Feminismus am Stundenplan: Wo es bald zum Maturafach wird
A wie Autonome Frauenhäuser. B wie Beziehungsgewalt. C wie Catcalling. "Finde zu jedem Buchstaben des Alphabets einen Begriff, den du mit Feminismus verbindest". Das ist die erste Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler des Reithmanngymnasiums in Innsbruck im Wahlmodul "We should all be feminists"(zu Deutsch: Wir sollten alle Feministen sein, Anm.) gestellt bekommen.
Denn Schule soll bekanntlich auf das reale Leben vorbereiten. Während in Wien über die von Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) beschlossene Lehrplanreform der AHS-Oberstufe ab dem Schuljahr 2027/28, das neue Fach "Medien und Demokratie" und die Notwendigkeit des Lateinunterrichts diskutiert wird, gibt es an manchen Schulen längst ein Angebot, das der "komplexen Welt" der Kinder entspricht.
Bereits seit fünf Jahren wird im Europa-, Real-, und Sportrealgymnasium Feminismus als Wahlmodul angeboten. Seit heuer gibt es das Fach in einem aufbauenden Zweiermodul. Feminismus wird damit maturabel. "Im Schuljahr 2027/28 wird es voraussichtlich auch die erste Schülerin oder den ersten Schüler geben, die/der in Feminismus maturiert“, erklärt die Lehrerin und Mitgründerin des Feminismus-Moduls Anja Duschek dem KURIER.
Warum ist das wichtig? "Im Unterricht bringen wir den Schülerinnen und Schülern feministische Perspektiven näher, weil es ihre Lebenswelt betrifft. Die Unterschiede, die gesellschaftlich zwischen Männern und Frauen bestehen, werden zwar besser, aber die Benachteiligung der Schülerinnen ist Realität", erklärt die Deutsch- und Italienisch-Lehrerin, die die Feminismus-Fächer mit ihrer Kollegin Magdalena Mair ins Leben gerufen hat.
"In den Feminismus-Modulen berichten viele Kinder von ihren eigenen Erlebnissen – in der Schule wurde dieser Unterricht zum Safe-Space.“ Zudem würden die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass alle gleiche negative Erfahrungen gemacht haben und es nicht ihr persönliches Problem ist, sondern dass es daran liegt, dass das Patriarchat ein System ist.
Aus dem Leben der Schüler
Das Patriarchat, seine Folgen und wie es das Leben der Schülerinnen und Schüler beeinflusst, fließen auch in andere Wahlfächer am Reithmanngymnasium ein. Etwa im Wahlfach "What is love?", das sich kritisch-feministisch "mit der Ehe als patriarchaler Institution, dem Scheidungsrecht, unterschiedlichen Beziehungsmodellen und toxischen wie gewaltvollen Beziehungen beschäftigt", erklärt Duschek. Im Wahlfach "My Body, my Choice", das ab dem kommenden Schuljahr ausschließlich für Mädchen angeboten wird, werde es um den weiblichen Körper, den Zyklus, Schönheitsideale, Verhütung, Körperbehaarung, Hormone und das Wohlbefinden der Mädchen im eigenen Körper gehen. An Jungs richte sich das neu kreierte Fach "Oh Mann... Männlichkeit zwischen Meme und Macht“, das sich kritisch mit toxischer Männlichkeit, dem Patriarchat und der Manosphere auseinandersetzen werde. "Das hat bei männlichen Schülern eingeschlagen", berichtet Duschek. Das Interesse der Schülerinnen und Schüler an diesen Wahlfächern sei insgesamt sehr hoch. Die Module seien bei einer maximalen Teilnehmerzahl von 22 fast ausgebucht.
Das ist möglich, weil das Reithmanngymnasium eine Modulare Oberstufe hat. Das heißt, Schülerinnen und Schüler können sich neben den Pflichtfächern Module entlang ihrer eigenen Interessen aussuchen. Neben dem Modul-Cluster "Kunst und Kultur", in dem die Feminismus-Module, aber auch "Alpha-Kurse" über die Grundlage des christlichen Glaubens abgehalten werden, können die Kinder auch Module aus den Clustern "Angewandte Informatik", "Angewandte Naturwissenschaften", "Gesundheit und Sport" und "Globale Vernetzung" wählen. Die Schülerinnen und Schüler müssen für eine mündliche Reifeprüfung Inhalte aus 4 Modulen aus einem Cluster wählen, um darin maturieren zu können.
Als Wahlfach zu wenig
Für die Lehrerin ist Feminismus als schulautonomes Wahlfach aber zu wenig. Es gab heuer bereits elf Femizide, quasi wöchentlich flögen Chat-Gruppen auf, in denen sich zigtausend Männer austauschten, wie sie Frauen betäuben und vergewaltigen können. "Es ist höchste Zeit, dass Feminismus wie das neue Fach Medien und Demokratie bundesweit als eigenes Fach eingeführt wird", fordert Duschek.
Dem erteilt das Bildungsministerium auf KURIER-Anfrage eine Abfuhr: Geschlechtergerechtigkeit, Gewaltprävention und gleiche Chancen für alle Geschlechter sollen zwar als übergreifendes Thema von der Volksschule an verbindlich im Unterricht verankert und in mehreren Fächern behandelt werden. Aber: "Eine bundesweite Einführung eines eigenen Schulfachs Feminismus ist derzeit nicht geplant". In der Lehrplanreform sieht Duschek daher eine verpasste Chance.
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