Chronik | Österreich
21.12.2017

Tödlicher Hubschraubereinsatz: Zwei Tote und neue Ungereimtheiten

Fehlende Sprachaufzeichnung, eigenartige Befragungen und keine Obduktionen.

Drei Menschen wurden am 4. Juni bei einer Seilbergung mit einem Hubschrauber gegen eine Felswand geschleudert. Zuerst sei seine Frau aufgeprallt, "dann der Flugpolizist und danach ich", sagt Oliver V. Er ist der einzige Überlebende des Dramas am Eisenerzer Reichenstein in der Steiermark. Das Paar war in Bergnot geraten und bei Schlechtwetter und Sturmböen von bis zu 80 km/h geborgen worden. Das Seil riss nach dem Aufprall, das verhinderte, dass auch der Polizeihubschrauber abstürzte.

Oliver V. hatte 16 Rippenbrüche und 40 Nähte auf dem Kopf, als er (nach einem Sturz von rund 60 Metern) im Spital lag. Noch heute humpelt er leicht. Wie er überlebt hat, weiß er selbst nicht. "Ich will nicht, dass die Hintergründe vertuscht werden. So etwas darf nicht noch einmal passieren", sagt er zum KURIER. Doch nach den Abstürzen von Hubschraubern der Flugpolizei am Achensee und in Deutschlandsberg gibt es auch in diesem Fall wieder zahlreiche Ungereimtheiten bei den Ermittlungen.

Keine Unterschrift

Schon die Befragung von Oliver V. verlief eigenartig. Er bekam Besuch von zwei Beamten – während er auf der Anästhesie lag: "Sie kondolierten mir zum Verlust meiner Frau. Danach fragten sie mich, was eigentlich passiert ist", berichtet der IT-Techniker. "Sie waren sehr freundlich und abschließend gingen sie." Nun – sechs Monate später – geht es ihm wieder besser. Deshalb fing er kürzlich an zu recherchieren und den Wiener Anwalt Johannes Wolf einzuschalten. Dabei fiel ihm ein angebliches Zeugenprotokoll in die Hand – er sei über Rechtsmittel aufgeklärt worden und habe im Spital eine Zeugenaussage abgegeben, ist darin zu lesen. Unterschrieben ist das Dokument nicht. Es seien Lücken in seinen protokollierten Aussagen, meint V.

Sogar die Staatsanwaltschaft Leoben sieht hier ein ungewöhnliches Vorgehen: "In Krankenhäusern werden meist Vernehmungen durchgeführt, die in einem Aktenvermerk festgehalten werden", sagt Mediensprecherin Caroline Weißenbacher.

Doch das ist längst nicht alles. Auch die Sprachaufzeichnungen des Polizeihubschraubers fehlen. Ob es dazu Ermittlungen gibt, kann die Staatsanwaltschaft vorerst nicht sagen. Laut zwei Insidern müsste man eine Sicherung herausdrehen, um eine Sprachaufzeichnung zu verhindern. Weitere Möglichkeiten, wären ein Defekt oder im Extremfall das absichtliche Löschen.

Eigenartig ist jedenfalls, dass die Staatsanwaltschaft die Flugpolizei selbst (und einen Sachverständigen) mit den ersten Untersuchungen betraut hat. Auch dass es keine Obduktionen der beiden Opfer gegeben hat, mag verwundern. So wurde zwar ein (negativer) Alkotest beim Piloten durchgeführt, aber keiner beim Beamten, der vom Boden aus den Hubschrauber dirigiert hat. Das alles dürfte sogar den Schreiber des Polizeiprotokolls verwundert haben, weshalb er in Blockbuchstaben dazuschrieb: "KEINE Obduktion".

"In dem Akt wird meiner Frau eine Erschöpfung angedichtet", sagt V. Dabei wären beide nicht weitergegangen, weil sie vor einer Felswand standen und nicht wussten, ob sie absteigen konnten: "Wir hätten woanders hingehen können oder sogar oben übernachten, aber mit uns hat niemand kommuniziert."

Gutachten fehlt

Die Staatsanwaltschaft wartet noch auf ein Gutachten. Werner Senn, Chef der Flugpolizei, beantwortet einen Fragenkatalog des KURIER so: "Zu ihren gestellten Fragen kann ich Ihnen mitteilen, dass der Unfall von der Staatsanwaltschaft Leoben abgehandelt wird. Ich ersuche daher um Verständnis, dass ich über eine laufende gerichtliche Untersuchung keine Stellungnahme abgeben kann und muss Sie daher an die Untersuchungsbehörde verweisen."

Oliver V. hofft nun mehr über die Hintergründe herauszufinden: "Ich möchte nicht, dass hier etwas totgeschwiegen wird."

Zwei Abstürze ohne Aufklärung

Acht abgestürzte Hubschrauber und nunmehr 16 Tote – seit 1986 verursachten Abstürze der Flugpolizei 47 Millionen Euro Sachschaden, der Unfall vom 4. Juni ist dabei noch gar nicht mitgerechnet. Bei 17 Hubschraubern ist das ein hoher Wert, selbst der oft gescholtene Betreiber Knaus und auch die deutsche polizeiliche Hubschrauberflotte muss nicht auf solche Bilanzen verweisen.

Viele Experten, wie der Sachverständige Hellfried Aubauer und der bekannte Luftfahrtfachmann Joachim Janezic übten immer wieder Kritik daran, dass 2012 vom Verkehrsministerium die Untersuchung der Abstürze von Polizeihubschraubern eingestellt wurde. Gegen den (damaligen) Leiter der zuständigen Bundesanstalt für Verkehr laufen wegen des tödlichen Absturzes eines Polizeihubschraubers in den Achensee auch Ermittlungen wegen Verdachts des Amtsmissbrauchs. Das war die Folge von monatelangen Recherchen des KURIER. Dem Vernehmen nach werden die Vorwürfe bestritten.

Dabei tauchten auch Vorwürfe rund um zwei weitere Abstürze von Polizeihubschraubern auf. Beim Absturz in den Achensee wurde vom Leiter der Flugpolizei, Werner Senn, ein Vogelschlag oder eine Art epileptischer Anfall als Ursache behauptet. Dem widersprechen allerdings zahlreiche Zeugen, ein Gutachten und mehrere Dokumente, die ein Versagen des Piloten als Ursache sehen. Laut Aussagen von damaligen Insidern soll die Flugpolizei eine Art Hüttentaxi betrieben haben, was diese bestreitet.
In Deutschlandsberg stürzte ein Polizeihubschrauber nach einem Lokalbesuch der Crew im Ort ab. Bis heute gibt es keinen Bericht über den Absturz im Jahr 2009.