Chronik | Österreich
14.10.2018

Maurer: „Bin offensichtlich sehr polarisierend“

Wer ist die Frau, deren Kampf ein Gesetz gegen Frauenhass im Netz zur Folge haben könnte?

Zurückhaltung ist keiner der Begriffe, die einem in den Sinn kommen, wenn man an Sigrid Maurer denkt. Vielmehr sind es unverblümte Ansagen, große Gesten und eine gewisse „Pfeif-mir-nix“-Attitüde, die man mit der früheren grünen Nationalratsabgeordneten assoziiert – wie sie auch selbst weiß. „Ich bin offensichtlich sehr polarisierend, daran bin aber nicht nur ich schuld“, meint Maurer. Es passe wohl vielen nicht, dass sie sich als selbstbewusste junge Frau kein Blatt vor den Mund nehme. „Aber“, so Maurer, „das ist jetzt nicht mein Problem“.

Ihr jüngster Aufreger könnte nun ihren größten politischen Erfolg nach sich ziehen – und das ironischerweise fast ein Jahr nach dem (vorläufigen) Ende ihrer politischen Karriere. Denn nachdem Maurer im Mai an sie geschickte vulgäre Nachrichten veröffentlicht hatte, wurde sie zwar wegen übler Nachrede verurteilt (siehe rechts), brachte damit aber Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP) dazu, eine „rechtliche Möglichkeit“ zu fordern, sich gegen Frauenhass im Netz „rasch und unkompliziert zu wehren“. Eine Ansage, die Maurer „durchaus ernst“ nimmt – obwohl es „ein bisschen schräg“ und ungewohnt sei, dass plötzlich alle auf ihrer Seite stünden. Wobei das sicher nicht so wäre, wäre sie noch Abgeordnete – „weil dann wäre ich immer noch die blöde Grüne“, meint sie.

Die erste Auffälligkeit der langjährigen Bildungspolitikerin und heutigen Bildungsforscherin ist der aktuelle Fall freilich nicht. Nur ein Jahr, nachdem sie 2009 Bundesvorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) geworden war, erhielt sie 18 Monate Hausverbot im Parlament, weil sie Flugzettel von der Galerie geworfen hatte.

„Langweilige“ Grüne

Ende 2012 entschloss sich Maurer, für die Grünen für ein Mandat in ebenjenem Parlament zu kandidieren, errang es und zog 2013 als Wissenschaftssprecherin der Partei ins Hohe Haus ein, die sie zwei Jahre zuvor in einem Interview noch als „sehr langweilig“ bezeichnet hatte.

Vier Jahre später flog Maurer mitsamt den Grünen wieder aus dem Parlament. Sie verabschiedete sich Maurer-like mit einem Foto mit ausgestrecktem Mittelfinger, auch damals bereits an Hassposter gerichtet. Ob sie gerne aneckt? Es sei „kein Selbstzweck“, sagt Maurer. „Ich mache das, weil es etwas gibt, das man ändern muss.“

Langjährige Szenekenner sagen, Maurer gefalle sich in der Märtyrer-Pose. Eine enge Freundin meint, dass sie nicht aus Berechnung handelt, obwohl Maurer um ihre Wirkung wisse. Aber: „Sie macht das nicht für sich, sie will einen Präzedenzfall schaffen.“ Dazu passt die Einschätzung von Lara Köck, neben Maurer eine der Grünen Newcomerinnen 2013. „Wenn sie sich wo festbeißt, lässt sie nicht locker“, sagt die steirische Landtagsabgeordnete. Maurer habe immer „ihr Rückgrat behalten, intern wie extern“.

Breite Anerkennung

Das kämpferische bestätigen auch frühere politische Mitbewerber. Aber auch, dass man gut mit Maurer zusammenarbeiten könne, weil sie „immer Sachpolitikerin“ gewesen sei, sagt Claudia Gamon von den Neos. Außerdem sei sie „zielstrebig und fleißig“ – eine Zuschreibung, die durch die Bank von allen kommt, mit denen man über Maurer spricht. „Sie war von früh bis spät im Büro“, erzählt etwa Mirijam Müller, gemeinsam mit Maurer zwei Jahre an der ÖH-Spitze. Und auch wenn Maurer ein „Sturschädel“ sein könne, „habe ich gerne mit ihr gearbeitet“.

Das sagt auch einer, der Maurer schon lange kennt. Karlheinz Töchterle kommt aus demselben Dorf und traf immer wieder auf Maurer, erst an der Uni Innsbruck, dann im Parlament. „Trotz einer gewissen ideologischen Entfernung konnte ich ziemlich gut mit ihr“, sagt der Ex-ÖVP-Wissenschaftsminister. Persönlich hätten Maurer und er „ein sehr entspanntes Verhältnis“ gehabt. Davon abgesehen wäre sie „prädestiniert für die Politik“ – auch das ist ein Urteil, das alle teilen, die man nach Maurer fragt.

Und Maurer selbst? Ausschließen will sie eine Rückkehr in die Tagespolitik „auf keinen Fall“, wenn auch nicht sofort: „Ich glaube schon, dass es gut ist, verschiedene Dinge zu machen.“