© Michaela Reibenwein

Dunkle Spuren
09/27/2020

Rudolf Baumgartner musste sterben, um zu leben

Zwei Männer überfielen in Wiener Neustadt einen Taxilenker und brachten ihn beinahe um. Erst als er sich tot stellte, ließen sie von ihm ab

von Michaela Reibenwein, Tobias Pehböck

Es war eine laue Sommernacht mit leichtem Nieselregen. Der 68-jährige Rudolf Baumgartner stand mit seinem Taxi bei der Mariensäule im Zentrum von Wiener Neustadt in Niederösterreich und wartete auf Nachtschwärmer. So wie jedes Wochenende. Der erfahrene Taxifahrer verdiente sich so in der Pension ein bisschen Geld dazu. Er stand ganz hinten in der Taxischlange, als sich zwei Männer von hinten näherten und in das Auto einstiegen. „Zum Parkplatz beim Holzplatz“ sollte er sie bringen.

Es war die letzte Taxifahrt von Rudolf Baumgartner.

"Bring ihn gleich um"

Wenig später lag der 68-Jährige schwerst verletzt und blutverschmiert am Boden. Baumgartner konnte nichts mehr sehen und nicht mehr gehen. Die Männer hatten ihm unzählige Male mit einem Baseballschläger ins Gesicht und auf den Oberkörper geschlagen. „Geh, bring ihn gleich um“, sagte ein Mann zum anderen in osteuropäischem Akzent. Erst als die beiden davon überzeugt waren, dass ihr Opfer tot war, ließen sie von ihm ab.

Die Tat liegt bereits elf Jahre zurück. Konkret war es der 19. Juli 2009, an dem Rudolf Baumgartner sterben sollte. Doch er überlebte. Und das nur, weil er sich tot gestellt hatte.

Einen „Raubüberfall mit Mordabsicht“ nennt Josef Deutsch die Tat. Der Leiter der Raubgruppe im Landeskriminalamt Niederösterreich war einer der ersten am Tatort. Und er verfolgt den Fall noch immer – denn bis jetzt konnte er nicht geklärt werden. „Das äußerst brutale Vorgehen“ der beiden Männer ist für ihn der größte Antrieb, den Fall doch noch zu klären.

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Baumgartner war mit den Männern zu dem abgelegen Parkplatz bei der Auffahrt Wiener Neustadt West gefahren. Er stellte den Motor ab, drehte sich um, um den Fuhrlohn zu kassieren. „In dem Moment presst mir der Mann hinter mir den Kopf an die Nackenstütze und dreht mir die Luft ab. Und der andere sprüht mir etwas ins Gesicht“, schildert Baumgartner.

Der Taxifahrer versuchte zu flüchten. „Da steht der eine schon bei der offenen Fahrertür und zieht mich raus. Ich sitze vor dem Auto – und dann ist es schon dahin gegangen mit dem Baseballschläger.“ Baumgartner versuchte, sich zu wehren, trat um sich – und ins Leere. „Jetzt bin ich dran“, schoss es dem Taxifahrer durch den Kopf. Schmerzen, so sagt er, spürte er damals keine. Aber Todesangst. Doch er tat das einzig Richtige: Er stellte sich tot. „Dann haben sie mich bei den Füßen gepackt und mich wie einen Erdäpfelsack hinter die Stauden gezogen“, erinnert er sich. Danach stiegen die Männer in das Taxi und fuhren davon.

Baumgartner sitzt in seinem Garten. Er wohnt mit seiner Frau Brigitte, einem Hund und einer Katze in einem gepflegten Haus am Rand von Wiener Neustadt. Baumgartner trägt eine verdunkelte Pilotenbrille, ein Camouflage-T-Shirt und einen Totenkopf-Ring. Der mittlerweile 79-Jährige ist ein stämmiger Mann mit vielen Tätowierungen. Der Überfall von damals hat seine Spuren hinterlassen. Das linke Auge hat er damals verloren. Das andere tränt. Und deshalb kriegt er oft „einen Zorn“. Speziell dann, wenn ihn das tränende Auge beim Basteln stört.

Vor einiger Zeit hat er sich eine Ural angeschafft. Ein russisches Motorrad mit Beiwagen. Daran herumzuschrauben ist durch seine Beeinträchtigung nicht mehr so einfach. „Dann schrei ich mit mir selber oder ich verwünsche sie, die Hunde.“

An die Tatnacht erinnert er sich noch genau. Auch daran, wie er mit letzter Kraft über den Parkplatz zur Puchberger Straße kroch. Gehen konnte er nicht mehr. Sehen auch nicht.

Er hob einen Arm um vorbeifahrende Autofahrer auf sich aufmerksam zu machen. Mehrere Autos fuhren vorbei. Doch dann machten sich vier junge Nachtschwärmer auf den Heimweg. „Wir hatten einen gemütlichen Abend in einem Cocktail-Lokal. Als wir heimgefahren sind, haben wird die 2 Uhr Nachrichten im Radio gehört. Plötzlich sieht die Freundin vom Johann etwas am Wegrand liegen“, erinnert sich Jan Hubner. Sie blieben stehen. Hubner und sein Freund Johann Schmutzer stiegen aus – und fanden den lebensgefährlich verletzten Rudolf Baumgartner.

„Es war relativ schnell klar, dass das eine ernste Sache ist“, schildern sie. Vom Gesicht des Opfers war nicht mehr viel zu erkennen. Während sich Hubner sofort um die Erste Hilfe kümmerte, alarmierte sein Freund die Rettung. „Der Mann hat uns sogar noch erzählt, was passiert ist. Dass er von zwei Männern überfallen worden ist.“

Wenig später im Krankenhaus war klar: Die Männer haben Rudolf Baumgartner das Leben gerettet. Der Taxifahrer hatte unzählige Verletzungen erlitten. Unter anderem einen Gesichtsschädeltrümmerbruch, einen Augenhöhlenbruch, einen Kieferbruch, den Bruch des Schulterblattes, eine Nasenfraktur und Rippenbrüche.

„Ich war zu 95 Prozent tot“, sagt Baumgartner selbst.

Die unglaubliche Brutalität des Überfalles überraschte auch die Ermittler. „Um das Taxi zu stehlen, wäre es nicht nötig gewesen, Herrn Baumgartner fast umzubringen“, sagt Ermittler Deutsch. Die Tatwaffe hatten die Männer im Grünstreifen des Parkplatzes liegen gelassen. Der Baseballschläger war durch die Wucht der Schläge auseinandergebrochen.

Die Tatortgruppe untersuchte den Schläger sofort auf Spuren. „Das Schlagstück des Baseballschlägers war auf großer Fläche komplett mit Opferblut behaftet. Aber das untere Griffstück, wo der oder die Täter den Schläger gehalten haben, der war nicht mit Blut befleckt. Und da fanden wir die DNA-Spuren“, erzählt Gerhard Kainzbauer von der Tatortgruppe. Allerdings: Es handelte sich um eine Mischspur, die zwei Männer hinterlassen hatten. „Vielleicht ist der eine der Besitzer des Baseballschlägers und der andere der Mann, der die Tat ausgeführt hat.“

Es ist die einzige verwertbare DNA-Spur, die in diesem Fall sichergestellt werden konnte. Doch aufgrund der Vermischung ist es nicht möglich, sie in der Datenbank automatisch abzugleichen. Erst, wenn ein Verdächtiger ausgeforscht werden kann, können diese Spuren nützlich sein.

Doch der Schläger könnte dennoch wichtige Hinweise bringen: Es handelt sich nicht um Massenware. Er ist 56 Zentimeter lang, hat 5 Zentimeter Durchmesser. Und am Übergang vom Griffstück zum Schlagbereich wurden vier Ringe eingedrechselt. Sie wurden grün und rot bemalt. „Vielleicht stammt der Schläger von einem Kirtag oder einem Straßenstand. Er könnte auch im Ausland gefertigt worden sein. Bis jetzt haben wir keinen identen gefunden“, sagt Josef Deutsch. Ein Hinweis zum Erzeuger oder Besitzer wäre für die Ermittler Gold wert.

Die Täterbeschreibung hat die Polizei jedenfalls nicht weitergebracht. Zu wenig weiß man von den Männern. Einer sprach inländischen Dialekt, war Solarium-gebräunt und sportlich. „Der hat trainiert. Er hatte richtig schöne Wadeln“, erinnert sich Baumgartner. Er war zwischen 35 und 40 Jahre alt, trug eine schwarze Dreiviertel-Hose, ein gestreiftes oder kariertes T-Shirt und eine schwarze Kappe. Noch dürftiger ist die Beschreibung des zweiten Mannes: Er soll von der Statur stärker gewesen sein und sprach mit einem Ost-Akzent. Möglicherweise kam er aus Ungarn oder Rumänien.

Und dorthin dürfte auch das Taxi gebracht worden sein – es handelte sich um einen Audi A6. Im Zuge der ersten Ermittlungen stellte sich heraus, dass das Handy von Rudolf Baumgartner noch im Taxi lag. Die Polizei versuchte sofort, den Standort des Handys zu eruieren. „Wir konnten feststellen, dass das Handy in Ungarn unterwegs war, in Richtung Györ“, sagt Chefinspektor Deutsch. Doch rund 40 Kilometer von der Staatsgrenze entfernt, verliert sich die Spur. „Entweder war der Akku leer oder die Männer haben das Handy zerstört“, meint Deutsch.

Was mit dem Taxi passiert ist, konnte bis jetzt nicht geklärt werden. Es ist verschwunden. „Entweder es wurde verkauft und nie angemeldet“, vermutet Deutsch. „Oder es wurde in seine Einzelteile zerlegt.“

Dass das Fahrzeug jemals wieder auftaucht, bezweifelt Rudolf Baumgartner. Und auch, dass die Männer ausgeforscht werden, die ihm fast das Leben genommen hätten. Dennoch wäre es für ihn eine Genugtuung. „Ich kann ja keine Rache üben“, sagt er. „Da wäre ich ja vor dem Richter.“ Trotzdem würde es ihn erleichtern.

Für Ermittler Deutsch steht vor allem ein Gedanke im Vordergrund: „Kein Opfer ist je vergessen – das ist zwar ein Klischee-Spruch. Aber in solchen Fällen ist es entscheidend. Denn wer einmal fähig war, so eine Gewalttat zu begehen, der ist es immer.“

Hinweise an das LKA Niederösterreich unter 059133-30 3333.

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