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Chronik Österreich
11/01/2020

"Was brauchst du für ein gutes Leben?": Häusln, Henderln und Visionen

Firmen, die nachhaltige Produkte anbieten, könnten von der Krise profitieren.

von Daniel Voglhuber, Katharina Salzer

„Viele Menschen haben begonnen nachzudenken“, sagt Theresa Mai. Über regionale Kreisläufe, über Unabhängigkeit vom System, über Selbstbestimmung. Hat die Corona-Krise Autarkie-Projekten einen Schub gegeben? Dem vom Theresa Mai jedenfalls.

Sie ist die Chefin von Wohnwagon. Der Betrieb in Gutenstein (NÖ) stellt kleine Häuser auf Rädern her – und hat jetzt mehr Anfragen als je zuvor. Auf Wunsch sind deren Bewohner unabhängig: vom Stromnetz etwa oder von den Wärmeversorgern, auch von der Kanalisation. Es gibt ein eigenes Toilettensystem und eine Grünkläranlage.

Die Rohstoffe für den Bau des Häuschens kommen aus der Region, daher ist die Krise in diesem Bereich „spurlos“ an Wohnwagon vorbeigegangen. Ob Container aus China ankommen oder nicht, war einerlei. Regionales Wirtschaften erwies sich als richtig. „Das Netzwerk wurde stärker“, sagt Mai.

„Was brauchst du für ein gutes Leben?“ ist die Frage, die man sich in ihrem Betrieb stellt. Jetzt, in der Krise, sind der Ausgangspunkt vieler Kundenanfragen aber die Sorgen. Mai hofft, dass die Entscheidung, autarker zu leben, nach Corona nicht mehr so angstgetrieben ist.

Bringt Corona jetzt einen Systemwandel? Werden wir wirklich ökologischer, unabhängiger vom Weltmarkt? Einer, der daran zweifelt, ist André Martinuzzi, Vorstand des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien. „Der Glauben war bei der Finanzkrise 2008 auch schon da.“ Geändert habe sich aber dann doch nichts. „Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute, die jetzt auf ihrem Balkon Gemüse anbauen, nicht dann die Ersten sind, die nach der Krise im Billigflieger sitzen. Und ich glaube nicht, dass jene, die im Waldviertel wandern, nicht mehr auf den Kilimandscharo gehen.“ Sprich: Der Aufholkonsum wäre alles andere als nachhaltig.

Füllhorn

Also doch kein Umdenken? Nicht unbedingt. Immerhin jetzt wäre für Martinuzzi durchaus der richtige Moment gekommen, über Wirtschaftsförderung zu diskutieren. „Wichtig ist es jetzt, jene Sektoren zu fördern, die uns auch bei Klimaschutz und Nachhaltigkeit weiter bringen. Unter diesem Aspekt sind Fördermilliarden für Fluglinien kritisch zu sehen.“

Sharing Economy
Übersetzt heißt es „Wirtschaft des Teilens“. Es bezeichnet die gemeinschaftliche Nutzung von Gütern durch Teilen, Tauschen, Leihen, Mieten oder Schenken und auch die Vermittlung von Dienstleistungen

Solidarische Wirtschaft
Eine Gemeinschaft wird von Erzeugern  (z. B.  Landwirten)
und Verbrauchern gebildet. Die Verbraucher verpflichten sich,  Beiträge zu zahlen, um die Kosten der Erzeuger zu decken. Im Gegenzug werden sie  mit den Produkten versorgt

Andererseits gingen andere Schritte schon in die richtige Richtung. Martinuzzi glaubt, dass das zuletzt beschlossene Ausbauprogramm um 17,5 Milliarden Euro für die ÖBB ohne Krise so nicht gekommen wäre.

Die Covid-Krise habe auch vielen Unternehmen gezeigt, wie störungsanfällig ihre Lieferketten sind. „Wir müssen daher in Zukunft mehr darauf achten, bei wichtigen Produkten unabhängiger zu sein und die Resilienz (Widerstandskraft, Anm.) unserer Wirtschaft, aber auch unserer Gesundheitssysteme zu stärken.“ Und dann könne die Krise auch einen Paradigmenwandel in der Gesellschaft mit sich bringen, das Wachstumsdogma hinterfragt werden. „Es gibt sehr viel Zeug und wenig Zeit. Durch weniger Konsum kann mehr Zeit bleiben.“ So könnte bei einigen die Erkenntnis ins Haus stehen, was wirklich wichtig ist.

Das hoffen manche. „Corona“, sagt Gundel Libardi, „ist auch eine Chance“. Sie betreibt mit Peter Laßnig die Solidarische Landwirtschaft Ackerschön in Hasendorf (NÖ). Die Krise sei eine Möglichkeit, dass sich Menschen bewusster werden, dass ihr Handeln Auswirkungen auf andere hat, sagt Libardi. In ihrem Betrieb geht es um ein ganzheitliches Bild von Landwirtschaft. Es wird nur angebaut, was gebraucht wird. Konsumenten und Produzenten tun sich zusammen.

Solidarische Landwirtschaft heißt nicht, dass jeder Stadtbewohner aufs Land fährt und selbst Gemüse anbaut. Denn andere Lebensbereiche, wie die Kultur, seien genauso wichtig, sagt Libardi. Das Ziel sei es, Menschen, wie Kulturschaffende, mit gutem Gemüse zu versorgen.

Selbstversorgung in der Stadt und auf dem Land boomt dennoch – und das begann schon vor der Krise. Hühner im Garten sind nicht nur mehr den Landwirten vorbehalten.

Einbruch

Alternativ, ressourcenschonend und öko muss aber nicht immer heißen, dass die Krise eine Chance ist. Karin Kuranda macht diese bittere Erfahrung. Ihr Unternehmen endlosfesch will ein Zeichen gegen die Wegwerfkultur setzen und verleiht Kleidung. „Das Geschäft ist massiv eingebrochen.“ Offenbar hätten Menschen Hygienebedenken. „Das betrifft aber nicht nur uns, das betrifft die ganze Sharing Economy, die Menschen leihen sich weniger Autos aus.“ Dabei gehe der Second-Markt sehr gut, nur halt im Internet. „Wenn es um die persönliche Ausleihe geht, haben dann aber viele Angst.“

Es gackert im Garten: Der Trend zum Huhn

Woher der Trend kommt, ist nicht ganz klar. Aber vor rund 15 Jahren war es im New Yorker Stadtteil Brooklyn hip, sich neben dem Stadtgarten und einem prächtigen Schnurrbart ein paar Hühner zu halten. Und wenig später  hieß es auch in Österreich bei vielen: „Ich wollt‘, ich hätt‘ ein Huhn.“
Seit der Corona-Krise, so berichten es zumindest deutsche Medien, sei die Nachfrage nach Legehennen  explodiert. Laut der Süddeutschen müsse man sich auf monatelange Lieferzeiten einstellen, wenn man sich  einen vorgefertigten Stall kaufen wolle.

Fritz Benczak, Spartenobmann Geflügel vom  Rassezuchtverband Österreichischer Kleintierzüchter, sieht das nicht ganz so. „Den Boom gibt es schon vor Corona.  „Die Eier sind regional und öko. Und man weiß, wo sie her sind.“ Damit man glückliche Tiere habe, müssen die Halter nicht allzu viele Punkte beachten. Es braucht einen wetterfesten Stall und genügend Auslauf.“ Als Faustregel gelten im Freien 5 bis 10  Quadratmeter pro Tier. Und pro Quadratmeter Stall sollen es höchstens vier Tiere sein. „Dann muss die Fütterung passen. Ein Huhn ist ein Allesfresser.“ Also nicht nur Körndl servieren.

Und wichtig: Für glückliche Hühner braucht es verständnisvolle Nachbarn. „Für viele kommt der Hahnenschrei gleich nach der Atombombe“, meint Benczak. Dabei sei ein Hahn notwendig. „Er beschützt die Herde.“

Weil Hühner  doch etwas Dreck und Arbeit machen, zeigt der Trend zumindest in Deutschland laut Berichten negative Auswirkungen. Dort werden   Tiere vermehrt ausgesetzt.

 

 

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