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Chronik | Österreich
11/11/2018

Wie unsere Wälder krisenfest werden

In einem Vollmastjahr wie dem heurigen wird das Saatgut für die Bäume von Morgen gesichert

Die Stille im Mischwald hoch über dem Wiestalstausee im Salzburger Tennengau können nur die Motorsägen stören. Doch die Zapfenernte ist eine ruhige Angelegenheit. Einzig, wenn die beiden Forstarbeiter Martin Egger und Ignaz Rohrmoser von den Bundesforsten frischen Zapfennachschub brauchen, werfen sie auf dem Sendlberg auf rund 1000 Metern Seehöhe die Motorsäge an und schneiden eine der 180 Jahre alten Lärchen um.

Auch wenn es dabei der Biomasse aus dem 19. Jahrhundert an den Kragen geht, sind die beiden in naturschützender Mission unterwegs. Sie helfen den Bundesforsten, Österreichs größtem Waldbesitzer, klimaresistent zu werden. „Damit wir katastrophenfit sind, ist es ganz wichtig, dass wir das Saatgut sicherstellen“, erklärt Lorenz Strasser, Leiter des Forstreviers Wiestal. Und genau das passiert bei der Zapfenernte.

Dafür braucht es Vollmastjahre, und ein solches war heuer. Nur in solchen Jahren bilden die Bäume Zapfen in großer Zahl aus. Fichten etwa stehen so wie heuer nur einmal im Zehnjahresrhythmus in Vollmast. Die Bundesforste beernten Tannen, Fichten, Zirben und Lärchen, im Wienerwald werden auch Eicheln gesammelt. Im Mischwald auf dem Sendlberg konzentrieren sich die beiden Forstarbeiter auf die Lärchen.

„Wir haben die Bäume bei der Waldpflege in den vergangenen Jahren hier für die Beerntung stehen gelassen und ein Samenjahr abgewartet“, sagt Strasser. Nun werden auch die letzten Überhälter – im Jungwald stehende einzelne hohe Bäume – umgeschnitten und beerntet. Rund um die alten Riesen wächst bereits junger Mischwald, um – geplant – erst wieder in mehr als 100 Jahren gefällt zu werden.

Genetische Schätze

Aus ganz Österreich werden die Zapfen nach der Ernte in die Saatgutaufbereitungsanlage in Arndorf in Niederösterreich gebracht. In einer der landesweit letzten Klengen, so der historische Name für die Anlage, wird das Saatgut aufbereitet und bei minus zwölf Grad eingelagert. In Glasflaschen halten die Samen so bis zu 20 Jahre lang. „Die Klenge in Arndorf ist unsere geheime Schatzkammer, hier liegt ein ganz besonderer, genetischer Schatz“, sagt Bundesforste-Vorstand Rudolf Freidhager.

Denn das Saatgut wird genau analysiert und nach Herkunftsregion eingelagert. Die Lärchen vom Sendlberg bekommen auf dem Zertifikat den Standort „nördliche Randalpen“ zugewiesen. Das ist wichtig, damit die Bäume später wieder an den richtigen Standort kommen.

„Eine Lärche, die in einem Kalkgebirge steht, hat andere Bedürfnisse als eine Wienerwald-Lärche“, erklärt Förster Strasser. „Wenn die Bäume später in ein neues Gebiet kommen, wird überprüft, ob sie dem standortangepassten Typ entsprechen.“

Das ist besonders in Zeiten des Klimawandels wichtig. Denn die vermehrt vorkommenden Stürme, wie etwa zuletzt in Kärnten, setzen die Wälder unter Druck. „Die Häufung solcher Ereignisse ist schon auffallend“, sagt Strasser, der in seinem Revier vom Sturm Ende Oktober ebenfalls einige kleine Windwürfe hat.

Bei größeren Windwürfen wird mit Jungpflanzen aufgeforstet. Diese Pflanzen sind drei bis vier Jahre alt und werden im Pflanzgarten aus dem von den Zapfen gewonnenen Saatgut aufgezogen. Auch nach Befall mit dem Borkenkäfer kommt es zu solchen Aufforstungen.

Lärchen sind im Trend

Gerade aufgrund des Klimawandels bekommen Österreichs Wälder – und ihre schnelle Wiederaufforstung – mit ihrer Schutzfunktion eine besondere Bedeutung. Waldböden können etwa mehr Wasser aufnehmen als andere Böden. Sie sind somit ein wichtiger Schutzfaktor gegen Hochwässer und auch für die Reinigung von Regenwasser zu Trinkwasser elementar.

Bei der Aufforstung kommt inzwischen verstärkt die Lärche zum Einsatz. Die Bundesforste wollen – wie auch viele andere Waldbesitzer – von den Fichten-Monokulturen abkommen. Nicht nur wird Lärchenholz stärker nachgefragt. „Es hat sich auch gezeigt, dass die Lärchen bei Windwurf eher stehen bleiben. Dazu überstehen sie die Trockenheit auch relativ gut. Als Pfahlwurzler gehen sie mehr in die Tiefe als Fichten und kommen so leichter ans Wasser“, erklärt Strasser. Und all das macht sie für die erwarteten Herausforderungen des Klimawandels besser geeignet.