© Kurier/Juerg Christandl

Chronik Österreich
11/03/2020

Rekonstruktion einer Wahnsinnstat

Nacht des Terrors: Die ersten Schüsse fielen kurz vor 20 Uhr in der Seitenstettengasse. Dann lief der Täter weiter durch die Innenstadt

von Michaela Reibenwein, Christoph Schwarz, Dominik Schreiber

Die ersten panischen Anrufe erreichten die Polizei am Montag um 20 Uhr: In der Wiener Innenstadt fielen Schüsse. Neun Minuten später war Kujtim F. tot. Erschossen von der Polizei. Dass dies ausgerechnet der WEGA gelang, ist kein Zufall. Es ist jene Sondereinheit, die rund um die Uhr in Wien auf der Straße ist.

Dennoch – in diesen neun Minuten tötete der Terrorist vier Menschen, verletzte 23 weitere, darunter auch einen Polizisten. Mehrere Personen kämpfen in den Krankenhäusern noch um ihr Leben (siehe auch Geschichte unten).

Doch es hätte noch schlimmer kommen können. Kujtim F. hatte noch sehr viel Munition für seine Kalaschnikow und eine Pistole dabei. Bei der Hausdurchsuchung wurden zudem weitere Munitionsteile sichergestellt.

"Volle Kanne geballert"

Die ersten Schüsse gab der 20-Jährige in der Seitenstettengasse ab. Ein Augenzeuge saß da gerade mit einem Freund in einem Lokal im Bermudadreieck: „Der hat volle Kanne geballert, ich dachte, da dreht jemand wegen Corona durch und macht ein Feuerwerk. Dann habe ich gesehen, wie er bei einem Lokal gegen die Wand geschossen hat. Auch in der Lokaltüre gibt es Einschusslöcher. Er hat drei Menschen verletzt“, schildert der Lokalbesucher.

Drei weitere Tatorte befanden sich in unmittelbarer Nähe: Beim Ruprechtsplatz 1 erschoss Kujtim F. eine Frau, die als Kellnerin in einem bekannten Lokal beschäftigt war. Ein 21-jähriger Mann aus Korneuburg wurde am Fleischmarkt getötet, ein weiterer Mann am Franz-Josefs-Kai. Hier feuerte der Terrorist auch auf einen 28-jährigen Polizisten und traf ihn im Bein. Eine ältere Frau aus Deutschland starb im Wilhelminenspital, nachdem sie ebenfalls Schussverletzungen erlitten hatte.

Der Attentäter selbst wurde am Ruprechtsplatz zur Strecke gebracht – dort, wo er der Kellnerin das Leben genommen hatte.

Zeitgleich riegelten schwer bewaffnete Einsatzkräfte der WEGA immer weitere Teile des 1. Bezirks ab – auf der Suche nach potenziellen weiteren Tätern. Irgendwann waren alle Zufahrten in die Wiener Innenstadt gesperrt.

Appelle

Hunderte Menschen, die den letzten Abend vor dem Lockdown in Lokalen und auf der Straße verbrachten, saßen in der Falle. Unter lauten Befehlen versuchte die Polizei, Passanten in die Häuser zu treiben. „Weg! Wollen Sie erschossen werden?“

Nicht alle leisteten Folge. Manche, weil sie schlicht auf den Straßen festsaßen. Viele Lokalbetreiber hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Gäste längst hektisch ins Innere gebracht und die Türen verriegelt. Halbvolle Gläser und Teller blieben in den Gastgärten zurück.

Aber auch Schaulustige sammelten sich an den Straßenecken, teils nur wenige Meter von den Einsatzkräften entfernt und auf der Suche nach dem besten Motiv für die Handykamera.

"Es ist gefährlich!"

Mehr als 20.000 Videos wurden bisher der Polizei übermittelt (30 Beamten sind nur mit der Sichtung beschäftigt), wohl noch mehr im Internet gepostet und via Smartphone verschickt. „Gehen Sie! Es ist gefährlich!“, appellierten die Polizisten. Gleichzeitig sicherten sie Gasse um Gasse.

Volgan beobachtete das Szenario aus sicherer Entfernung. Der Sohn eines österreichischen Vaters und einer türkischen Mutter zeigte sich bestürzt. „Was sind das für Menschen, die so etwas tun? Ich bin Muslim. Aber mit denen habe ich nichts zu tun.“

So dachten viele Menschen an den Absperrungen. In einer Mischung aus Trauer, Wut und Fassungslosigkeit standen sie da, starrten auf die schwer bewaffneten Polizisten, verfolgten, wie Einsatzwagen mit Blaulicht durch die Straßen rasten.

Mangelware Taxi

Für viele, die an dem Abend in der Inneren Stadt waren, sollte es eine lange Nacht werden. Stundenlang saßen sie in Lokalen fest. Die Wiener Linien sperrten die Innenstadt-Stationen der Öffis. Erst später gelang es manchen, mit dem Taxi den 1. Bezirk zu verlassen. Die Wiener Funkzentralen verzeichneten mehrere Tausend Anrufe pro Stunde und zählten mehr als doppelt so viele Fahrgäste wie sonst.

Hotels öffneten ihre Zimmer später kostenlos für all jene, die an diesem Abend nicht mehr nach Hause kamen.

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