Chronik | Österreich
10.06.2013

Städter greifen zum fast vergessenen Werkzeug

In Wien gibt es jetzt ein Angebot des Sensenvereins, das Mähen an einem halben Tag zu erlernen.

„Ich wollte das schon immer können. Der Duft nach frisch geschnittenem Gras ist für mich faszinierend, ja fast betörend. Er erinnert mich auch an meine Kindheit, an meine Großeltern, auf deren Bauernhof ich immer so gern zu Besuch war“, so beschreibt Theresia Wiedermann ihre Motivation, das Mähen mit der Sense zu lernen. Einen Rasenmäher für den kleinen feinen Garten zwischen Mietshäusern in der Großstadt gebe es zwar, aber mit der Sense sei anders, erklärt die pensionierte Frau Professor: „Etwas ganz, ganz Anderes!“

Christian Jaufer, Architekt, mit Zweitwohnsitz am Land, will dort dem Gras ohne Radau und Hektik zu Leibe rücken: Mit der Sense eben.

Und Manfred Eberl will Großmutters Garten auf Vordermann bringen, ohne Diskussion über Lärmbelästigung mit den Nachbarn.

Shirin Rothen ist stolze Besitzerin einer Wiese in Wien mit so hohem Gras, dass „normale“ motorische Rasenmäher kapitulieren, also muss die Sense her.

Sensen-Lehrer

In Wien gibt es jetzt ein Angebot des Sensenvereins, das Mähen mit Sensen an einem halben Tag zu erlernen – mehr oder weniger.

Klaus Kirchner und Georg Gasteiger, beide geprüfte Sensen-Lehrer – ja, das gibt es –,haben für den „Sensen-Workshop“ in der Großstadt ein Auswahl an Sensen mit verschieden Längen und für unterschiedliche Anwendungen mitgebracht.

Zuerst erfolgt jedoch eine ausführliche theoretische Einführung für die lernwilligen Städter – Workshop ist eben Workshop.

Es fehlt auch nicht an einer Warnung vor der Gefährlichkeit des Werkzeugs: Wie man eine Klinge angreift, ohne sich selbst oder jemand anderen zu gefährden. Auch dafür, wie man die Sense trägt oder jemand anderem reicht, gibt es detaillierte und sinnvolle Empfehlungen der beiden Sensen-Lehrer, die blutige Verletzungen vermeiden helfen.

Zusammenbau

Dann werden die Sensen von jedem Teilnehmer unter fachkundiger Anleitung der beiden Sensen-Profis zusammengebaut und penibel auf die jeweilige Körpergröße abgestimmt.

Es folgt die Erklärung und Demonstration, wie die Sense mit dem Wetzstein geschliffen wird.

Und dann soll gemäht werden.

Mit recht skeptischen Blicken verfolgen die Sensen-„Lehrlinge“, wie die Sensen-Lehrer scheinbar mühelos das mehr als kniehohe Gras mit ruhigen gleichmäßigen Bewegungen umlegen.

Den ersten eigenen Versuchen der Neulinge fehlt noch jegliche Eleganz und Ruhe: Der Beginn gleicht ein wenig einem Hickhack.

Doch mit den klaren und präzisen Anweisungen der Sensen-Profis, die die Körperhaltung korrigieren und gute Tipps geben, wie die Sense zu halten und zu führen ist, stellen sich in relativ kurzer Zeit schon die ersten bescheidenen Erfolge ein.

Aufmunterung

Eine der Anwohnerinnen, die zuerst argwöhnisch dem Treiben auf der Großstadtwiese zugesehen hatten, kommentiert bereits aufmunternd: „Es wird scho!“

Und wirklich, nach relativ kurzer Zeit des Übens, gleitet auf einmal die Sense mühelos durchs Gras, das präzise umfällt – zumindest hin und wieder und dann immer öfter.

Etwa eine halbe Stunde vor Ende des Workshops ist kollektives Mähen im Gleichklang angesagt und es gelingt sogar schon ziemlich synchron und durchaus auch elegant.

Einige der Teilnehmer müssen zuletzt überredet werden, aufzuhören: Wenn man in den Rhythmus kommt und darin bleibt, kehrt eine eigenartige Ruhe ein, die zufrieden und fast süchtig macht.

Sensenmähen ist wirklich ganz, ganz anders.

Sensenverein Österreich

Der Verein mit Sitz in Kirchdorf an der Krems in OÖ will unter anderem möglichst vielen Menschen zeigen, wie leicht und effektiv das Sensenmähen ist.

Auf www.sensenverein.at findet sich ein Fülle an Information über die alte Kulturtechnik, ebenso wie auf www.schnitter.info. Auf beiden Seiten werden Kurse zum Thema angeboten, der Sensenverein hat seine nächsten Veranstaltungen am 15. Juni.