Trotz des Bruchs des Schulterblatts trainiert Viktoria Schwarz täglich im  Kraftkammerl

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Interview
06/18/2016

Schlafwandlerin in der Kraftkammer

Kajak-Weltmeisterin Viktoria Schwarz hat nach Sieben-Meter-Sturz vom Balkon Olympia 2020 im Visier.

von Wolfgang Atzenhofer

Die Qualifikation zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro verpasste Österreichs Parade-Kajaksportlerin Viktoria Schwarz im Mai mit ihrer Partnerin Ana Roxana Lehaci um gerade einmal 66 Tausendstel Sekunden. Der Ärger darüber verrauchte bei der Weltmeisterin von 2011 aber schnell: Wenige Tage später stürzte sie als Schlafwandlerin vom Balkon ihrer Linzer Wohnung sieben Meter tief ab und kam wie durch ein Wunder mit relativ glimpflichen Verletzungen davon. Im KURIER-Interview ist die 30-jährige Heeressportlerin dankbar und wieder voller Tatendrang.

KURIER: Wie geht es Ihnen nach dem dramatischen Zwischenfall?

Viktoria Schwarz:

Danke, eigentlich schon wieder recht gut. Ich kann trainieren, das ist für mich das Wichtigste.

Können Sie sich den Unfall mittlerweile erklären. Neigen Sie generell zum Schlafwandeln?

Eigentlich nicht. Manchmal spreche ich im Schlaf. Oder ich stehe neben dem Bett, bin ich aber im selben Augenblick wach. Dieser Absturz ist mir völlig unerklärlich, ich kann mich einfach an nichts erinnern.

Sie haben Hustentropfen eingenommen, könnte das eine Rolle gespielt haben?

Die Hustentropfen hab’ ich nur einmalig genommen. Ich glaube gar nicht, dass die etwas bewirkt haben. Ich bin sogar nach dem Aufprall nicht richtig bei mir gewesen. Ich habe meinen Freund oben aus dem Fenster schreien gehört und dachte, was hat den der. Dann bin ich über den Zaun gesprungen, Schmerzen habe ich nicht gefühlt. So richtig erinnern kann ich mich erst, als ich im Rettungswagen Richtung AKH unterwegs war. Ein richtiges Albtraum-Erlebnis eben.

Sie haben einen Bruch im Schulterblatt, sowie einen Nasenbein- und einen Fersenbeinbruch erlitten. Das Ganze hätte wohl viel schlimmer ausgehen können.

Das hätte wohl sehr schlimm ausgehen; das ist mir erst nach und nach bewusst geworden. Ich habe in etwa vier Meter Höhe das Plexiglasdach einer darunter liegenden Gartenwohnung durchschlagen. Das hat den Sturz abgebremst. Sicher spielt es eine Rolle, dass ich aufgrund der Vorbereitung auf Rio voll austrainiert bin.

Denkt man daran, dass die sportliche und wirtschaftliche Existenz, ja sogar das eigene Leben extrem bedroht war?

Ja, selbstverständlich. Bei soviel Glück relativiert sich der Ärger über 66 Tausendstel, sofort. Ich war nur fünf Tage im Spital und konnte danach schon wieder trainieren.

Wie eingeschränkt sind Sie im Moment?

Ich darf die Schulter erst im Juli wieder belasten. Obwohl nur ein ganz kleines Knochenstück abgebrochen ist, passe ich auf, keine Folgeschäden davonzutragen. Ich bin so dankbar, dass ich im AKH Linz von einem Spezialisten operiert worden bin. Die Ferse muss ich ausheilen lassen, und der Nasenbeinbruch macht wenig Beschwerden, muss aber im November noch einmal operiert werden.

Jetzt im Sommer also nur Schinderei in der Kraftkammer?

Natürlich wäre ich jetzt gerne auf unserer Regattastrecke in Ottensheim. Aber ich will nicht klagen. Ich bin gerne im Kraftkammerl.

Sind für Sie und Ihre Partnerin Ana Roxana Lehaci die Spiele in Rio völlig abgehakt?

Wir haben die Quali eben hauchdünn verpasst. Im Kajak-Sport gibt es eben diese Ausscheidungsrennen, wo es am Tag genau passen muss. Es könnte sein, dass manche Boote nachrutschen, weil andere Besatzungen beim Dopingtest positiv waren und ausgeschlossen wurden.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

An der EM in Moskau kann ich nächste Woche nicht teilnehmen. Aber ich denke keine Sekunde ans Aufhören. Ich werde weiter Wettkämpfe im Einer- und im Doppelkajak bestreiten. Die Spiele in Tokio 2020 sind ein nächstes großes Ziel. In unserem Sport komme ich jetzt ins beste Alter. Mit Guglielmo Guerrini habe ich seit zwei Jahren einen absoluten Spitzentrainer und extrem viel weitergebracht.

Arbeiten Sie eigentlich an einer Karriere nach dem Spitzensport?

Meine momentane Situation hat auch etwas Gutes. Ich habe gerade meine Bachelor-Arbeit zur Ausbildung als Volksschullehrerin fertiggestellt. Dafür war vorher keine Zeit. Im Herbst habe ich dann die Prüfung dazu. Wie ich diese Ausbildung später einsetzen werde, weiß ich noch nicht genau.

Darf man fragen, ob Sie jetzt bei versperrten Fenstern schlafen?

(Lacht) Man darf. Nach dem Vorfall hat meine Mutter sofort die Fenstergriffe ausgetauscht. Jetzt kann man sie nur mit Schlüssel öffnen.