Chronik | Österreich
01/15/2019

Gewalt gegen Frauen: "Denkmuster in patriarchaler Gesellschaft"

Seit 20 Jahren arbeitet die Männerberatung daran, die Gewalt dort zu stoppen, wo sie ihren Ursprung hat: Bei den Tätern.

Vier Männer töten vier Frauen in nur zwei Wochen. Drei Mal sind die Tatverdächtigen (Ex-)Partner, einmal der Bruder. Gewalt an Frauen ist in Österreich nicht erst seit Jänner 2019 ein Problem. Die kurz aufeinanderfolgenden Morde machen es allerdings so deutlich sichtbar wie selten zuvor.

Alexander Haydn ist Psychotherapeut bei der Wiener Männerberatung. Er betreut Männer, die ihren Frauen drohen, die Kinder schlagen oder die Familie finanziell von sich abhängig machen. In einer Gruppentherapie sollen die Männer lernen, ihre Gefühle gewaltfrei mit Worten auszudrücken. KURIER hat ihn zum Interview getroffen.

Innerhalb von nur zwei Wochen haben vier Männer Frauen umgebracht. Was ist da los?

Alexander Haydn: Drastisch ausgedrückt: Es hat etwas mit Besitz zu tun und mit der Gefahr, den Besitz zu verlieren. So ist, ganz simpel zusammengefasst, die Struktur hinter Gewalt gegen Frauen. In einer patriarchalen Gesellschaft ist das so etwas wie ein Grunddenkmuster. Manche Männer neigen dann dazu, ihren „Besitz“ zu verteidigen, oder ihn zu zerstören, damit ihn niemand anderer haben kann. Das sind Männer, die gelernt haben, dass Gewalt eine Option zur Konfliktlösung ist.

Häusliche Gewalt fängt schon lange vor dem schlimmsten Fall eines Mordes an.

Ja. Am Anfang ist alles gut. Dann gibt es Streit und eine im Vergleich harmlose Gewalt beginnt: Der Mann verbietet der Frau, das Haus zu verlassen oder nimmt ihr das Handy weg. Der nächste Streit eskaliert und es geht weiter mit Drohungen und Einschüchterungen oder leichter, körperlicher Gewalt, wie festhalten oder stoßen. Dann gibt es oft die große Versöhnung. Der Mann ist ganz entsetzt von dem, was er getan hat und verspricht, sich zu bessern. Die Frau glaubt ihm. An diesem Zeitpunkt beginnt die Honeymoon-Phase. Der Mann ist fürsorglich, kommt mit Blumen heim, kümmert sich um die Kinder, alles ist paletti. Bis sich dann wieder der Alltag einschleicht und es wieder zu einem Konflikt kommt. Der nächste Gewaltvorfall ist dann eine Stufe drüber, er schlägt zu. Dann kommt wieder die Entschuldigung und alles geht von vorne los. Es gibt Frauen, die über zehn Jahre lang in Gewaltbeziehungen leben und immer wieder glauben, dass sich der Mann bessern wird. Aber wenn es keine Therapie gibt, keinen Eingriff von außen und keine Reflektion, dann wird er sein Verhalten nicht ändern. Wenn niemand von außen eingreift, dann kann es sein, dass die Gewaltbeziehung erst in einem Mord endet.

Am Montag wurde eine Frau am Wiener Hauptbahnhof erstochen. Tatverdächtig ist ihr eigener Bruder. Kommt so etwas oft vor?

Solche Fälle sind eher die Ausnahme. Wenn die Schwester aus dem patriarchalen System ausbricht, indem sie mit einem Mann schläft oder religiöse Traditionen verletzt, kann sich der Bruder bemüßigt fühlen, die Familienehre zu retten.

Was sind das für Männer, die zu Ihnen kommen?

Unsere typischen Klienten sind Männer wie ich. Im mittleren Alter, ich bin mit 51 Jahren schon ein wenig drüber, zwischen 25 und 45, sind berufstätig und ziehen sich quer durch alle Schichten vom Bauarbeiter bis zum Rechtsanwalt. Am Anfang steht oft eine Wegweisung. Das heißt, jemand hat bei einem Fall von häuslicher Gewalt die Polizei gerufen. Die Staatsanwaltschaft nimmt das auf, der Mann kommt vor Gericht, wird verurteilt und bekommt in den meisten Fällen die Weisung, ein Anti-Gewalttraining zu absolvieren. Es gibt aber auch Klienten, die wir "eingeschränkt Freiwillige" nennen. Die kommen, weil die Frau oder vielleicht der beste Freund sagt: So geht das nicht weiter. Das sind ungefähr 40 Prozent unser Klienten.

Wird Täterarbeit vom Staat genügend wertgeschätzt und unterstützt?

Das Problem ist, dass wir für jede Förderung ansuchen müssen. Die Zusage für die Förderung für das Jahr 2018 haben wir am 18. Dezember bekommen – da haben wir schon seit Jänner gearbeitet. Das geht seit 20 Jahren so. Es ist ein Fleckerlwerk, eine Riesenkatastrophe eigentlich und einem entwickelten Industrieland wie Österreich unwürdig. Eine unserer zentralen Forderungen ist, dass wir ins Sicherheitspolizeigesetz aufgenommen werden als dritte Säule der Gewaltprävention. Das würde zwangsläufig dazu führen, dass wir Regelförderung bekommen. Wir können klar nachweisen, dass Täterarbeit funktioniert. Sie stoppt die aktuelle Gewalt und reduziert die zukünftige Gewalt. Ich bin stark in der Taskforce der Staatssekretärin Karoline Edtstadler involviert. Da wird inhaltlich viel weitergerbacht, die Frage ist, was am Ende übrigbleibt. Wir wollen, dass die Männerberatung unmittelbar nach einer Wegweisung Kontakt mit den Männern bekommt, dass wir aktiv auf sie zugehen und ein Betreuungsangebot machen dürfen.

Was muss die Gesellschaft, müssen wir tun?

Ich wünsche mir, dass mehr Männer den Schritt machen und in eine Männerberatung gehen. Es gibt in jedem Bundesland die Möglichkeit, anonym und kostenfrei zur Erstberatung zu kommen. Dann hat es natürlich auch mit unseren Geschlechterrollen zu tun. Bei Männern passiert es eher, dass sie bei Sprachlosigkeit, wenn sie nicht mehr weiterwissen zuschlagen. Die Buben lernen das von klein auf. Wenn ihnen das Spielzeugauto weggenommen wird, reißen sie es wieder an sich und hauen vielleicht zu. Dann kriegen sie noch einen Klaps von Vater, der sagt, gut hast du das gemacht, lass dir nichts gefallen. Ein Mädchen, das die Puppe weggenommen wird, die läuft dann eher zur Mutter und weint. Wir müssen das Geschlechterbild reflektieren. In 20 Jahren sind diese Buben dann unsere Klienten, dabei hätte man viel früher eingreifen können.

Wie läuft die Täterarbeit ab?

Wir hören die Geschichte des Mannes an. Dann muss er die Datenfreigabe unterschreiben. Das ist sehr wichtig, weil wir mit Opferschutzstellen zusammenarbeiten und mit ihnen Daten austauschen. Unser Ansatz heißt opferschutzorientierte Täterarbeit. Wenn er unterschreibt, wird er in unser Trainingsprogramm aufgenommen, in die sogenannte Clearing-Phase. Über sechs bis acht Wochen erstellen wir ein ausführliches Risikoprofil, mit dem wir die Gefährlichkeit kategorisieren.

Was sind die wichtigsten Risikofaktoren?

Insgesamt sind es über 20 Kategorien. Ist er verheiratet, hat er Kinder, trinkt er Alkohol. In der Clearing-Phase soll der Mann sich an das Gruppensetting gewöhnen. Erst dann wird er in eine Trainingsgruppe überstellt. Wir müssen einen hohen Aufwand betreiben, um sicherzugehen, dass er die bestehende Gruppe nicht sprengt, dass er sich einfügen kann.

Und wann lehnen Sie einen Mann ab?

Meistens ist der Grund eine psychische Störung, Schizophrenie zum Beispiel. Solche Männer brauchen eine Einzeltherapie, das geht in der Gruppe nicht. Auch eine Suchtmittelabhängigkeit ist ein Hindernis. Ein gestandener Alkoholiker ist in der Gruppe vielleicht nüchtern und aufnahmefähig. Wenn er am Samstagabend nach zehn Bier nach Hause kommt, ist alles weggeblasen. Das bringt nichts. Wir entwickeln unser Gruppenprogramm seit 20 Jahren. Ein Zyklus besteht aus 32 Gruppensitzungen, die Männer sind in der Regel etwas über ein Jahr bei uns.

Sie haben angesprochen, dass Männer aus allen Schichten in die Männerberatung kommen. Wie sieht es bei der Nationalität aus?

Die Männer müssen so gut Deutsch können, dass sie einander verstehen. Das ist schon eine kleine Einschränkung. Ich denke nicht, dass man häusliche Gewalt daran festmachen kann, ob es Inländer oder Ausländer sind. Das hat etwas mit patriarchalen Strukturen zu tun, die auch in Österreich seit Jahrhunderten verankert sind. Wenn man sich erinnern will, vor nicht allzu langer Zeit mussten Frauen ihre Männer noch fragen, ob sie arbeiten gehen dürfen und eine Watsche war ein anerkanntes Erziehungsmittel eines Mannes gegenüber seiner Frau. Wir sollten nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen, sondern schauen, wie wir unsere Gesellschaft auf eine moderne Ebene bringen, auf der Männer und Frauen gleichgestellt sind.