Chronik | Österreich
25.06.2017

"Wir haben alles verloren": Dürre in Ostafrika bedroht 20 Millionen Menschen

Allein in Kenia hungern zweieinhalb Millionen Menschen. Hilfe aus Österreich rettet Leben.

Es ist acht Uhr Früh in North Horr, die Luft in der kleinen nordkenianischen Ortschaft flimmert bereits jetzt vor Hitze. Es hat an die 38 Grad, ein warmer Wind wirbelt die staubtrockene Erde auf und sorgt für ein bisschen Erleichterung.

Normalerweise ist es ruhig im von Wüste umgebenen North Horr, dem Zentrum der gleichnamigen Region mit rund 100.000 Einwohnern, doch heute herrscht reges Treiben.

Aus allen Himmelsrichtungen kommen Frauen in bunten, wallenden Kleidern, insgesamt sind es 250. Fast alle tragen ein Baby oder Kleinkind auf dem Rücken.

Sie wurden hierherbestellt, teils aus Stunden entfernten Nomadendörfern, um ihre Kinder in der örtlichen Klinik untersuchen, wiegen und mit Nahrung versorgen zu lassen. Denn alle sind unterernährt.

Klimawandel

Grund ist die verheerende Dürre, die weite Teile Ostafrikas seit dem Vorjahr fest im Griff hat und mehr als 20 Millionen Menschenleben bedroht – die laut UNO schlimmste humanitäre Krise seit 1945.

In Äthiopien, Somalia, Südsudan, Sudan, Uganda und Kenia sind die letzten Regenzeiten beinahe gänzlich ausgefallen, die Erde und viele Brunnen sind ausgetrocknet, Pflanzen verdorrt.

Früher konnten sich die Menschen in guten Jahren auf Dürren vorbereiten, es gab sie höchstens alle fünf bis sechs Jahre. Durch den Klimawandel nehmen Häufigkeit und Dauer der Dürrezeiten zu, Vorräte anzulegen oder Vieh zu mästen, ist unmöglich geworden.

Das hat vor allem für nomadisch lebende Viehzüchter wie im kenianischen Landkreis Marsabit County, zu dem North Horr gehört, dramatische Folgen: Wenn ihre Nutztiere verhungern, verlieren die Menschen ihre wichtigste Nahrungs- und Einkommensquelle, etwa für Grundnahrungsmittel oder Schulgelder. Ohne Kamele oder Esel ist es zudem unmöglich, Wasser aus bis zu 60 Kilometern entfernten Wasserstellen nach Hause zu transportieren.

80 Prozent der Tiere verendet

In Marsabit County, das so groß ist wie Österreich, sind bis zu 80 Prozent der Tiere verendet. In den endlos scheinenden Steinwüsten sieht man Kadaver von Ziegen, aber auch von Kamelen, die eigentlich einen Monat ohne Wasser auskommen können. Sterben die Kamele, so heißt es im Volksmund, sterben bald auch die Menschen.

In Kenia haben 2,6 der 49 Millionen Einwohner nicht genügend zu essen, die Zahl könnte in den nächsten Wochen auf vier Mio. steigen. Allein in Marsabit County ist jedes dritte Kind unterernährt.

Zumindest die größte Not zu lindern, ist das Ziel der Caritas Österreich, die in Marsabit County seit einigen Jahren mit der lokalen, äußerst engagierten Hilfsorganisation PACIDA zusammenarbeitet.

Seit Beginn der aktuellen Dürre hat die Caritas rund 300.000 Euro investiert, um Menschen zu helfen: durch Nahrungsmittelpakete, Wasserlieferungen, Schulausspeisungen und Hilfe für unterernährte Kinder, aber auch durch langfristige Projekte wie Brunnenbau.

"Die Hilfe kommt an", sagt Caritas-Präsident Michael Landau, der Marsabit County vor Kurzem besucht hat, "sie rettet Leben". Er erinnere sich an einen Viehzüchter, so Landau, der gesagt habe: "Ohne eure Hilfe würde es uns nicht mehr geben."

Das gilt auch für viele der Kinder, die regelmäßig in die Klinik in North Horr kommen. Eines davon, gerade ein Jahr alt, wiegt lediglich vier Kilogramm – unbedeutend mehr als Kinder in Österreich bei der Geburt wiegen.

Besser geht es der zweijährigen Adho Galgalo, auch wenn sie ebenfalls unterernährt ist. Ihre 18-jährige Mutter Daro hatte früher mit ihrem Mann, mit dem sie seit vier Jahren verheirat ist, 40 Schafe, 50 Ziegen und zwei Kamele – mittlerweile sind alle tot.

"Mit Lebensmittelhilfe kommen wir zwar durch", sagt die junge Frau zum KURIER, man merkt ihr allerdings an, dass es ihr unangenehm ist, abhängig zu sein.

500 Kalorien täglich

Um die Kinder aufzupäppeln und sie vor lebenslangen körperlichen und geistigen Schäden anhaltender Mangelernährung zu schützen, versorgt die Klinik sie mithilfe der Caritas mit einer Paste aus Pflanzenöl, Milch, Erdnüssen und Zucker, die aus einem Beutel direkt in den Mund gedrückt wird und die Kleinen täglich mit 500 Kalorien versorgt.

Aber auch Erwachsene sind auf Unterstützung angewiesen. Zu sehen ist das etwa im Dorf Qorqa Gudha, das von North Horr rund eine Stunde Fahrt mit dem Geländewagen entfernt ist. Dort leben 270 Familien mit durchschnittlich sechs Mitgliedern in traditionellen Rundzelten aus Zweigen, Stoffen und Leder. Heute haben sich alle versammelt, ein Lkw mit Grundnahrungsmitteln ist angekommen.

Talaso Sare Gorai, 40, hat sich ihre Ration bereits gesichert, sie reicht für eine Woche. Die Witwe hat fünf Kinder zwischen fünf und 20 Jahren. "Wir haben alles verloren", sagt die Frau und erinnert sich an früher, als Dürre noch die Ausnahme war. Jetzt hofft sie auf die nächste Regenzeit im Oktober oder November – so sie denn kommt.

Wie können Sie helfen?

Mit 25 Euro kann die Caritas Österreich beispielsweise eine sechsköpfige Familie eine Woche mit Bohnen, Weizenmehl, Speiseöl, Milch und der nahrhaften Getreidemischung UNIMIX versorgen.

Spenden sind erbeten an: Caritas, Kennwort Hungerhilfe, IBAN AT 92 6000 0000 0770 0004, BIC BAWAATWW. Online spenden: www.caritas.at/hunger.

Eine weitere Möglichkeit, konkret zu helfen, ist der Webshop der Caritas (shop.caritas.at)

Ein Zuhause für Nomadentöchter

Frauen sind, vor allem als Schwangere oder Stillende, neben Kindern und Alten die Hauptleidtragenden der Dürre, sie schultern die schwerste Last.

Während die Männer mit den verbleibenden Tieren auf der Suche nach Wasser umherziehen oder – falls alle Tiere verendet sind – oft in den Dörfern sitzen, müssen die Frauen die Familie versorgen. Sie sind es, die Essen auftreiben und, meist mit Baby am Rücken, stundenlang zu Wasserstellen marschieren.

„Sie müssen die Starken sein, sie verspüren großen Druck“, sagt Ibrahim Abdallah, Mitarbeiter der nordkenianischen Hilfsorganisation PACIDA, im Gespräch mit dem KURIER.

In der patriarchalischen Gesellschaft der Viehnomaden gelten Frauen wenig. Bildung bleibt ihnen großteils verwehrt, und im Alter von zehn bis 12 Jahren werden bis zu 90 Prozent der Mädchen genitalverstümmelt, unabhängig von ihrer Religion.

Die lebensgefährliche Prozedur gilt als Voraussetzung für eine Verheiratung, die meist wenig später erfolgt. „Die Regierung stellt Heiraten mit Mädchen unter 18 Jahren zwar unter Strafe, es gibt sie aber immer noch“, so Abdallah.

Rettungszentrum

Sora Duba kämpft gegen diese Probleme an. Er ist Direktor der „Kalacha Nomadic Girls Boarding School“, eines Beispiel gebenden Internats für Mädchen im Alter von sechs bis 14 Jahren, das von der Caritas Österreich in Zusammenarbeit mit PACIDA unterstützt wird.

„Unsere Schule ist ein Rettungszentrum für Mädchen, die vor Genitalverstümmelung oder Zwangsheirat geflohen sind“, sagt Duba. Hier finden sie Zuflucht und erhalten Bildung, die ihnen ein eigenständiges Leben außerhalb ihrer Gemeinschaften sichern soll.

Doch nicht nur von ihren Familien verstoßene Mädchen leben und lernen in Kalacha, sondern auch Mädchen, deren Eltern auf eine bessere Zukunft hoffen.


Anfangs sei es schwer gewesen, die Nomaden, zu 99 Prozent Analphabeten, zu überzeugen, ihre Töchter in die Schule zu schicken, erzählt Duba. Dann habe das Interesse kontinuierlich zugenommen: „Die Eltern wollen etwas Neues für ihre Kinder.“

Dieser Fortschritt steht allerdings auf wackeligen Beinen. Grund ist die Dürre, wegen der viele Eltern das Schulgeld in Höhe von wenigen Euro im Quartal nicht mehr zahlen können: Vor der Dürre besuchten 700 Mädchen im Alter die Schule, heute sind es nur noch rund 500.

- Irene Thierjung, Kalacha