Chronik | Österreich
16.10.2016

Radikalisierung: Junge Muslime oft gefährdet

Studie im Auftrag der Stadt Wien bringt alarmierende Ergebnisse. Stadt will Prävention forcieren.

„Da brodelt etwas“, sagt Kenan Güngör. „Wir haben Anlass zur Sorge.“ Der Soziologe und Integrationsexperte ist keiner, der sich zur Panikmache hinreißen lässt. Güngör wählt seine Worte stets mit Bedacht. Diesmal sind sie sehr deutlich. Gemeinsam mit der Anthropologin Caroline Nik Nafs erforschte Güngör im Auftrag der Stadt Wien die Lebenswelten der Jugendlichen, die in Wiens Jugendzentren oder Parks betreut werden. 401 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren (fast drei Viertel von ihnen waren zwischen 14 und 15 Jahre alt) aus 30 Jugendeinrichtungen wurden von November 2014 bis Februar 2015 befragt.

70 Prozent der befragten Jugendlichen sind österreichische Staatsbürger, 85 Prozent haben Migrationshintergrund (31 Prozent davon türkischen), 70 Prozent sind männlich, 36 Prozent sind Christen, 53 Prozent Muslime. Und die sind religiöser als Nicht-Muslime: „Religion ist für sie oft ein Element, um die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu zeigen“, sagt Caroline Nik Nafs.
Und es zeigt sich, dass gerade die muslimischen Jugendlichen mit dem Dschihadismus sympathisieren.

Gefahr des Abdriftens

Laut Güngör und Nik Nafs sind 27 Prozent der muslimischen Jugendlichen in den Wiener Jugendeinrichtungen gefährdet, sich zu radikalisieren.
Sie sympathisieren stark mit dem Dschihadismus, sie bejahen Gewalt und sind anti-westlich eingestellt. Der Aussage „Vorschriften meiner Religion sind wichtiger als die Gesetze hier (in Österreich)“ stimmen sie laut der Studie „stark zu“. Sie finden, dass sich die islamische Welt „mit Gewalt gegen den Westen verteidigen“ muss und befürworten es, dass Menschen für ihre Religion in den Krieg ziehen.

„Es besteht großer Handlungsbedarf bei Jugendlichen, die latent radikalisiert sind. Sie dürfen nicht abdriften“, sagt Soziologe Güngör. „Gleichzeitig sollten wir aber auch die Mitte nicht außer Acht lassen.“
„Die Mitte“, das sind jene 31 Prozent der befragten muslimischen Jugendlichen, die der Gruppe der Ambivalenten zuzuordnen sind. In deren Aussagen stießen die Forscher auf zahlreiche Widersprüche. So befürworten die Ambivalenten etwa, dass Menschen für ihre Religion in den Krieg ziehen, gleichzeitig stimmen sie aber der Aussage zu, dass niemand im Namen seiner Religion töten sollte.

42 Prozent der befragten muslimischen Jugendlichen sind der Gruppe der Gemäßigten zuzuordnen. Zwar hegen sie zum Teil Bewunderung für strenge Religiosität, aber sie halten nichts von Gewalt und sind liberal.

Jung, männlich, radikal

Wie groß die Gefahr ist, dass sich Jugendliche radikalisieren, hängt laut den Studienautoren mit dem Geschlecht, dem Geburtsort, dem Grad der Religiosität und dem Freundeskreis zusammen.

„Es sind fast ausschließlich männliche, stark religiöse Jugendliche, die als radikalisierungsgefährdet eingestuft werden können“, sagt Güngör.
Muslimische Jugendliche mit homogenen Freundeskreisen seien eher gefährdet. Ebenso jene, die im Ausland geboren wurden. „Jugendliche dieses Alters befinden sich in einer Phase der Orientierung“, erklärt Güngör. Abwertungen spielen eine große Rolle. Unter sehr religiösen Jugendlichen, besondern unter muslimischen, sind Homophobie, Antisemitismus und Rassismus stark verbreitet.

Gleichzeitig haben aber auch viele dieser Jugendlichen selbst schon Abwertung erlebt; wurden etwa diskriminiert aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Sprache. Interessant dabei: die persönliche Diskriminierung spielt für sie weniger einer Rolle als die kollektive, etwa die abwertende Haltung gegenüber den Muslimen. Je größer die Sorge, dass die eigene Religion und Herkunft abgelehnt wird, desto eher verhalten sich Jugendliche abwertend gegenüber Andersgläubigen, -denkenden, -lebenden.

Identifikation

Das sei insofern wichtig, als sich die Jugendlichen nicht nur mit ihrem Herkunftsland identifizieren, sondern auch mit Österreich. 65 Prozent der Befragten gab an, sich stark bis mittelstark mit Österreich, und speziell mit Wien, zu identifizieren.
Viele hätten aber gleichzeitig das Gefühl, nicht als Österreicher anerkannt zu werden. „Jugendliche mit Migrationsgeschichte, besonders jene aus muslimischen Ländern, müssen als vollwertiger Teil der österreichischen Gesellschaft gesehen werden“, sagt Güngör. Das sei der Auftrag an die Gesellschaft.

Überrascht von der Grundtendenz der Studie ist Güngör nicht, aber: „Dass 27 Prozent latent radikalisierungsgefährdet sind, gibt uns zu denken. Das ist eine Herausforderung.“
Und zwar nicht nur für die Jugend- und Sozialarbeiter, sondern auch für die zuständige Stadträtin. Sie will nun die Jugendarbeit weiter ausbauen (siehe unten).

„Müssen Instrumente schärfen“

Wien ist bundesweit Vorreiter in Sachen Integration. Wien schult seine Jugend- und Sozialarbeiter und Wien gründete 2014 das „Wiener Netzwerk für Deradikalisierung und Prävention“. Aber reicht das?

„Wir müssen unsere Instrumente schärfen“, sagt die zuständige Stadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ), nachdem die Studie „Jugendliche in der offenen Jugendarbeit. Identitäten, Lebenslagen, abwertende Einstellungen“ von Kenan Güngör und Caroline Nik Nafs alarmierende Ergebnisse zutage gebracht hat. „Ja, Radikalisierung ist ein Thema in der Stadt“, sagt Frauenberger. „Aber das ist kein Wiener Phänomen. Wir schauen hin.“

Die Stadträtin will in der Jugendarbeit, in der Schule und bei den Eltern ansetzen. Konkret will sie zum Beispiel Islamexperten mit den Jugendarbeitern zusammenbringen. Die Workshops zur Prävention und Deradikalisierung für die Jugend- und Sozialarbeiter sollen ausgebaut werden. Außerdem will sie verfeindete Gruppen, wie etwa jene der Afghanen und Tschetschenen, in den Jugendzentren verstärkt zusammenbringen.

Frauenberger plant eine Enquete zum Thema, fordert ein bundesweites Netzwerk zur Deradikalisierung und verweist einmal mehr auf die Notwendigkeit einer gemeinsamen Schule der 6- bis 14-Jährigen.
Kritik am Vorgehen der Stadträtin kommt von der Opposition: Wiens ÖVP-Chef Gernot Blümel bezeichnet die Studie als „Ergebnis rot-grüner Realitätsverweigerung“; Maximilian Krauss, Jugendsprecher der FP Wien, erklärte „Multikulti für endgültig gescheitert“.

Jugendarbeiter als Hoffnungsträger

27.000 Wiener Jugendliche erreicht die Stadt mit der sogenannten offenen Jugendarbeit, also durch Jugendzentren oder Sozialarbeiter in Parks.
Das schlägt sich auch in der Studie nieder: 90 Prozent der von Kenan Güngör und Caroline Nik Nafs befragten Jugendlichen sind (sehr) zufrieden mit ihrer Jugendeinrichtung, 80 bis 90 Prozent fühlen sich von ihren Jugendarbeitern verstanden und 83 Prozent gaben sogar an, dass sie die Jugendarbeit davor schütze, „auf die schiefe Bahn zu geraten“.

Viel Verantwortung also für die Jugendarbeiter in der Bundeshauptstadt. Grundsätzlich werden sie in Workshops auf Phänomene wie Radikalisierung vorbereitet. Güngör und Nik Nafs haben trotzdem weitere Empfehlungen an die Stadt:
Die Themen Abwertung und Radikalisierung sollen in „allen pädagogischen und sozialarbeiterischen Bereichen“ forciert werden; die Prävention müsse schon vor dem Jugendalter ansetzen. Jugendarbeiter müssen in der Lage sein, Verschwörungstheorien als solche entlarven zu können und das Weltbild und die Religion der Jugendlichen verstehen können. Medienkompetenz sei unabdingbar.

„Grundsätzlich erreichen wir die Jugendlichen gut“, sagt Gabriele Langer, Leiterin des Vereins Wiener Jugendzentren. Die allermeisten Jugendlichen seinen keine Extremisten, „aber auf der Suche nach Orientierung, Halt und Perspektiven.“ Junge Flüchtlinge, die mit der großen Flüchtlingsbewegung 2015 nach Österreich gekommen sind, finden übrigens erst nach und nach den Weg in die Jugendzentren.