Chronik | Österreich
23.04.2017

Wenn Betreuer Patienten abzocken

60.000 Menschen arbeiten als 24-Stunden-Betreuung, manchmal sind auch schwarze Schafe darunter.

Als vergangene Woche die Diskussion um Missstände in der 24-Stunden-Betreuung neu aufgeflammt ist, standen vor allem Agenturen am Pranger, die sich nicht korrekt verhalten haben sollen. Zudem wurden faire Arbeitsbedingungen für die Betreuer gefordert. Aber was, wenn der Betreuer selbst das schwarze Schaf ist?

W. (Name der Redaktion bekannt) ist 82 Jahre alt hatte vergangenes Jahr einen schweren Autounfall. Seine Tochter A. hat anschließend gemeinsam mit seiner Enkelin K. alles für die 24-Stunden-Betreuung vorbereitet und sich nicht für die günstigste Agentur entschieden – sondern für die mit dem besten Ruf. Zwei Betreuerinnen sollten sich alle 28 Tage abwechseln.

Als A. versuchte, mit den beiden Kontakt aufzunehmen, soll sich jedoch nur eine zurückgemeldet haben. "Das ist uns schon komisch vorgekommen", sagt Enkelin K. Immer öfter sei W. dann in der folgenden Zeit zur Bank gegangen, um beträchtliche Summen Bargeld abzuheben. Auch das Geld vom Autoverkauf sei sofort weg gewesen. "Richtig sonderbar wurde es zu Weihnachten. Da ist die ganze Familie von der Betreuerin gekommen und hat sich zehn Tage lange aushalten lassen. Nicht nur, dass es viel Geld gekostet hat – sie hat auch das Betreuer-Patienten-Verhältnis überschritten", fährt K. fort.

Als A. einschreiten möchte und bei der Agentur eine andere Betreuerin fordert, schaltet sich der Betreute selbst ein und stellt die Betreuerin privat an. Eine Freundin und sie sollen sich fortan in der Betreuung abwechseln. Außerdem entzieht er seiner Tochter die Zeichnungsfähigkeit und überträgt sie, so die Vermutung, der Betreuerin. "Die werden sich freuen, dass sie in meinem Opa eine Cashcow gefunden haben. Mir geht es gar nicht ums Geld. Es tut mir nur leid, dass er auf sie hereinfällt und uns nicht glaubt. Und wir machen uns Sorgen, dass er Schulden anhäuft und wir dann haften", erklärt K.

Auf Auswahl achten

"In so einem Fall können wir nur raten, dass sich die Menschen privat einen Rechtsanwalt nehmen. Es gibt keine übergeordnete Stelle, die einen da unterstützt", sagt Martin Kräftner von der Patientenanwaltschaft Niederösterreich. Bei der Auswahl gelte es, aufzupassen: "Welches Bild vermittelt die Agentur? Ist mir der Betreuer sympathisch? Was passiert, wenn ich am Samstag anrufe?"Das Sozialministerium kündigte vergangene Woche an, die Qualität der 24-Stunde-Betreuung zu verbessern. Aber: "Es sind 60.000 Betreuer in Österreich gemeldet. Dass da schwarze Schafe darunter sind, ist unvermeidbar", sagt Christoph Ertl, Sprecher von Sozialminister Alois Stöger (SPÖ).

Rund 13.000 Euro soll eine Rollstuhlfahrerin dem Land NÖ an Förderungen zurückzahlen. Nicht, weil sie nicht förderungswürdig ist. Sondern, weil ihre damalige Pflegeagentur geschlampt hat. "Ich weiß nicht, wie ich das finanzieren soll. Neben der 24-Stunden-Pflege brauche ich Therapien und teure Medikamente", klagt Silvia Krieger aus Furth bei Göttweig in NÖ.

Frau Krieger ist Expertin in Sachen 24-Stunden-Pflege. Gezwungenermaßen. Seit beinahe 15 Jahren sitzt die heute 55-Jährige im Rollstuhl. Davor brauchte sie den Behelf nur sporadisch. Bis eine Pflegerin die Frau fallen ließ.

Was Silvia Krieger seither mit Pflegerinnen erlebt hat, reicht von Diebstahl bis zu Misshandlung. Dazu kam, dass die meisten der Frauen mit professioneller Pflege überfordert waren. Inzwischen hat Frau Krieger gar rumänisch gelernt, um Pflegerinnen selber einschulen zu können.

Ihre jüngsten Probleme aber sind finanzieller Natur: "Eine Agentur hatte mir zugesagt, jegliche Anmeldungen bei Behörden, Gemeinde und Land für mich durchzuführen. Ich war damals noch ein Neuling auf dem Gebiet und habe mich darauf verlassen", erzählt Frau Krieger.

Dann kamen eine Überprüfung durch Landesbeamte – und der Schock: Die nötige An- und Abmeldungen der wechselnden Pflegekräfte bei der Gemeinde war in den Jahren 2009 bis 2015 nicht ordnungsgemäß durchgeführt worden. "Die sind nämlich Aufgabe der betreuten Person oder deren Angehöriger", bestätigt Peter Ptacek von der zuständigen Abteilung des Landes. "Wir haben ja weder auf die Pflegekräfte noch auf die Agenturen Zugriff", sagt er. Die Folge: eine Rückzahlung. Das Land bot Ratenzahlung an. Während des Abstotterns fällt aber zusätzlich die Förderung von 550 Euro im Monat weg.

Krieger wünscht sich neue gesetzliche Regelungen, die den Agenturen mehr Verantwortung aufzwingen. Immer wieder, so hört sie, melden nämlich Agenturen Pflegerinnen zwischendurch ab, ohne darüber zu informieren. So geht den Gepflegten die Förderung verloren.

"Dass Agenturen für nichts haften, ist nicht akzeptabel. Da muss der Gesetzgeber handeln", fordert auch Wolfgang Mahrer vom Behindertenverband KOBV, der Krieger unterstützt.