Chronik | Österreich
14.11.2018

Weihnachtslied mit Nazitext in aktuellem Schulbuch

Einem Lehrer fiel ein Text auf, der auch im Buch "Deutsche Kriegsweihnacht" erschienen ist.

„Hoppla, das kenne ich doch ganz anders“, dachte ein Musiklehrer einer Pflichtschule im Bezirk Krems, als er Kinder hörte, die in der Nachbarklasse ein Weihnachtslied sangen. Er prüfte nach und wirklich: In einem  Schul-Liederbuch, das in Österreich häufig verwendet wird, ist der christliche Text des Liedes „Es ist für uns eine Zeit angekommen“ durch eine Variante ersetzt, die für das Buch „Deutsche Kriegsweihnacht“ umgedichtet wurde. Zwar ist der Text inhaltlich nicht bedenklich, aber in recht schwülstiger NS-Manier gehalten.

Niederösterreichs Bildungsdirektor Johann Heuras will nun den Verlag darauf ansprechen und auffordern, „in aller Sensibilität damit umzugehen“. Auch, wenn der Text nichts Schlimmes beinhalte, kann nicht jeder die Geschichte des Liedes kennen.

Aufgetaucht ist der kritisierte Text im Liederbuch „Sing & Swing“. Während es in der jüngeren Fassung heißt „Unser Heiland Jesus Christ, der für uns Mensch geworden ist“, liest man die Formulierung „Über’s schneebeglänzte Feld wandern wir durch die weite, weiße Welt“ ersetzt. Dazu kommen Phrasen wie „es träumt der Wald einen tiefen Traum“, oder „Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen“.

Laut  Autorin Ingeborg Kellermann, die den kulturgeschichtlichen Hintergrund von Liedern untersuchte, handelt es sich ursprünglich um ein Sternsingerlied aus der Schweiz. Die Variante von 1939 von Paul Hermann sollte das Lied von christlichen Bezügen befreien. Erschienen ist die veränderte Variante offenbar  im vom Hauptkulturamt der NSDAP verbreiteten Buch „Deutsche Kriegsweihnacht“ 1942. In den 50er-Jahren wurde das Lied wieder mit einem christlichen Text versehen.

Kontrolle

„Schulbücher werden doch kontrolliert, mich wundert sehr, wie das passieren kann“, meint der Lehrer, der den Fall aufgedeckt hat.

Verlags-Geschäftsführer Markus Spielmann verweist auf einen Hinweis im Buch, der einen Link zur Genese des Liedes angibt. „Man sollte die Kirche aber im Dorf lassen. Der Text ist bekannter als die jüngere Variante und wird auch heute gern verwendet, wenn Leute keinen christlichen Zusammenhang wollen. Aber wir sind gern bereit, einen Vermerk direkt beim Lied zu machen“, sagt Spielmann, dem der NS-Zusammenhang bisher nicht bewusst war.

Für Philipp Mittnik, Professor für Geschichts- und Politikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Wien, wäre die ideale Vorgangsweise, beide Texte kommentiert gegenüber zu stellen. „Das ist ein Beispiel für die Kontrafrakturmethode der NS-Liedermacher wie aus dem Lehrbuch.“ (Kontrafaktur: laut Musiktheorie ein Verfahren, um ein Kunstwerk teilweise zu verändern.)

Zuletzt hatte es erst im September große Aufregung gegeben, weil ein in Kärnten verwendetes Sachkundebuch für Volksschulen viele Fehler aufwies.