Siegfried Nagl war am Tag der Amokfahrt mit der Vespa in der Innenstadt unterwegs.

© APA/ERWIN SCHERIAU/APA-POOL

Siegfried Nagl
10/01/2016

"Es gibt keine Vergebung, wenn der Täter keine Reue zeigt"

Der Grazer Bürgermeister war Zeuge der Anklage. Im KURIER erzählt er, wie er Alen R. vor Gericht erlebte. Wie schwer vergeben ist & warum das Urteil der erste Schritt zur Heilung der Wunden ist.

KURIER: Herr Nagl, das Urteil lebenslang mit Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher ist so ausgegangen, wie es sich die Grazer gewünscht haben. Kann nun der Heilungsprozess für die Bürger der Stadt beginnen?

Siegfried Nagl: Eineinhalb Jahre standen die Grazer unter einer großen Anspannung. Das war in den letzten Tagen besonders spürbar, weil in dieser Causa so viele Fragen und Unsicherheiten auftauchten, dass viele fürchteten, dass hier der Täterschutz über den Opferschutz gestellt wird. Nun ist wirklich eine Erleichterung für die Grazer eingetreten. Weil nun sichergestellt ist, dass sich dieser Mann der Verantwortung für seine Taten stellen muss. Jetzt können wir behutsam beginnen, dieses Thema abzuschließen.

Der Prozess drehte sich hauptsächlich um die Frage, war der Täter zurechnungsfähig oder eben nicht. Konnten Sie als Betroffener diesen Expertenstreit überhaupt nachvollziehen?

Der große Wunsch der Grazer war – und ich glaube, dass ich hier für alle sprechen kann –, dass dieser Mann lebenslang bekommen soll. Und zwar sollte das Urteil lebenslang rechtlich so abgesichert sein, dass er nie mehr unserer Gemeinschaft angehören darf. Er hat viel von der Gesellschaft bekommen, aber was er der Stadt angetan hat, berechtigt ihn nicht mehr, ein Teil davon zu sein. Die Geschworenen haben ihn mit acht zu null schuldig gesprochen. Ich glaube, das ist ein eindeutiges Votum.

Sie waren auch Zeuge der Anklage. Einige Zeugen wollten dem Täter nicht in die Augen schauen und bestanden darauf, dass Alen R. den Gerichtssaal verlassen muss. Sie wollten das nicht. Wie haben Sie den Täter erlebt?

Ich bin gerne in den Gerichtssaal gegangen, weil ich ihm in die Augen schauen wollte. Mich interessierte, wie er meinem Blick begegnen wird. Im Gerichtssaal saß der Angeklagte quasi im Rücken des jeweiligen Zeugen. Deshalb haben sich unsere Blicke nur zwei Mal getroffen. Insgesamt war es das dritte Mal, dass ich dem Täter in die Augen schaute. Auch bei der Amokfahrt hatten wir einen kurzen, aber intensiven Blickkontakt, weil er ganz nah an mir vorbeigerast ist. Ich wollte ihm mit meinem Blick vor Gericht die Botschaft mitgeben, wie schlimm seine Tat ist. Ob mir das auch gelungen ist, weiß ich nicht.

Wie hat sich der Blick des Täters während der Amokfahrt und im Gerichtssaal verändert?

Während der Amokfahrt war es die blanke Aggression, die man in seinen Augen lesen konnte. Die war jetzt überhaupt nicht zu beobachten. Im Gerichtssaal war er optisch nicht mehr wiederzuerkennen. Das rasierte Gesicht, der weiße Anzug. Aber als ich in seine Augen blickte, hatte ich nicht das Gefühl, dass er verwirrt wirkte. Im Gegenteil: Er hat mich sehr genau fixiert, beobachtete alles – und er wirkte sehr wach.

Reue haben Sie beim Täter keine gespürt?

Diese fehlende Reue schmerzt besonders. Wir haben die Opfer ein Jahr nach der Amokfahrt ins Rathaus eingeladen und auch einen Profi dazugeholt, der über das Thema Vergebung, Heilung und Verarbeitung gesprochen hat. Bei diesem Treffen wurde die Frage gestellt: Kann man einem Menschen, der einem so etwas Furchtbares angetan hat, überhaupt vergeben? Wir bekamen die Antwort: Man kann es nicht. Und es gibt keine Vergebung, wenn der Täter nicht einen Anflug von Reue zeigt. Diese Reuelosigkeit hat die Grazer während des Prozesses emotional sehr aufgewühlt. Die Sätze des Täters wie "die Menschen sind mir ins Auto gelaufen" oder "Es tut mir leid, aber ich bin auch ein Opfer", waren einfach zu viel.

Sie sind ein christdemokratischer Politiker. Vergeben spielt in der katholischen Kirche eine ganz zentrale Rolle. Werden Sie persönlich versuchen, dem Täter Alen R. zu vergeben?

Den Versuch unternimmt sicher jeder. Aber man stößt auch an seine Grenzen. Psychiater Michael Lehofer meinte bei dem Treffen im Grazer Rathaus, wichtig ist vor allem, dass man sich selbst vergibt. Das ist der erste Schritt zum Loslassen. Es tauchen bei der Verarbeitung der Tat natürlich Fragen auf wie: Hätte ich jemandem helfen können? Hätte ich anders reagieren sollen, und hätte ich damit ein Leben retten können? Dieses Loslassen ist wichtig. Denn der Täter hat sich unsere Aufmerksamkeit nicht verdient. Es gibt ähnliche Fälle wie Anders Breivik in Norwegen. Wenn sich der Massenmörder über die Haftbedingungen beschwert, dann kocht der Volkszorn europaweit auf. Wir haben ein tolles Justizsystem, aber es tauchen immer wieder Handlungen auf, wo es kaum mehr zu ertragen ist, dass so viel Aufsehen um einen Mörder gemacht wird.

Wie anstrengend war Ihre Zeugenaussage?

Jedes Mal, wenn man an diesen Tag denkt, ist man den Tränen nahe. Ich war als Siegfried Nagl und nicht als Bürgermeister geladen, und wollte meinen Beitrag zur Aufklärung dieser furchtbaren Tat leisten. Das kostet Energie. Diese energiesaugende Stimmung war täglich im Gerichtssaal spürbar. Das ist nichts für schwache Nerven.

Es dauerte 15 Monate, bis der Prozess gestartet ist. In dieser Zeit gelang es den Gutachtern nicht, festzustellen, ob der Angeklagte Alen R. nun zurechnungsfähig ist oder nicht. Können Sie als Zeuge der Anklage diesen Gutachter-Streit nachvollziehen?

Gerade deshalb war es ja sehr gut, dass dieser Prozess stattgefunden hat. Im Zuge des Prozesses konnten sich die Geschworenen ein Bild, basierend auf seinen Aussagen und seinen Schilderungen, vom Täter machen.

Sie hatten nicht das Gefühl, dass die Geschworenen mit der Frage überfordert waren, ob Alen R. tatsächlich zurechnungsfähig ist oder nicht?

Wir leben in einer Zeit, wo es für fast alle Bereiche des Lebens Gutachten gibt. Durch diese Entwicklung existieren auch jede Menge widersprüchliche Gutachten. Angesichts dieser "Gutachteritis" fällt es vielen schwer zu glauben, dass ein Gutachten allein der Weisheit letzter Schluss ist. Wenn wir das wollen, dann müssten wir die Laiengerichtsbarkeit abschaffen. Es geht um die richtige Mischung vor Gericht: Wir haben die Gutachter gehört, da kann auch einer irren. Wir hatten die Richter, die den Prozess großartig geleitet haben. Die Geschworenen haben sich ein gutes Bild machen können. Ich bin mir sicher, sie haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Auch die Geschworenen werden die Schilderungen ein Leben lang nicht vergessen.

Der Täter behauptet, dass er sich bei seiner Amokfahrt auf der Flucht befand. Er ist direkt an Ihnen vorbeigerast. Hatten Sie das Gefühl, dass sich Alen R. auf einer Flucht befand?

Diese Frage wurde mir auch vor Gericht gestellt. Es fiel mir nicht schwer, hier eine eindeutige Antwort zu finden: Ja, er ist zielgerichtet auf seine Opfer zugefahren. Nach dem Überfahren der ersten beiden Opfer am Gehsteig ist er vom einen auf den anderen Gehsteig schnurstracks auf den nächsten Menschen losgefahren. Deswegen glaube ich ihm kein Wort, dass er auf der Flucht war. Mein Glück war, dass ich, als ich ihn im Rückspiegel meiner Vespa gesehen habe, die richtige Gehsteigseite gewählt habe.

Hatten Sie vor Gericht das Gefühl, dass Sie einem Monster gegenübersitzen?

Jeder Mensch, der zu einer solchen Tat fähig ist, hat gröbste Probleme. Verstehen werde ich den Menschen nie. Und viele seiner Aussagen vor Gericht stimmten mit seiner Tat einfach nicht überein. Als ich seinen Blick im Gerichtssaal suchte, wollte ich ihn auch bitten, ob er nicht darüber nachdenken kann, was er den Opfern angetan hat. Aber wahrscheinlich ist das auch nicht angekommen.

Fürchten Sie, dass der Oberste Gerichtshof der Nichtigkeitsbeschwerde der Verteidigerin stattgibt?

Es war eigentlich klar, dass die Verteidigerin eine Nichtigkeitsbeschwerde einbringen wird. Ich vertraue hier unserem Justizsystem. Die Grazer haben mit viel Geduld ertragen, was der Rechtsstaat von uns verlangt hat. Aber das war keine leichte Geschichte. Viele hätten sich gewünscht, dass der Täter schon am nächsten Tag verurteilt wird.

Die schlimmste Minute für mich war, als ich auf die Eltern des kleinen Valentin zugehen musste, um ihnen mein Beileid auszudrücken. Da kannst du nicht die richtigen Worte finden. Jeder weiß, mit welcher Freude dir vierjährige Zwerge entgegenlaufen. Welchen emotionalen Negativaufzug man erlebt, wenn der Bub nicht mehr da ist, kann man sich nicht vorstellen. Das macht die Tat so unverzeihlich.

Acht Tage dauerte der Prozess. Acht Tage, die in Graz und auch österreichweit die Emotionen hoch gehen ließen. Hier den Prozessverlauf nochmals im Überblick.

Tag 1 An seine Amokfahrt, kann oder will sich Alen R. nicht erinnern. Er habe Schüsse gehört und sich verfolgt gefühlt.
Tag 2 Alen R. wird nun auch von Opfern konfrontiert. Seine Reaktion: „Es tut mir leid, aber ich bin selbst ein Opfer.“
Tag 3 Die Zeugen, Männer wie Frauen, erzählen vor Gericht weinend, welche horriblen Szenen sich in der Grazer Fußgängerzone abspielten.
Tag 4 Der Freund des Vaters des verstorbenen Valentin sagt aus. Er war dabei, als Valentin starb. Die Tat beschreibt er so: „Dann hat er noch Gas gegeben, er hat den Kleinen voll genommen.“
Tag 5 Der erste Gutachter Peter Hofmann ist am Wort und meint: „Schwere Gemütsstörung ist nicht spielbar“. Die Diagnose des Mediziners: „Paranoide Schizophrenie“. Während Hofmann den Täter für nicht zurechnungsfähig hält, ist sein Kollege Manfred Walzl anderer Meinung.
Tag 6 Die Ex-Gattin des Amokfahrers sagt unter Weinkrämpfen aus, dass Alen R. lüge und gewalttätig sei.
Tag 7 Der Gutachter-Streit geht weiter.
Tag 8 Der Täter wird (nicht rechtskräftig) des Mordes schuldig gesprochen, und dass er zur Tatzeit zurechnungsfähig war.

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