Chronik | Österreich
25.11.2017

Poller-"Abwehrkampf" in Kleinstadt

Mit dem Terror würden auch die Kunden ausgesperrt, argumentieren Kritiker in der Bezirksstadt St. Veit.

" St. Veit, die Einkaufscity mit dem besonderen Flair." Mit diesem Slogan wirbt die 12.000-Einwohner-Bezirksstadt in Mittelkärnten auf ihrer Homepage. Dicht aneinander reihen sich Fachgeschäfte, gut bürgerliche Lokale und nette Cafes in der Innenstadt. Die ist mit dem Pkw erreichbar, sogar am Hauptplatz hagelt es keinen Strafzettel, wenn der Kunde rasch einen Einkauf erledigt.

Doch letzte Woche erfolgte auf Initiative von Bürgermeister Gerhard Mock (SPÖ) ein einstimmiger Beschluss des Stadtsenats, der alles ändert: Zum Schutz vor möglichen Terroranschlägen werden an den Zufahrtsstraßen am Unteren Platz und in der Spitalgasse zwei Poller installiert. Mit dem Terror wird der Verkehr ausgesperrt. Und die Kundschaft.

"Die Maßnahme ist ein Witz. Die Poller sind eine Existenzbedrohung für die Kaufleute. Man sollte eine Sammelklage gegen die Stadt wegen Verdienstentgangs und Wertverlust der Realitäten anstreben": Der St. Veiter Pelzhändler Peter Sobosits ist nur einer von vielen Kaufleuten, die gegen die Poller Sturm laufen. Wirte, Ärzte, Hausbesitzer und Kunden halten die Schutzmaßnahme ebenso für überzogen und fordern einen Baustopp.

Die Arbeiten laufen aber auf Hochtouren, zum Jahreswechsel sollen die Pfosten ihren Dienst versehen. Bei Veranstaltungen, Märkten, Umzügen sowie täglich von 10 bis 17 Uhr werden sie ausgefahren. Nur Fahrzeuge mit Berechtigung dürfen ins Zentrum, die Poller erkennen die Kennzeichen und werden automatisch versenkt.

"Keine Information"

"In St. Veit gibt es den Interspar, ein Einkaufszentrum in der Marktstraße und die Innenstadt. Aber nur das Zentrum wird künftig mit dem Auto nicht mehr erreichbar sein. Wir werden geschwächt, wurden über Poller im Vorfeld nicht informiert", beklagt sich Reinfried Bein, der in der Innenstadt ein Friseurstudio betreibt. Das Argument der Politik, man benötige Anti-Terror-Schutz, sei eine Farce. Bein: "Es gibt hier das ganze Jahr keine Menschenansammlungen."

Andreas Besold, Buchhändler am Hauptplatz, gibt ihm recht. "Unsere Kleinstadt ist aus Terroristensicht wohl kaum die richtige Adresse für einen Anschlag. Die Argumente der Politik sind Nonsens", meint er. Das gelte auch für das Nebenargument der Verkehrsentlastung. "Wenn künftig bei mir jemand zwei Globen kaufen will, ist das nur mehr zu Fuß möglich. Das ist dem Kunden ja nicht zumutbar." Und viele ältere Menschen seien nicht mehr gut zu Fuß, gibt Allgemeinmediziner Helmut Racic zu bedenken. "In meine Ordination kommen täglich 100 bis 150 Patienten. Die Möglichkeit, Notfälle, Senioren und Behinderte zu bringen oder abzuholen, wurde flexibel gehandhabt. Ab 2018 ist damit Schluss", erklärt der Arzt. "Ich kann nicht einmal mehr mit dem Pkw bis zur Apotheke fahren, um meine Medikamente abzuholen", schüttelt die Pensionistin Anna Storr den Kopf.

Auch für Schuhhändler Gerhard Griesser haben die Poller Folgen. "Zu meinen Kunden zählen viele ältere oder gehbehinderte Personen aus dem Umland. Wenn sie nun ausgesperrt werden, werde ich etliche Kunden verlieren." Griesser hat sich entschieden, den für 2018 um 120.000 Euro geplanten Umbau seines Geschäfts abzublasen. "Ich will kein finanzielles Risiko eingehen."

Lkw-Blockade

Rund 40 Gleichgesinnte gehören inzwischen der neu gegründeten Anti-Poller-Initiative an, die den Bürgermeister umstimmen will. Das sei auszuschließen, sagt Mock: "Ich verstehe die Aufregung nicht. Das Zentrum erfährt eine Verkehrsentlastung und wird sicher. Es ist wichtig, dass wir in Sachen Anti-Terror vorbauen." Er wäre froh, wenn die Poller bereits funktionstüchtig wären. "Am 5. Dezember beim Krampuslauf würden wir sie benötigen. So müssen wir laut polizeilicher Auflage die Einfahrten ins Zentrum mit Lkw blockieren", berichtet der Stadtchef.