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Chronik Österreich
12/31/2018

Rauchfangkehrer: Zum Glück kann man sie angreifen

Die Männer und Frauen in Schwarz gelten als Glücksbringer. Ihr Beruf wird anspruchsvoller.

von Anna-Maria Bauer

„Warten’S, bleiben’S bitte kurz stehen!“ Unzählige Male hat Harald Weidhofer diesen Satz schon gehört. Als Lehrling hat es ihn noch richtig gerissen, wenn fremde Menschen ihn an seiner schwarzen Uniform berührten – mit der Hoffnung, ein kleines Stückchen glücksbringenden Ruß zu erhaschen. Andere beobachtet er heute noch dabei, wie sie bei seinem Anblick rasch einen Knopf suchen und ihn drehen.

Harald Weidhofer, 65 Jahre alt und gebürtiger Wiener, ist seit 50 Jahren Rauchfangkehrer. Vieles hat sich dabei verändert, Geräte sind moderner geworden und neue Aufgaben dazu gekommen. Aber eine Sache ist gleich geblieben: Immer noch gelten Rauchfangkehrer als Glücksbringer.

„Irgendwie ist das schon schräg, weil der Beruf ein äußerst realistischer ist. Wir sind für die Sicherheit der Menschen verantwortlich“, sagt der Geschäftsführer zweier Rauchfangkehrer-Betriebe zum KURIER.

Retter in Schwarz

Wieso gilt der Rauchfangkehrer als Glückssymbol?

Verstopfte Kamine waren früher nicht nur ärgerlich, sie waren auch gefährlich. Der Raum wurde nicht warm, es konnte nicht gekocht werden und oft verteilte sich der Rauch und giftige Gase im ganzen Haus – das konnte böse enden.

Rettung brachte nur der Rauchfangkehrer, der Kamin und Schornstein säuberte. Seine Ankunft wurde stets gern gesehen, seine Person wurde mit Glück und Sicherheit in Verbindung gebracht, erzählt Weidhofer, nachdem er die Metallleiter im obersten Stockwerk eines Wohnhauses in Wien-Döbling hinaufgeklettert, am Ende des Aufzugs vorbei, durch eine niedrige Tür – und aufs Dach gestiegen ist.

Und so würden sich die Menschen auch heute noch über ihren Anblick freuen – vor allem um Silvester, wenn viele die Neujahrswünsche und Kalender freudig erwarteten. Harald Weidhofers Blick fällt über ein Meer an Hausdächern und Rauchfängen, als er das sagt. Eine beeindruckende Aussicht über Wien – die für Harald Weidhofer und seinen Mitarbeiter Christoph Koletnik, der hinter ihm das Dach betritt, Alltag ist.

Wahrscheinlich ist dieser Einsatzort mit ein Grund: Nachwuchsprobleme gibt es bei den Rauchfangkehrern derzeit jedenfalls nicht.

Aktuell gibt es in Wien 88 Meister mit eigener Firma. 70 Prozent dieser Betriebe bilden Nachwuchs aus. Auch der Anteil von Frauen steigt stetig. Vor 35 Jahren, erzählt Weidhofer, habe es gesamt nur zwei, drei Frauen gegeben, heute würden sie ein Viertel der rund 490 Mitarbeiter in Wien ausmachen; von den 88 Meistern sind 19 Frauen.

Gestiegenes Ansehen

„Außerdem ist das Ansehen der Rauchfangkehrer gestiegen“, sagt Harald Weidhofer, der Rauchfänge von der Döblinger Muthgasse bis hinauf zum Cobenzl und auch in Wien-Rudolfsheim betreut. „Als ich mich dazu entschieden habe, im Betrieb meiner Großmutter einzusteigen, habe ich alle meine Schulfreunde verloren. Der Beruf war damals sozial nicht akzeptabel.“ Heute ist die Meisterprüfung mit dem Bachelor gleichgesetzt.

Tatsächlich können sich Weidhofer und Koletnik keinen schöneren Beruf vorstellen: Man sei beliebt, es sei ein sicherer Arbeitsplatz und man komme herum.

Ein Punkt, der allerdings nicht außer Acht gelassen werden dürfte: Die Verantwortung steigt. Seit Fenster immer dichter werden – „was gut ist, denn so gibt es weniger Wärmeverlust“, sagt Koletnik – werden defekte Thermen gefährlicher. Durch mehr Einsatz von Kunststoffen wird der Rauch dichter und verbreitet sich rascher. Außerdem lösen durch elektrische Geräte überlastete Leitungen öfter Brände aus. Auch Gerümpel in Gängen müssten sie öfter beanstanden: „Es bringt nichts, wenn wir nur lieb sind, aber am Ende etwas passiert. Schließlich haben wir die Verantwortung“, sagt Weidhofer.

Und wie sieht es eigentlich mit dem eigenen Aberglauben aus? Haben sie selbst einen Glücksbringer einstecken? Beide schütteln entschieden den Kopf: „Nein, nein. Wir haben einander.“

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