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Chronik Österreich
04/11/2012

PISA: So g'winnen die Finnen

Hyvinvointi, das Wohlergehen der Kinder, ist das Um und Auf an finnischen Schulen. Die PISA-Vorbilder sind keine Oberlehrer.

von Martin Burger

Es freut uns, wenn Sie uns besuchen, Herr Redakteur. Wir erwarten Sie nach 17 Uhr im Finnischen Schulverein in Wien!" Petra Hedman und ihre Vereins-Kolleginnen haben einen für finnische Lehrer offenbar typisch langen Arbeitstag. "Wir wollen, dass die Kinder nach dem normalen Unterricht auch ihre Muttersprache pflegen." Die Kinder werden um 18 Uhr von den Eltern aus der "Finnischen Schule" abgeholt. Klein-Suomi in Österreich, sozusagen.

Ist dieses späte Finish typisch finnisch? Immerhin sind die Nordeuropäer seit Jahren im PISA-Spitzenfeld.

Die Antwort darauf lautet: "Hiljaa hyvä tulee." Das heißt in etwa: "Immer mit der Ruhe" und soll heißen: Finnische Lehrer sind auch nur Menschen. Die Sonder-Betreuung in der "Finnischen Schule" findet zum Beispiel ein Mal die Woche statt. Finnisch-Lehrerin Laura Spadinger, die in Tuusula, Südfinnland, geboren wurde, sieht die Ausnahme-Rolle ihres Landes so: "Theoretisch ist unser Schulsystem sehr gut, in der Praxis haben auch wir Probleme." Sie unterrichtet seit 2003 an der Danube International School. Spadingers Kinder besuchen österreichische Gymnasien.

Die Wissenschaft hat klare Befunde, was die Überlegenheit der finnischen Lehrer angeht. Vor allem die akademische Ausbildung und die damit einhergehende gesellschaftliche Anerkennung habe den Aufstieg der Finnen begünstigt, sagt Bildungspsychologin Christiane Spiel (siehe Interview). Der Andrang auf den Lehrerberuf ist so groß, dass nur zehn Prozent eines Jahrgangs aufgenommen werden.

"Wir waren überrascht, weil wir das finnische Schulsystem als durchschnittlich empfunden haben", sagt Spadinger. "Ich glaube, es sind Details, die den Unterschied ausmachen." Das sagt Piritta Mononen - die Klavier-Virtuosin aus Helsinki ist seit elf Jahren Musikpädagogin in Wien. Ziel der finnischen Lehrer ist Hyvinvointi, das Wohlbefinden der Schüler. Dazu gehören die folgenden Punkte:

Die Pause
Jede Pause dauert zehn bis 15 Minuten, zu Mittag gibt es eine 20- bis 30-minütige Pause. Die Kinder in Finnland verbringen diese Zeit draußen (Temperaturgrenze bei -15 C), "Bewegung und frische Luft steigern die Konzentration", sagt Pädagogin Mononen.

Die Doppelstunde
In den höheren Klassen gibt es in Hauptfächern wie Englisch und Mathematik 90-minütige Einheiten. "Es dauert zehn Minuten, bis Ruhe eingekehrt ist. Bei Einzelstunden hat man dann noch etwas mehr als eine halbe Stunde Arbeitszeit", erklärt Spadinger.

Die Verpflegung
In Österreich essen die meisten Schüler nicht in der Schule, sondern nach 14 Uhr, sagt Spadinger. Das sei ungesund und Gift für die Konzentration.

Österreichs Eltern
Finnen seien nicht die Oberlehrer Europas, sagt Spadinger. "Wir haben viele Scheidungskinder, alkoholkranke Eltern. Unsere Lehrer bringen diesen Kindern oft Grundfertigkeiten wie Essen und Grüßen bei. Ich wünsche mir, dass finnische Eltern mehr Verantwortung für ihre Kindererziehung übernehmen - so wie in Österreich."

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