Slow-Food als Touristenmagnet: Immer schön langsam (essen)

Haubenköchin Sissy Sonnleitner zeigt Urlaubern die neue Slow-Food-Philosophie
Kärnten ist die weltweit erste Slow-Food-Travel-Destination, dort entstehen nun Geschmacks-Dörfer.

Sind wir doch ehrlich: Wer geht heutzutage auf die Alm, sammelt Wildkräuter und stellt daraus Öle, Liköre oder Gewürzmischungen her? Oder wer rührt selbst Butter und erzeugt Mozzarella? Wer produziert Honig? Wer Bier? Wer sein eigenes Bio-Eis?

In unserer schnelllebigen Zeit schnappt man sich die Produkte rasch im Supermarkt und fertig. Doch der Trend geht inzwischen in die andere Richtung. Vermehrt wollen sich Kunden die Zeit für das Produkt nehmen, das auf den Teller kommt; sie verstehen Essen wieder als Kultur und Genuss, verbinden damit Geschichte und Emotionalität. Die Bewegung Slow Food International steht für dieses „langsame Essen“.

Und sie sieht Kärnten und dort speziell das Lesach- und Gailtal als Wiege des Slow Food. Die beiden Täler wurden als weltweit erste Regionen zu Slow-Food-Travel-Destinationen ernannt, weil dort die regionalen Schätze, alte Rezepte und traditionelles Handwerk hochgehalten werden.

Slow-Food als Touristenmagnet: Immer schön langsam (essen)

Das Tempo drosseln, Qualität wahrnehmen und die Produkte genießen können die Touristen im Gail- und Lesachtal.

Kulinarik erleben

Und so können Touristen mit Kräuterkundlerin Sandra Egartner über die Liesinger Almen streifen, mit Kathrin und Martin Unterweger in Lesachtal Käse rühren, mit Othmar Oberluggauer in Maria Luggau das Bienengold erzeugen, mit Bierbrauer Klaus Feistritzer in Kötschach ein „Kühles Blondes“ schaffen oder mit Lissi Neuwirth in Gundersheim das noch kühlere Bauerneis produzieren.

„Gib dem Produkt Zeit“, sagt Hans Steinwender, der in Untermöschach mithilfe von Urlaubern den traditionellen Gailtaler Speck herstellt. Wer Monate später „seinen“ Speck zugeschickt bekommt, genießt ihn anders. Bewusster. Es brauche eine Portion Dickköpfigkeit, um sich von der Schnellebigkeit ab- und der Qualität zuzuwenden, meint Bäckermeister Thomas Matitz, der zum ursprünglichen nicht-industriellen Backen zurückgekehrt ist und nun mehr Arbeit hat, aber auch mehr Lohn und Lob von Kunden erntet.

Neues Standbein

Die Oberkärntner Region, die seit Jahrzehnten von Abwanderung und Arbeitslosigkeit betroffen ist, spürt durch den vor drei Jahren gestarteten Slow-Food-Trend nun einen Schub in Sachen Tourismus. Mehrere tausend Nächtigungen jährlich – vom Bauernhof bis zum Vier-Sterne-Superior-Betrieb – sind laut Kärnten Werbung bereits direkt auf die buchbaren Slow-Food-Travel-Programme zurückzuführen.

„Regionale Küche ist ein immer stärker wachsender Treiber für die Destinationsentscheidung“, sagt Geschäftsführer Christian Kresse. Die Kriterien für das bewusste Essen in Verbindung mit Tourismus werden nun in einem Handbuch zusammengefasst und Slow Food International zur Verfügung gestellt. „Die guten Erfahrungen bei der Entwicklung der ersten Destination in der Region Gailtal/Lesachtal haben bewiesen, dass wir hier am richtigen Weg sind“, betonte der Gründer und Präsident der internationalen Bewegung, der Italiener Carlo Petrini, vor wenigen Tagen bei einem Kärnten-Besuch.

Wie es einst war

Er adelt Kärnten mit der Entwicklung eines weiteren weltweiten Leitprojekts: Slow Food Villages. Ziel ist es, Dörfer zu schaffen, die international als Prototypen für die Erhaltung der regionalen Küche dienen.

„Das Dorf wird als kulturelles Erbe wiederentdeckt. Lieferketten von regionalen Produkten hin zu den Gasthäusern, Kindergärten, Schulen, Altersheimen, Krankenhäusern, Hotellerie sowie Endverbrauchern sollen in ein einfaches und für alle Seiten faires Verhältnis gebracht werden“, erklärt Slow-Food-Kärnten-Koordinator Eckart Mandler die Idee.

Gemeinden gesucht

„Kärntner Dörfer können hier Vorbild für die ganze Welt werden“, ergänzt Slow-Food-International-Generalsekretär Paolo Croce. Jene Gemeinden, die die Slow-Food-Village-Idee leben wollen, können sich bei der Kärnten Werbung bewerben, diese wählt im Frühjahr 2019 zehn davon für die Umsetzung des Pilotprojekts aus.

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