Symbolbild: Ein Teil des Kurses findet im Flugsimulator statt

© Kurier / Franz Gruber

Chronik Österreich
03/18/2019

Wenn die Flugangst wieder schlimmer wird

Rund ein Drittel der Flugpassagiere leidet an Aviophobie. Die Angst kann bekämpft werden.

von Yvonne Widler

Irene Rausch weiß ganz genau, was beim nächsten Seminar zu tun sein wird. Sie wird sehr viele Fragen zum Absturz der Boeing 737-MAX8 am 10. März dieses Jahres beantworten. Denn die Menschen, die regelmäßig vor ihr sitzen und nervös an ihren Lippen hängen, leiden alle unter massiver Flugangst. Die aktuelle Katastrophe tut ihr übriges. Doch was sagt man furchterfüllten Kursteilnehmern, die nach eigenem Ermessen völlig zurecht Panik überkommt, wenn sie auch nur der kleinste Gedanke an den nächsten bevorstehenden Flug erschleicht?

Nirgends sicherer als im Flugzeug

„Diese Katastrophen, die gibt es leider. Ich sage den Seminarteilnehmern immer zuerst, dass sie sich in breiter Gesellschaft befinden. Denn ein Drittel aller Passagiere, die in einem Flugzeug sitzen, leidet unter Flugangst.“  Hier reiche die Bandbreite von unangenehmen Unbehagen bis hin zu extremen Panikattacken. In einem nächsten Schritt verweist Rausch auf die tatsächlichen und objektiven Zahlen im Flugverkehr. „Pro Jahr werden über 40 Millionen Flüge durchgeführt und die großen Unglücke bewegen sich im einstelligen Bereich. Der Anteil ist also schwindend gering. Das Flugzeug ist, auch nach solch tragischen Katastrophen, immer noch das sicherste Verkehrsmittel.“

 

Irene Rausch macht kein Geheimnis aus ihrer unbändigen Passion für das Fliegen. Die Psychologin hat schon im Teenageralter ihre Begeisterung dafür entdeckt und gleich nach der Matura eine Weile als Stewardess gearbeitet. Verheiratet ist sie mit einem Piloten und seit 20 Jahren leitet Rausch nun die Flugangst-Seminare von Austrian. „Flugangst ist eine erlernte Angst. Es ist ja nicht so, dass ein Baby mit dieser Phobie auf die Welt kommt“, sagt sie ermutigend und erklärt, dass man die Flugangst daher auch wieder verlernen könne. Sie räumt aber sehr wohl ein, dass wir Menschen erdgebundene Lebewesen sind und die Luft uns freilich ein fremdes Element.

Das fremde Element

„Ich verstehe, warum es für manch einen unheimlich ist, in 10.000 Meter Höhe zu schweben.“ Daher erklärt Rausch immer detailliert, dass es kein unsicheres Schweben ist, sondern das Flugzeug vom Element Luft getragen wird und wie ein Zug am Boden oder ein Schiff am Meer „dahinfährt“. Wissen um die Eigenheiten von Aerodynamik, Angst-Bewältigungsstrategien, Zahlen und Fakten, ein Besuch im Flugsimulator sowie ein gemeinsamer Kurzstreckenflug stehen auf dem mehrtägigen Schulungsprogramm. „Das Seminar ist multifaktoriell aufgebaut, verschiedene Ebenen der Angst werden abgedeckt. Flugangst hat bei jedem Menschen andere Ursachen. Manche brauchen die technischen Infos, um Sicherheit zu spüren. Manche leiden zusätzlich an anderen Angststörungen wie Klaustrophobie oder Agoraphobie. Für wieder andere liegt es am Kontrollverlust.“

 

Wir müssten aber auch erkennen, dass diese tragischen Unglücksfälle medial immer sehr präsent sind. Bei Autounfällen wären wir weit abgestumpfter und fühlten uns vermeintlich sicherer. Eine Sache, die Rausch besonders wichtig ist: „Turbulenzen gehören einfach dazu, keinerlei Gefahr geht von ihnen aus.“ Subjektiv sei das Rütteln und Wackeln für Menschen, die nicht oft fliegen, extrem unangenehm. Man müsse sich bei Turbulenzen aber um das Flugzeug nie Sorgen machen. Die größte Gefahr sei es, nicht angeschnallt zu sein.  „Das Flugzeug bewegt sich wie ein Vogel in der Luft. Es freut sich, wenn es turbulent ist. Dafür ist es auch konstruiert worden. Es könnte weit stärkere Turbulenzen aushalten als es überhaupt gibt. Um das Flugzeug muss man sich bei Turbulenzen wirklich keine Sorgen machen, die Angst ist lediglich das subjektive Gefühl und der eigene Bewertungsprozess.“

Wenn so ein Unglück passiert, wie am 10. März in Äthiopien, dann sei das natürlich für die Piloten weltweit ein bewegendes Thema und solche Geschehnisse fließen selbstredend in die Schulungsmaßnahmen ein. „Aber, um privaten Einblick zu geben: Mein Mann, der selbst Pilot ist, hatte noch nie Angst, wenn er in ein Flugzeug gestiegen ist. Die hat er bis heute nicht.“