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Chronik Österreich
08/01/2021

Philosoph Liessmann über sein Rennrad: "Wechsel von Lust und Leid“

Konrad Paul Liessmann im Interview über die Liebe zu seinem Rennrad.

von Barbara Mader

Österreichs bekanntester Philosoph ist passionierter Rennradfahrer. Der KURIER hat Konrad Paul Liessmann während eines Rad-Urlaubs in Südtirol erreicht.

KURIER: Sie sind gerade in den Dolomiten. Hat das Bergradeln einen besonderen Reiz für Sie?

Konrad Paul Liessmann: Nun, ich fahre mit dem Rennrad die Pässe ab. Das hat eine eigene Faszination. Es ist eine besondere Form der Anstrengung und der damit verbundenen Selbstdisziplin. Und vor allem die grandiose Landschaft bietet ein einzigartiges Erlebnis: In 2000 Metern Höhe Rad zu fahren, umgeben von bizarren Felsen – nicht zu vergessen die rasanten Abfahrten. Das ist allerdings auch eine Frage der Kondition und der Risikobereitschaft. Beides nimmt im Alter bekanntlich ab. Ich bin nicht mehr so unterwegs wie vor zehn oder zwanzig Jahren.

Wie lange fahren Sie schon Rennrad?

Mein erstes Rennrad habe ich mir während meines Studiums in den frühen 1970ern gekauft. Damals war kaum jemand mit dem Rennrad unterwegs. Das war ein fast exotischer Sport.

Fahren Sie auch in der Stadt?

Nein. Das Rennrad ist für mich körperlicher Ausgleich und Naturerfahrung, aber ich benütze es nicht in der Stadt, weil das ziemlich mühsam ist. Es gibt viel Autoverkehr und viel Radverkehr – ich weiß nie, was unangenehmer ist. Für die an sich begrüßenswerte Zunahme des Radverkehrs hat Wien noch keine angemessene Infrastruktur.

Ein gutes Rennrad kostet. War Ihres auch so teuer wie ein Kleinwagen?

Selbstverständlich (lacht)Da fängt der Spaß ja erst an. Aber da ist viel Fetischismus dabei. Natürlich bekommt man Rennräder, die Spaß machen, um einen akzeptablen Preis. Aber bei einem perfekten Zusammenspiel von Material, Technik und Design bewegt man sich schnell jenseits der 10. 000 Euro.

Können Sie Ihr Rennrad etwas genauer beschreiben?

Ich habe mehrere, unter anderem ein feines Cannondale. Aktuell fahre ich mit einem Airstreeem, das Produkt einer exquisiten österreichischen Radmanufaktur. Rahmen und Laufräder aus Carbon, elektronische Schaltung, Scheibenbremsen und High-Tech-Pedale mit integriertem digitalem Leistungsmesser.

Konrad Paul Liessmann, geboren 1953 in Villach, ist Professor i.R. für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist. Er erhielt 2004 den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz im Denken und Handeln, 2010 den Donauland-Sachbuchpreis und 2016 den Paul Watzlawick-Ehrenring. Im Zsolnay Verlag gibt er die Reihe Philosophicum Lech heraus. Zuletzt erschienen bei Zsolnay "Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift" (2014), "Bildung als Provokation" 2017) und "Alle Lust will Ewigkeit. Mitternächtliche Versuchungen" (2021) sowie bei Hanser (gemeinsam mit Michael Köhlmeier) "Der werfe den ersten Stein" (2019).Soeben erschienen: „Alle Lust will Ewigkeit. Mitternächtliche Versuchungen“ (Zsolnay Verlag)

Anna Kiesenhofer, Olympiasiegerin im Straßenrennen, ist Mathematikern. Sie sieht Analogien zwischen Mathematik und Radrennsport. Können Sie das auch für sich sagen? Hat Radfahren viel mit Ihrem Beruf zu tun?

Zwischen Radfahren und Philosophie gibt es eine Nähe. Gerade das ausdauernde Straßenfahren kann relativ monoton sein, und das setzt Denkprozesse frei. Dass körperliche Bewegung das Denken anregt, ist eine alte Vermutung. Es gab in der Antike mit den Peripatetikern eine eigene Philosophenschule, wo im Gehen philosophiert wurde. Radfahren ist zwar anders als Gehen, aber in der Grundbewegung ist es ein „Erfahren“ von Landschaft, das auch andere Erfahrungen möglich macht. Man setzt sich Prozessen der Selbstdisziplinierung und der Selbstreflexion aus. Für mich war diese physische Bewegung immer wichtig, um den Kopf freizubekommen. Beim Rennradfahren gibt es auch einen Wechsel von Lust und Leid, der ein intensives Spüren ermöglicht. Aber ich möchte das nicht überbewerten. Man kann auch gut philosophieren, wenn man sich nie von seinem Schreibtisch wegbewegt. Und man kann Radfahren, ohne zu denken.

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