(Symbolbild)

© APA/dpa

Kärnten
11/29/2014

Gift in Milch: Bevölkerung wird am Montag aufgeklärt

40 Millionen flossen in Projekt für Altlastensanierung. Am Montag werden weitere Ergebnisse vorliegen.

von Thomas Martinz

Die Tests im Kärntner Görtschitztal sind erst in der Anfangsphase und doch ist die Zahl der von einer Hexachlorbenzol-Belastung betroffenen Landwirte bereits auf acht gestiegen. Überprüft wurden 35 von insgesamt 300 Görtschitztaler Bauern.

Seit Samstag steht fest, dass in Futtermittel von acht Betrieben erhöhte Werte des hochgiftigen und krebserregenden HCB vorhanden sind. Das Futter muss ausgetauscht werden, bleibt aber vorübergehend bei den Landwirten liegen, weil nicht fixiert ist, wo es entsorgt werden soll. "Eine entsprechende Verbrennungsanlage wird gesucht. Das belastete Futter muss einer Temperatur zwischen 850 und 1100 Grad ausgesetzt sein", erklärt Albert Krainer, Koordinator des Landes Kärnten in diesem Umweltgift-Skandal. Wahrscheinlich wird es in Arnoldstein verbrannt. Die Behörden konnten bisher nicht zuordnen, welcher Grasschnitt kontaminiert ist.

Ergebnisse einiger Milchproben liegen ebenfalls vor: Sie waren unauffällig. Allerdings stammen sie ebenfalls erst von diesen 35 untersuchten Betrieben. In den Handel kommt nichtsdestotrotz kein einziger Tropfen Milch aus dem Görtschitztal. Rund 10.000 Liter werden täglich produziert – und 24 Stunden später in Wien verbrannt. Milchlieferungen könnten erst freigegeben werden, wenn die Unbedenklichkeit bei einem weiteren Test festgestellt worden sei, heißt es.

Am Montag werden weitere Ergebnisse vorliegen – in der Zwischenzeit dürfen 35 Milch- und 260 Fleischbauern ihre Produkte nicht verkaufen. "Der Verursacher des Skandals muss für die Schäden der Bauern aufkommen", fordert Kärntens Landwirtschaftskammerpräsident Johann Mößler. Er glaubt übrigens nicht an einen einmaligen Fehler des Zementwerks.

Großzügig unterstützt

Bei der Verbrennung des HCB-belasteten Blaukalks dürfte im Wietersdorfer Zementwerk nicht ordnungsgemäß gearbeitet worden sein, räumte die Geschäftsführung selbst ein. Seit Sommer 2012 wird in Klein St. Paul mit behördlicher Genehmigung Blaukalk aus einer Deponie der Donau Chemie verarbeitet. Das Projekt zur "Altlastensanierung" wurde finanziell großzügig unterstützt: 15 Millionen Euro schoss die Donau Chemie zu, 25 Millionen der Altlastensanierungsfonds des Bundes.

Am Montag (!) will die Landessanitätsdirektion endlich eine Empfehlungsanleitung für den Gebrauch von Obst und Gemüse im Görtschitztal auflegen. Nur zur Erinnerung: der Giftskandal ist seit Mittwoch öffentlich und den Behörden seit April bekannt.

Hexachlorbenzol: "Eine der gefährlichsten Substanzen"

Dr. Thomas Jakl, Leiter der Chemikalienabteilung im Umweltministerium, beantwortet fünf Fragen zum Thema Hexachlorbenzol. Das Umweltgift ist in Milch und Viehfutter im Kärntner Görschitztal gefunden worden. In Umlauf gebracht wurde die kontaminierte Milch aber nicht.

Was ist Hexachlorbenzol?

Hexachlorbenzol ist eine langlebige, krebserregende und auch einen Embryo schädigende Chlorvervbindung. "Es ist eine der gefährlichsten Substanzen die wir kennen", sagt Jakl. Chemiker sprechen von einer "persistierenden Verbindung": Sie wird nur sehr langsam abgebaut.

Darf Hexachlorbenzol noch in der Industrie verwendet werden?

"Hexachlorbenzol ist in Österreich seit 1992 verboten", sagt Jakl. "Es gilt ein Totalverbot". Die Substanz fällt unter das Stockholmer Übereinkommen, das 2001 von damals 122 Staaten unterzeichnet wurde. Damit wurden die Herstellung und der Gebrauch von zwölf Pestiziden (Schädlingsbekämpfungsmitteln) und Industriechemikalien ("Dreckiges Dutzend") eingeschränkt bzw. verboten. Bis 1992 durfte Hexachlorbenzol in Österreich als Pestizid und Fungizid (Anti-Pilz-Mittel) verwendet werden. Die Substanz wurde auch als Weichmacher und Flammschutz für Kunststoffe und Schmiermittel sowie in der Aluminiumherstellung eingesetzt.

Woher kann generell heute eine Hexachlorbelastung stammen?

Aus Rückständen, die noch in den Böden vorhanden sind oder aus legalen Verbrennungsprozessen. Letzteres dürfte auch in Kärnten die Ursache gewesen sein. So dürfen in Zementwerken mit speziellen Genehmigungen unter bestimmten Auflagen auch Rückstände aus Deponien und Sondermüll verbrannt und entsorgt werden. "Damit es dabei aber zu keiner Belastung mit Hexachlorbenzol über einem Grenzwert kommt, ist es entscheidend, dass die Sauerstoffzufuhr und die Temperatur beim Verbrennungsprozess ausreichend hoch sind", sagt Jakl. "Wenn es zu Belastungen über den Grenzwerten kommt, dann ist etwas bei der Verbrennung schief gelaufen. Der Verbrennungsprozess muss für die Vernichtung von Hexachlorbenzol sorgen." Theoretisch könne es aber auch sein, dass der zu verbrennende Deponie-Rückstand bereits mit Hexachlorbenzol belastet war. Generell seien die Emissionen (der Ausstoß) der Substanz in die Luft stark rückläufig.

2011 wurde die Substanz in Silvesterraketen nachgewiesen. Hatte das Konsequenzen?

"Ja", sagt Jakl. "In den Silvesterraketen sollte Hexachlorbenzol für einen besonderen Farbeffekt sorgen. Nach dem die illegale Verwendung bekannt wurde, haben wir die Kontrollen von Raketen verschärft. Das hat gewirkt: Mittlerweile ist kein Hexachlorbenzol mehr nachweisbar."

Wie kann es sein, dass 2009 in Diskont-Kürbisöl Hexachlorbenzol gefunden wurde?

"Wenn es irgendwo noch eine Belastung des Bodens durch den früheren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mit Hexachlorbenzol gibt, dann ist diese Belastung nur sehr langsam rückläufig", sagt Jakl "Und gerade in Öl reichert sich diese Substanz sehr leicht an. Ein solcher Fall ist aber die absolute Ausnahme. Lebensmittel werden aber regelmäßig auf Hexachlorbenzol kontrolliert, es sind in der Regel keine Belastungen nachweisbar."

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