Chronik | Österreich
18.11.2013

Tirol: Terror in Kinderpsychiatrie

Expertenbericht zeigt, wie Kinder in Innsbruck zu Versuchskaninchen wurden

Sie wurden beschimpft, gedemütigt und geschlagen. So beschreibt Horst Schreiber den Alltag von Kindern und Jugendlichen in der psychiatrischen Kinderbeobachtungsstation in Innsbruck. Der Historiker ist Mitglied jener Expertenkommission, die die Zustände in der von Maria Nowak-Vogl zwischen 1954 und 1987 geleiteten Einrichtung untersucht hat.

Ein am Montag vorgelegter Bericht zeigt, dass die Psychiaterin ein Regiment des Schreckens errichtet hatte. „Es gibt Merkmale terroristischer Gewalt“, lautet Schreibers Befund. „Es konnte immer etwas passieren, selbst wenn die Kinder gehorsam waren.“ Die Medizin-Uni Innsbruck hat die Kommission 2012 eingesetzt, nachdem Medien berichtet hatten, dass Nowak-Vogl Kindern das tierische Extrakt Epiphysan verabreichte. Der Wirkstoff war ursprünglich zur Unterdrückung der Brunst bei Abmelkkühen verwendet worden. Nowak-Vogl wollte damit das sexuelle Verhalten der Kinder kontrollieren.

Studie mit Kindern

„Die gute Botschaft ist, dass das wirkungslos war“, berichtet Günther Sperk, Vorsitzender der Expertenkommission. „Das wirklich verwerfliche ist, dass Nowak-Vogl die Verabreichung als Studie durchgeführt hat.“ Die Patienten der in der NS-Zeit sozialisierten Tirolerin wurden so zu Versuchskaninchen. Die schmerzhaften Injektionen setzte sie zudem als Bestrafung ein.

Rund 3650 Patienten haben die Station von Nowak-Vogl durchlaufen. Die meisten Kinder und Jugendliche stammten aus der Unterschicht. Sie kamen vor allem aus Tirol, Vorarlberg, Salzburg, aber auch aus Bayern, Südtirol und anderen Teilen Österreichs. Nowak-Vogl hatte eine Schlüsselposition in der Fürsorgeerziehung. Mit ihren Gutachten entschied sie, ob und in welches Erziehungsheim die Kinder kamen. Es handelt sich um jene Heime, von denen man heute weiß, dass dort massive Gewalt ausgeübt wurde.

Bis zur Pensionierung

Bis 1979 war die Kinderbeobachtungsstation außerhalb des Klinikareals in einer Villa angesiedelt. Mit der Eingliederung der Einrichtung in die Univ.-Klinik für Psychiatrie konnte Nowak-Vogl nicht mehr schalten und walten, wie sie wollte. Trotzdem blieb sie bis zu ihrer Pensionierung 1987 im Amt.