Nach Verhaftung und Konkurs schloss auch das Panhans, Teile beider Kolossalbauten wurden als Wohnungen adaptiert.

Ungewisse Zukunft

Während das Haupthaus des Südbahnhotels nach wie vor vor sich hinmodert, schien es mit dem Panhans zwischenzeitlich wieder aufwärts zu gehen. Doch jetzt ist auch seine Zukunft (seihe nebenstehenden Bericht) mehr als ungewiss. Und mit dem Panhans die Zukunft der ganzen Region.