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Prozess
11/01/2016

Wurzelbehandlung beim Zahnarzt ging ins Auge

Hornhautriss beim Bohren. Augenschutz ist unüblich, daher kein Schadenersatz.

von Ricardo Peyerl

"Die schöne neue Brille tun wir weg", sagte der Zahnarzt und legte sie zur Seite, "damit ihr nichts passiert." Um die Augen seiner Patientin hat er sich offenbar keine Sorgen gemacht.

Ein paar Spritzer

Seda S. brauchte eine Wurzelbehandlung. Die 38-jährige Modefachberaterin aus St. Johann im Pongau geht seit ihrem 14. Lebensjahr zum Zahnarzt ihres Vertrauens. Weil sie sich aber vor jeder Behandlung fürchtet, "habe ich mich ein bisschen verkrampft und die Augen fest zugedrückt", wie sie dem KURIER erzählt. Der Arzt senkte den Behandlungsstuhl in Rückenlage, bohrte und stellte den Sessel wieder gerade. Dann rief er: "Stopp!", griff nach einem Mundsauger mit blauer Kappe ("Den habe ich immer noch vor mir", sagt Seda S.) und entfernte etwas aus dem Gesicht, was nicht dorthin gehört. "Da hamma ein paar Spritzer", sagte er noch beiläufig.

Seda S. holte ihren kleinen Sohn vom Kindergarten ab, fuhr nach Hause, bereitete noch das Mittagessen zu, der größere Sohn kam aus der Schule, "und dann bin ich schon gelegen. Mir war schwindlig, es hat voll gebrannt." Die Wurzelbehandlung war im wahrsten Sinn des Wortes ins Auge gegangen. Beim Bohren müssen kleine Partikel hineingelangt sein.

Die Augenärztin stellte eine Verätzung beider Augen und einen Hornhautriss im linken Auge fest, die Patientin bekam eine Verbandslinse. Zwei Wochen später musste Seda S. zur Nachbehandlung zum Zahnarzt. Der sagte nur: "Ja, das kann passieren". Seither geht die 38-Jährige nicht mehr zu ihm: "Er hätte sich nur entschuldigen brauchen", sagt sie: "Dann wäre alles okay gewesen."

Sechs Wochen später begann es im Auge wieder zu brennen "und ich hab’ wieder nichts gesehen". Die zweifache Mutter musste mit der Rettung nach Salzburg gebracht werden, wo eine Notoperation durchgeführt wurde. Danach heilte das verletzte Auge langsam ab. Das Unglück ist Mitte 2015 passiert, aber noch heute beginnt es zu brennen, wenn es draußen kälter wird oder die Luft zu trocken ist.

Seda S. klagte den Zahnarzt und seine Versicherung auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Ihrer Rechtsanwältin Michaela Hütteneder-Estermann aus Bad Hofgastein gelang der Nachweis, dass die Wurzelbehandlung kausal für die Augenverletzung war. Doch das Risiko galt nicht als erheblich und es gibt keine verbindliche Norm, die einen Augenschutz für Patienten beim Bohren und Schleifen vorschreibt.

Bis zum Höchstgericht

Nur der Zahnarzt selbst trägt in der Regel eine Schutzbrille, an die Patienten wird dabei nicht gedacht. Der Fall wurde mit Revision bis vor den Obersten Gerichtshof gebracht. Auch das Höchstgericht wertete es jedoch als Überspannung des Maßstabes, würde man den Arzt zum Augenschutz verpflichten.

"Ich habe keinen einzigen Cent bekommen", sagt Seda S., die dank Rechtsschutzversicherung wenigstens nicht auf den Anwalts- und Gerichtskosten sitzen geblieben ist. Der Zahnarzt legt nun seinen Patienten bei Wurzelbehandlungen wenigstens ein Tuch über die Augen. "Das weiß ich von meiner Schwiegermutter, die nach wie vor zu dem Arzt geht", erzählt die 38-Jährige.