Wie muslimische Kinder in ihren Schulen diskriminiert werden

Frauen, Kopftuch, Muslime
Foto: KURIER/Franz Gruber  

Tragen des Kopftuchs führt immer wieder zu Konflikten mit den Lehrern.

Der Vorfall spielte sich 2016 in einem Wiener Gymnasium ab: Ihr eigener Klassenvorstand kam offenbar nicht damit zurecht, dass sich eine 16-jährige Schülerin entschlossen hatte, ein Kopftuch zu tragen. Gleich vier Mal holte die Lehrerin das verblüffte Mädchen aus dem Unterricht, um mit ihr über die Terrorgruppen IS und Boko Haram zu sprechen. Gegenüber Klassenkameradinnen äußerte sie den Verdacht, die Schülerin sei in radikale Kreise gerutscht und würde für ein Ticket nach Syrien sparen. Letztlich schaltete sie sogar den Verfassungsschutz ein, der die bestürzten Eltern kontaktierte. Eine Radikalisierung der Schülerin konnte dieser freilich nicht feststellen.

Bei der Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen langten im Vorjahr 47 Fälle von Kindern und Jugendlichen ein, die an ihrer Schule islamophoben, rassistischen oder sexistischen Drangsalierungen ausgesetzt waren. Sie wurden jetzt in einem Jahresbericht gesammelt, der der erste seiner Art in Österreich ist.

Turnunterricht

Die große Mehrheit der Fälle (61,7 Prozent) hatte einen islamfeindlichen Hintergrund, geht aus dem Bericht hervor. Häufig haben etwa Schülerinnen Probleme, die im Turnunterricht ihr Kopftuch tragen wollen.

Nur knapp 28 Prozent der betroffenen Schüler suchten schulintern Unterstützung. "Sie werden alleine gelassen", sagt Sonia Zaafrani, Obfrau der Initiative. "Selbst wenn sie sich an den Vertrauenslehrer oder an den Direktor wenden, wird ihnen oft nicht geholfen oder ihr Problem bagatellisiert." Mitunter würde sich die Situation der Schüler sogar noch verschlechtern, nachdem sie sich über ihren Lehrer beschwert haben.

Der eingangs beschriebene Fall sei laut Zaafrani auch beim Wiener Stadtschulrat gelandet, Konsequenzen für die Lehrerin habe es aber keine gegeben. Beim Stadtschulrat konnte man dazu am Freitag keine Auskunft geben.

Zaafrani fordert jedenfalls die Schaffung von unabhängigen Melde- und Beschwerdestellen für betroffene Schüler. Vorbild sei Berlin, wo es bereits entsprechende Institutionen gebe. "Wichtig wäre auch die gezielte Aufnahme von Lehrern, die selbst einen Migrationshintergrund haben. Sie können dafür sorgen, dass sich die Schüler wiederfinden." Auch in der Fortbildung soll mehr Augenmerk auf das Problem Diskriminierung gelegt werden.

Daten fehlen

Offen bleibt, wie repräsentativ der aktuelle Bericht ist, zumal es sich dabei um keine systematische Erhebung handelt. "Die 47 Fälle sind wohl nur die Spitze des Eisberges", ist Zaafrani überzeugt. Sie fordert daher Studien zum Thema Diskriminierung an den öffentlichen Schulen in Österreich.

(kurier) Erstellt am
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