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Chronik Österreich
08/06/2019

Pannen bei der eMedikation sorgen für Ärger bei den Ärzten

Zeitraubende Kinderkrankheiten der EDV. Unvollständige Angaben können Verwirrung stiften

von Josef Gebhard

An starken Tagen, etwa in der winterlichen Grippezeit, kommen bis zu 90 Patienten in die Ordination der Floridsdorfer Allgemeinmedizinerin Naghme Kamaleyan-Schmied. Das Letzte, was sie nicht nur in solchen stressigen Zeiten braucht, sind lästige EDV-Probleme.

Doch genau damit muss sich die Ärztin herumschlagen, seit sie seit gut einem Monat die eMedikation verwendet. Dieses Programm ist Teil der Elektronischen Gesundheitsakte (Elga). In dem System werden die Medikamente gespeichert, die dem Patienten verschrieben wurden. Das Verzeichnis soll behandelnden Ärzten helfen, unnötige Verschreibungen und das Risiko gefährlicher Wechselwirkungen zwischen Arzneien zu verhindern.

So weit die Theorie. In der Praxis litt die eMedikation, die seit dem Vorjahr schrittweise ausgerollt wird, zuletzt noch unter beträchtlichen Kinderkrankheiten, wie auch Kamaleyan-Schmied zu spüren bekam. „Da ich mehrere Behandlungsräume habe, habe ich in meiner Ordination acht Computer. Immer wieder kommt es vor, dass einer davon aus dem System rausfliegt. Wenn ich das Rezept ausdrucke, fehlt der nötige QR-Code. Ich muss dann die ganze Prozedur wiederholen, was extrem zeitraubend ist“, schildert die Ärztin.

Vierstündiger Ausfall

Sie ist nicht die Einzige, die sich über die eMedikation ärgert: Seit Ende März gab es bundesweit mindestens 13 Ausfälle des Systems, mit einer Stehzeit von bis zu vier Stunden. Das hat die Ärztekammer ermittelt, die Ärzten sogar vor einer Verwendung von Elga abrät. „Eine digitale Medikation muss absolut ausfallsicher sein. Ich erwarte mir ja auch von einem EKG-Gerät, dass es zu hundert Prozent funktioniert“, sagt Dietmar Bayer, Kammer-Referent für Telemedizin. „Hier haben wir es aber mit einem Montagsauto zu tun.“

Bayers Befürchtung: Wenn das System jetzt schon so anfällig ist, werde es die Zugabe der weiteren geplanten Funktionen (eBefund, eImpfpass) kaum verkraften können. „Ich bezweifle, dass der eImpfpass innerhalb der kommenden zehn Jahre eingeführt werden kann.“

Doch auch ohne technische Ausfälle habe das System Unzulänglichkeiten, kritisiert Kamaleyan-Schmied: „Patienten können entscheiden, dass bestimmte Medikamente nicht eingetragen werden, etwa Psychopharmaka, HIV-Medikamente oder Potenzmittel. Wenn man zum Beispiel als Urlaubsvertretung solche Patienten übernimmt, kann es passieren, dass man sich in falscher Sicherheit wiegt, weil solche Mittel nicht aufscheinen. Dann besteht die Gefahr, dass man Arzneien verschreibt, die sich damit nicht vertragen.“ Wünschenswert wäre, dass das System wenigstens signalisiert, dass die Liste unvollständig ist.

Es habe tatsächlich Ausfälle der eMedikation gegeben, räumt Volker Schörghofer, stv. Generaldirektor im Hauptverband der Sozialversicherungen, ein. Der Fehler habe sich im Zuge einer Hochrüstung eingeschlichen. „Seit rund zwei Wochen ist das Problem aber gelöst.“

e-Impfpass soll kommen

Trotzdem wurden nun zwei Experten von der TU Graz beauftragt. Sie sollen dafür sorgen, dass derartige Pannen künftig nicht mehr auftreten, sagt Schörghofer. Der eImpfpass soll wie geplant 2020 in Wien, NÖ und dem Burgenland als Pilotprojekt starten.

Dass nicht alle Arzneien erfasst werden, sei ein Recht der Patienten. Ärzten müsse bewusst sein, dass etwa Psychopharmaka nicht im System aufscheinen könnten. Sie sollten daher gezielt nachfragen.