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Chronik | Österreich
06/26/2019

Oberarzt warnt vor Hitzewelle: "Es wird wohl Tote geben"

2018 gab es fast doppelt so viele Hitzetote wie Verkehrstote. Mediziner Hans-Peter Hutter fordert, das Thema nicht weiter zu verharmlosen.

"Ich bin echt keine Spaßbremse", sagt Hans-Peter Hutter, der sich auf der MedUni Wien unter anderem mit den gesundheitlichen Folgen der Klimakrise beschäftigt, "aber wir müssen zu einer vernünftigen Haltung finden. Also ganz klar: Eine Hitzewelle ist eine heikle und kritische Situation für die Bevölkerung. Sie bringt Probleme für viele."

Die Gefahr werde aber nach wie vor unterschätzt, obwohl es „tatsächliche Opfer“ gibt. Das liege daran, dass man auf Hitzetote „schwer hinzeigen kann“. Es gebe nur die medizinische Diagnose des Hitzeschlages, erklärt Oberarzt Hutter, aber die meisten Hitzetoten würden nicht akut sterben. Meist sei es eine andere Todesursache, die durch die Hitze herbeigeführt wurde.

Darunter würden vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen fallen. Oder: „Es beginnt mit einer hitzebedingten Kognitionsverminderung und Sie fahren dann mit dem Auto gegen einen Baum. Oder dem Mitarbeiter auf der Baustelle wird schwindlig und er überhört Warnungen oder übersieht Gefahren“, so Hutter. Diese Fälle würden in der Statistik nicht als Hitzetote aufscheinen.

2018: 766 Hitzetote, 400 Verkehrstote

Aufgrund der unklaren Zuordnung, wann man in der Praxis von einem Hitzetod sprechen kann, haben Forscher eine andere Messart entwickelt, um auf das Problem der Hitzetoten hinzuweisen.

Mit der sogenannten „Hitze-assoziierten Übersterblichkeit“ werden in einer aufwändigen Rechnung jene Personen berechnet werden, deren Tod – inklusive Einbeziehung der saisonalen, durchschnittlichen Sterblichkeitsrate – in Hitzezeiträume fallen.

766 Menschen waren es 2018 in Österreich, ein Jahr davor 586. „Ja, die 766 Personen kann man als Hitzetote bezeichnen“, heißt es von der zuständigen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), „die Zahlen sind schon sehr genau.“

Aktuelle Hitzewelle "sehr, sehr ernste Angelegenheit"

"Es wird wohl Tote geben", sagt Hutter auf die Frage der Auswirkungen der aktuellen Hitzewelle in Österreich. Auch auf Nachfrage („Kein Konjunktiv?“ – „Kein Konjunktiv.“) bleibt er bei seiner Einschätzung. Die Daten würden es nahe legen. „Es wird zäh und vor allem für die Risikogruppen eine sehr, sehr ernste Angelegenheit.“

Besonders gefährdet seien ältere Personen („verminderte Trinklust“) und Säuglinge, bei denen das Thema oft unterschätzt werde. Auch der Wohn- und Arbeitsort („nicht nur Arbeiten draußen, sondern auch Köche, Bäcker und, ja, Friseure sind betroffen“) sei relevant.

Hutter empfiehlt nicht nur bei einsamen Menschen Nachbarschaftshilfe anzubieten, sondern auch daran zu denken, dass vielleicht nicht alle Nachbarn eigenständig ihre Jalousien schließen können oder lange in der Hitze einkaufen gehen können. 

Das Feld der Betroffenen ist breit. Aggressive Reizgase wie Ozon, die durch die UV-Strahlung in der Luft entstehen ("Sommer-Smog"), beanspruchen die Atemwege stark und können vor allem für Asthmatiker gefährlich werden, erklärt der Arzt.

14.000 Tote nach Hitzewelle in Paris

Die Verbindung zwischen Hitze und Tod wurde vielen erst so richtig im Jahrhundertsommer 2003 bewusst, als in Paris die Leichenhallen heillos überfüllt waren. „Die Stadt Paris musst eine Lebensmittelkühlhalde umfunktionieren zur Leichenlagerung“, erzählt in einem Video Franz Allerberger von der AGES, die dem Gesundheitsministerium untersteht.

Hutter, der die Hitzewelle 2003 wissenschaftlich untersucht hat (in Wien starben während dieser Welle demnach 130 Menschen) und die Pariser Zuständigen besuchte, spricht von über 14.000 Menschen, die damals innerhalb weniger Wochen in der französischen Hauptstadt aufgrund der Hitze verstarben.

Erst damals habe – in Frankreich - ein Umdenken stattgefunden und die Hitzewelle 2006 sei durch Warn- und Aufklärungsmaßnahmen viel besser – sprich mit signifikant weniger Toten -  gemeistert worden.

Seit 2017 Hitzeschutzplan für Österreich

Auch in Österreich habe sich viel getan. So präsentierte 2017 die damalige Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) einen Hitzeschutzplan, der eine Hitzewarnung an Krankenhäuser, Altersheime, Kindergärten und sonstige Einrichtungen vorsieht.

Aktuell „ist noch keine Hitzewarnung der ZAMG (Warnstufe rot) erfolgt“, erklärt Pressesprecher Oliver Gumhold vom Gesundheitsministerium, in den vergangenen Jahren sei das aber der Fall gewesen.

Das Ministerium möchte mit Tipps präventiv arbeiten und kündigt ein Hitzetelefon an, das von der AGES betreut wird. Der Hitzeschutzplan werde noch nicht bundesweit, sondern nur in einzelnen Bundesländern angewendet, erklärt das Österreichischen Rote Kreuz (ÖRK), das auf das „Cooling Center“ hinweist, das morgen Mittwoch im Wiener Shopping-Center-Nord eröffnet.

Dass die Rettung bei Hitze „rund zehn Prozent mehr Einsätze“ habe, wie es in einem Falter-Artikel von 2017 heißt, kann ÖRK-Rettungsdienstleiterin Monika Stickler nicht bestätigen. „Es gibt nur eine geringfügige Steigerung bei den Rettungseinsätzen.“

„Viele kleine Maßnahmen helfen“

Hutter geht es „unglaublich auf den Nerv“, dass das Thema so unrealistisch behandelt und von Medien meist mit harmlosen Fotos von Eiscreme und Badeseen bebildert wird. „Keine Frage, Sommer ist eine schöne Zeit, aber wir dürfen nicht vergessen, dass das nur für einen Teil der Bevölkerung so ist.“

Man müsse Tote nicht hoffnungslos hinnehmen, erklärt der Arzt. Ähnlich wie im Verkehr, der in den 1980ern noch 2.000 Tote forderte, könne man mit „Warnen, Aufklären, Informieren“ etwas verändern:„Viele kleine Maßnahmen wirken.“

Bleiben Sie flüssig
Der Mensch besteht zu rund 60% aus Wasser. Das Durstgefühl setzt erst dann ein, wenn unser Körper bereits viel Flüssigkeit verloren hat. „Trinken Sie an heißen Tagen zwei bis drei Liter über den Tag verteilt. Ideal sind kühles Wasser, ungesüßte Tees, verdünnte Fruchtsäfte oder auch kalte Suppen. Das hilft den Flüssigkeits- und Elektrolytverlust durch das Schwitzen auszugleichen“, sagt Wolfgang Schreiber, Chefarzt des Österreichischen Roten Kreuzes. Hände weg von Alkohol und Koffein – das belastet den Kreislauf zusätzlich.

Gute Nachricht für Warmduscher
„Duschen Sie nicht kalt, sondern mit lauwarmem Wasser, um sich zu erfrischen. Das öffnet die Poren und der Körper gibt die Wärme besser ab“, sagt Schreiber. Kalte Duschen bringen hingegen nur noch mehr ins Schwitzen, weil sich die Blutgefäße zusammenziehen und die Wärme schlechter entweichen kann.

Wasser marsch
Verdunstendes Wasser kühlt. Besprühen Sie Gesicht, Arme, Unterschenkel und Füße mit einer Sprühflasche. „Vor allem ältere Menschen brauchen Abkühlung. Sie schwitzen weniger als Jüngere. Dadurch wird ihre Körpertemperatur nicht ausreichend reguliert“, sagt Schreiber. Erfrischung bringen auch kalte Umschläge und Fußbäder.

Tipps für ein cooles Zuhause
Damit die Hitze draußen bleibt, schließen Sie untertags Vorhänge, Jalousien und Fensterläden. Lüften Sie morgens und abends gut durch und lassen Sie idealerweise die Fenster nachts offen. „Wenn das nichts nützt, ab ins Kino, Einkaufszentrum, in die Bücherei oder in das Cooling Center des Roten Kreuzes. Schon wenige Stunden im Kühlen entlasten den Körper erheblich“, sagt Schreiber.

Morgenstund hat Gold im Mund
„Vermeiden Sie körperliche Anstrengung in der Hitze“, sagt Dr. Schreiber. Nutzen Sie die kühlen Morgen- und Abendstunden, um Sport zu treiben oder Einkäufe zu erledigen. Machen Sie es wie die Spanier und halten Sie, wenn möglich, Siesta.  

Achtung Hitzenotfall
Wenn der Körper heiß läuft, kann es zu einem Sonnenstich und Hitzschlag kommen. Erste Warnsignale dafür sind: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Schlappheit, ein trockener Mund oder Krämpfe in Armen oder Beinen. Dann ist rasches Handeln gefragt. „Bringen Sie Betroffene in den kühlen Schatten. Setzen Sie die Person hin, sodass der Kopf und Oberkörper aufrecht sind. Geben Sie ihr zu trinken. Legen Sie zur Kühlung feuchte Tücher auf Stirn und Oberkörper. Wenn nach kurzer Zeit keine Besserung eintritt, rufen Sie die Rettung“, sagt Schreiber.

Lassen Sie niemals Kinder oder Tiere alleine im Auto zurück. Wenn die Sonne auf das geparkte Fahrzeug knallt, können die Temperaturen innerhalb weniger Minuten auf gefährliche 70 Grad steigen.

„Kümmern Sie sich um Ihre Mitmenschen“, appelliert Schreiber. „Fragen Sie doch Ihre Nachbarn – besonders dann, wenn es sich um ältere Menschen handelt, wie sie mit der Hitze zurechtkommen und ob sie Unterstützung benötigen.“