Chronik | Österreich
09.02.2019

Wer sich vor dem bösen Wolf fürchtet

Kaum ein anderes Lebewesen weckt so stark die Urängste, die im Menschen schlummern – und gibt ihm Gelegenheit, sie zu analysieren. Für Wissenschaftler ist die Dämonisierung nicht begründbar.

„Ich möchte ohne Angst mit meiner kleinen Tochter im Waldviertel durch den Wald spazieren können“, schrieb ein Leser aus Wien in einem eMail an den KURIER – und verlangte den Abschuss von Wölfen. Ihm ist die Anwesenheit der europaweit streng geschützten Raubtiere in Österreich nicht geheuer.

Warum fürchten viele den Wolf, mit dem es so gut wie keine bedrohlichen Vorfälle gibt, aber lieben den Hund, der immer wieder Menschen verletzt? Jährlich müssen Tausende Menschen alleine in Österreich nach Hundebissen im Spital behandelt werden. Weniger schwerwiegende Zusammenstöße sind da noch gar nicht dokumentiert.

Forschungsarbeit

„Wir haben uns intensiv mit dieser Frage beschäftigt und sie so interessant gefunden, dass wir eine größere Forschung dazu planen“, berichtet Claus Lamm, Professor für Biologische Psychologie an der Uni Wien. Aus seiner Sicht hat die unterschiedliche Wahrnehmung damit zu tun, dass der Wolf in der Mythologie ein dämonisiertes Tier ist, der Hund aber als Beschützer und Freund des Menschen wahrgenommen wird. „Wenn ein Mensch die Meinung hat, dass ein Tier gefährlich ist, braucht es praktische Erfahrungen, um das zu ändern. Dagegen haben wissenschaftliche Erkenntnisse und belegte Daten allein kaum eine Chance“, sagt Lamm.

Immerhin glauben Wissenschaftler, dass es fast so etwas wie eine Konditionierung durch Märchen gibt, wenn der Wolf – wie erwähnt – immer als das Böse dargestellt wird. Historische Schriften kratzen häufig am Leumund des Wolfes. In der Sozialpsychologie gibt es die Theorie, dass man sich vor Dingen am meisten fürchtet, zu denen man überhaupt keinen Kontakt hat. Und dass erst ein Zusammentreffen etwas daran ändern kann. Das erkläre auch andere Ängste, sagt Lamm, und bezieht sich auf ein Phänomen, das sich auch politisch auswirkt: Die Angst vor Migranten sei in Orten, in denen es gar keine gibt, meist deutlich größer als in Gemeinden, wo bereits welche leben.

„Die Voraussetzung dafür, eine negative Meinung über den Wolf zu ändern, ist, dass er die Chance bekommt, hier zu leben. Dann werden viele Menschen merken, dass man sich wie bisher problemlos im Land bewegen kann und der Wolf gar nicht so gefährlich ist“, sagt Lamm, der sich für einen sachlichen öffentlichen Diskurs einsetzt. „Natürlich gibt es etwa in der Landwirtschaft Betroffene, die sich in einer anderen Situation befinden. Aber sie sollten diesen Diskurs nicht alleine bestimmen“, betont er.

Programmiert

Das sieht Evolutionspsychologe Harald Euler von der deutschen Uni Kassel ähnlich. „Die Angst vor Wölfen ist genauso biologisch programmiert wie die Angst vor Spinnen oder Schlangen. Solche Ängste erwerben wir leicht, indem wir einfach nur sehen, wie sich andere ängstigen“, sagt Euler. In Europa sei beispielsweise die Phobie vor Schlangen deutlich höher als dort, wo es tatsächlich viele Schlangen in der Umgebung gibt. „Das liegt daran, dass die Menschen dort ihre Ängste verlieren, wenn sie tagtäglich damit konfrontiert werden“, erklärt Euler.

Auf der anderen Seite würden gegenwärtig realere Gefahren wie Elektrizität, Fahrradstürze oder Autounfälle kaum Phobien hervorrufen. „Darauf sind wir evolutionär nicht programmiert“, erklärt Euler und spricht von einer spürbaren Wahrnehmungsverzerrung – hervorgerufen durch soziale Medien und Revolverzeitungen, wie der Universitätsprofessor betont. Er nennt ein Beispiel aus Niedersachsen: „Dort hat ein Gemeindearbeiter behauptet, von einem Wolf angefallen worden zu sein. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es gar kein Wolf, sondern vielleicht ein Hund war. Aber die Medien haben groß über diesen Vorfall berichtet.“ Das falsche Bild bleibe in den Köpfen der Menschen. Euler ist überzeugt, dass die Gefährdung durch den Wolf maßlos überschätzt wird. Natürlich würden Kleinbauern das Thema besetzen, weil es bei Rissen von Tieren um ihre Existenzgrundlage geht. Aber die Wahrscheinlichkeit, von einem Wolf angegriffen zu werden, sei um ein Vielfaches niedriger, als mit dem Auto auf den Weg zum Wald zu verunglücken.

Gewohnheiten gefährlicher als Wolf

Ralf Widtmann ist Risikoexperte. Er leitet in Wien das Unternehmen „RISKINE“, das Forschungs- und IT-Services rund um Risiken und Sicherheitswünsche der Österreicher anbietet.

KURIER: Fürchten wir uns vor dem Falschen?
Widtmann: Normalerweise ja. Gewohnheitsrisiken, wie Rauchen oder schlechte Ernährung, werden stark unterschätzt. Gleichzeitig wird jenen Risiken, mit denen wir jeden Tag in den Medien konfrontiert werden, wie Terrorismus oder Kriminalität, zu hohe Bedeutung beigemessen. Statistisch gesehen ist es beispielsweise sehr sicher, dass Rauchen zum früheren Tod führt. Die Wahrscheinlichkeit, ermordet zu werden, ist hingegen äußerst gering (etwa 1:200.000, Anm.). Die Gefahr eines Wolfsangriffes ist gar nicht darstellbar.

Was  ist der Grund für derartige Risikoeinschätzung?
Drei Aspekte sind entscheidend: Die Nähe eines Risikos. Wenn mein nahes soziales Umfeld von einem Unglück betroffen war, dann rückt es stärker in den Wahrnehmungsfokus. Dieser Effekt wirkt auch in den Medien – je mehr über ein Thema geschrieben wird, desto wichtiger wird es. Angst ist ansteckend.
Scheinbar vertraute Risiken, die man auch noch freiwillig eingeht, werden unterschätzt. Typische Beispiele sind schnelles Autofahren, Ablenkung durch das Handy und Rauchen. Im Gegensatz dazu werden neue und unbekannte, d.h. nicht vertraute, Technologien (z.B. Gentechnik) als riskanter bewertet.
Wir sind naturgemäß nicht gewohnt, mit kleinen Wahrscheinlichkeiten umzugehen. Daher werden besonders kleine Risiken in einen Topf geworfen. So ist die Wahrscheinlichkeit von einem Blitz getroffen zu werden ca. sechs Mal so hoch, wie beim Lotto sechs Richtige zu tippen. Ein etwa 40-jähriger rauchender Mann stirbt nur mit ca. 0,2 % Wahrscheinlichkeit an irgendeiner Krankheit. Das ist jedoch immer noch ca. 360-mal wahrscheinlicher, als ermordet zu werden.