© Johannes Weichhart

Chronik Österreich
03/24/2019

Verdächtigte im Pflegeskandal: „Unser Leben wurde zerstört“

Erstmals sprechen jene vier Pfleger, die in Kirchstetten Patienten schwer misshandelt haben sollen

von Johannes Weichhart

87St94/16a. Hinter dieser Geschäftszahl soll sich eines der abscheulichsten Verbrechen der Republik verbergen. Tausende Seiten sind es, Protokolle, Gutachten, Beweisanträge, Stellungnahmen, die den Kriminalfall Kirchstetten in seiner ganzen Komplexität dokumentieren.

Manche Zeugenaussagen, die dem KURIER und Falter vorliegen, sind kaum zu ertragen. Wehrlose, meist demente Patienten, sollen geschlagen, erniedrigt und misshandelt worden sein. Auch von sexuellem Missbrauch ist die Rede, angeblich mit Fotos dokumentiert. Nur der Mordverdacht konnte ausgeräumt werden. Um einem möglichen Medikamentenmissbrauch nachzugehen, veranlasste die Staatsanwaltschaft St. Pölten die zweitgrößte Exhumierungsaktion nach dem Fall der Lainzer Todesschwestern.

Eine Wohnung in St. Pölten: Dominik G., Carina Z., Gabriele B. und Anneliese Sch. sitzen an einem Tisch, vor ihnen liegen Aktenordner. Bei dem Mann und den drei Frauen handelt es sich um jene vier ehemaligen Mitarbeiter des Pflegeheims Clementinum, die für die widerwärtigen Taten verantwortlich sein sollen.

Zum ersten Mal sprechen sie im KURIER über jene Vorwürfe, die demnächst in einer Anklage enden könnten. Z., 32, sagt: „Ich wäre sogar froh darüber, weil ich dadurch endlich meine Unschuld beweisen kann.“

Kronzeugin

Tatsächlich stützen sich die meisten Vorwürfe auf die Aussagen ehemaliger Pflegerinnen und Putzkräfte, die ebenfalls in der Einrichtung arbeiteten.

Kronzeugin der Anklage ist Maria G., die selbst als Pflegerin in Kirchstetten tätig war. Ihre Aussage macht fassungslos, die Wucht der Sätze ist enorm. Doch in ihren Behauptungen finden sich auch Widersprüche, die von den Verdächtigen penibel dokumentiert und von Sachverständigengutachten untermauert sind.

Seit zweieinhalb Jahren, also seit dem Zeitpunkt, an dem sie entlassen wurden, lässt sich das Quartett über den Anwalt Stefan Gloß jedes Protokoll zukommen. Die Vier wollen den Anschuldigungen selbst nachgehen. „Sonst haben wir ja nichts mehr, unser Leben wurde zerstört“, seufzt Gabriele B.

Gutachten

Die Niederösterreicher werden von Ex-Mitarbeitern schwer belastet. Unter anderem sollen sie Patienten und Kollegen Abführmittel ins Essen und in Sonden getropft haben, um sie so zu quälen. Eine Zeugin sah laut eigenen Angaben, „wie die Trinkflasche der Putzfrau Stefanie K. (Name geändert, Anm.) mit einer größeren Menge eines Abführmittels versetzt wurde“. Sie habe gesehen, „dass K. aus der Flasche trank“. Als die Putzfrau einvernommen wurde, gab sie allerdings zu Protokoll, dass sie während ihrer Tätigkeit im Pflegeheim niemals an Durchfall litt.

Auch Gerichtsmediziner Wolfgang Denk beschäftigte sich mit den Vorwürfen. In seinem Gutachten stellte er keinerlei Auffälligkeiten bei den Patienten fest. In dem Bericht finden sich auch keine Beweise dafür, dass Heimbewohner geschlagen wurden. „Einmal pro Woche wurde zudem der Hautzustand der Heimbewohner dokumentiert. Nie gab es auch nur den geringsten Hinweis auf Misshandlungen“, sagt Dominik G., der Hauptverdächtige.

Er soll es auch gewesen sein, der Patienten mittels „Aromatherapie“ gequält haben soll, dabei ihre Genitalien mit Franzbranntwein einschmierte. „Aufgrund der Feuergefahr gab es den auf der Station gar nicht. Eine glatte Lüge“, betont der 29-Jährige.

Den Fall der fiebernden Seniorin, die er an einem Frühlingstag zu einem offenen Fenster gelegt haben soll, will der Ex-Pfleger ebenfalls zurechtrücken. „Als ich ins Zimmer kam, war die Dame mit zwei Decken zugedeckt, der Heizkörper voll aufgedreht. Die Frau hatte 38,1 Grad Fieber. Jeder würde da zuerst für Frischluft sorgen.“ Und: Die Zeugin, die diesen Vorfall zu Protokoll gab, soll laut G. zu dem besagten Zeitpunkt gar nicht im Haus gewesen sein, wie er mit einem Hinweis auf die Dienstpläne versichert.

Die Kripo fand bei der Untersuchung der Handys und Computer der Beschuldigten zudem kein belastendes Fotomaterial, das laut Augenzeugen aber zeigen soll, wie Patienten gequält und bloßgestellt wurden. „Gäbe es Fotos, würden wir ja längst in Haft sitzen“, sagt G.

„Wenn alles vorbei ist“, fügt Anneliese Sch. hinzu, „dann will ich wieder als Pflegerin arbeiten. Ich habe ja nichts anderes gelernt.“